Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters

Ausst. Kat. Kunstmuseum Wolfsburg
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Erdöl – kein anderer Rohstoff durchdringt so viele Bereiche unseres Lebens: unsere Städte, unsere Körper, unsere Emotionen. Die Publikation Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters bietet komplex und vielfältig wie nie zuvor einen transdisziplinären Einblick in das globale Zeitalter des Erdöls und wie es Kunst und Künstler*innen inspirierte. Anhand rund 250 internationaler künstlerischer Positionen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute sowie historischer Objekte, die bis ins Altertum zurückreichen, wird dieser ambivalente Stoff mit all seinen komplexen wissenschaftlichen, technologischen und kulturellen Verbindungen und Kontexten auf 400 Seiten mit rund 350 Abbildungen beleuchtet.
Mit einem Vorwort von Andreas Beitin, einer Einleitung von Alexander Klose und Benjamin Steininger, Texten von Akintunde Akinleye, Leila Alieva, Dominic Boyer, Jan von Brevern, Heather Davis, Elena Engelbrechter, Christoph Engemann, Timothy Furstnau, Eckhart Gillen, Rüdiger Graf, Helmut Höge, Isabel J. Piniella Grillet, Karen Pinkus, Christian Schwarke, Suwarno Wisetrotomo und Susanne Witzgall sowie der eigens für das Projekt geschaffenen Textintervention Ölspur von Bernhard Hopfengärtner.

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FALTER-Rezension

"Fossile Stoffe reichen bis in unsere Körper"

Die Kulturforscher Alexander Klose und Benjamin Steininger über Horror und Schönheit des Erdöls und den Ausgang der Klimakonferenz

Kein anderer Stoff hat das moderne Leben so geprägt wie das Erdöl, sagen Alexander Klose und Benjamin Steininger: Wir kleiden uns darin, wir düngen unsere Pflanzen damit, wir reisen, kommunizieren und unterhalten uns dank ihm. Öl hat der Menschheit zuvor nie gekannte Freiheiten beschert. Aber auch Konflikte, Ungerechtigkeiten und Abgründe unserer Zeit gehen auf das "schwarze Gold" zurück, und der Kampf gegen die Klimakrise und Plastikmüllberge macht nun den Abschied von ihm notwendig.

Benjamin Steininger, der als Wissenschafts-und Technikhistoriker und Kurator in Wien und Berlin lebt und arbeitet, sowie der Berliner Kulturforscher, Kurator und Publizist Alexander Klose haben das Forschungskollektiv "Beauty of Oil" gegründet. Gemeinsam haben sie das Buch "Erdöl. Ein Atlas der Petromoderne" verfasst, das in Deutschland zu einem der "25 schönsten Bücher 2021" gekürt wurde. Es erzählt von Tiefenbohrungen, Raumfahrten und sagenhaftem Reichtum genauso wie von Blitzkrieg und Wertevernichtung.

Im Kunstmuseum Wolfsburg (Niedersachsen) läuft aktuell die von Steininger und Klose mitgestaltete Ausstellung "Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters"(bis 9.1.2022). Aus einer fiktiven Zukunft wirft sie einen Blick zurück auf das Typische an der Erdölmoderne und darauf, wie sie sich in Kunst und Kultur widerspiegelt. Dem Falter haben Alexander Klose und Benjamin Steininger erklärt, warum wir mit dem Öl enger verflochten sind, als uns bewusst ist, warum wir uns gar so schwer von ihm trennen können und wie die Weltklimakonferenz in Glasgow zu bewerten ist.

Falter: Herr Steininger, Herr Klose, mit Ihrer Ausstellung wollen Sie zeigen, was großartig und schön, was hässlich und

furchtbar und was typisch am Erdölzeitalter ist. Genauer sprechen Sie von der "Petromoderne". Was meinen Sie denn mit diesem Begriff?

Alexander Klose: Die Petromoderne ist die Phase der industriellen Moderne, die der Gebrauch von erdölbasierten Technologien und Materialien kennzeichnet. Sie beginnt im Prinzip mit dem Verbrennungsmotor. Gemeint ist also die Epoche ab dem späten 19. Jahrhundert, in der das Erdöl die von der Kohle getragene Industriemoderne erweitert hat.

Und was ist das Typische daran?

Klose: Erdöl ist als Energieträger speziell der Mobilität, aber auch der chemischen Industrie in fast alle Lebensbereiche eingesickert. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind Kosmetik, Pharmazie und Plastik omnipräsent, ebenso wie Siedlungsstrukturen mit Einkaufszentren und Vororten, in die man nur noch mit dem Auto kommt. Zur Stoffpalette des petromodernen Way of Life gehören außerdem Kunstdünger, Lösungsmittel, Nylon, Gore- Tex, Kunstgummi, Schaumstoffe. Selbst die digitale und "smarte" Technik, gern als das Neue, Körperlose gehandelt, bewirkt ja einen enormen Energieverbrauch. Damit kann man den typisch modernen Lebensstil überhaupt nicht mehr von der petrochemischen Grundlage trennen

Aber das Schöne am Öl, was soll das denn sein?

Benjamin Steininger: Dass damit Dinge, Erlebnisse und Erkenntnisse möglich wurden, die einzigartig dastehen in der gesamten Kulturgeschichte. Etwa in ein Flugzeug zu steigen und um die halbe Welt zu fliegen, die gesamte Unterhaltungsindustrie, so etwas Banales wie Südfrüchte im Winter. All das wurde zumindest im europäischen Westen für die breite Masse verfügbar. Und es hat sich nicht nur ein plumper Konsumismus entwickelt, sondern auch eine enorm differenzierte, kritische Kulturlandschaft. Hochkultur, aber auch alle Strömungen der Gegenkultur und diverse Lebensstile.

Die Freiheitsgewinne durch das Auto zum Beispiel, argumentieren Sie, gehen weit über das Offensichtliche hinaus, dass sich damit eben schnell weite Entfernungen überwinden lassen.

Klose: Ja, das fängt damit an, dass in Amerika die Mehrheit der Bevölkerung seit Jahrzehnten ihren ersten Sex im Automobil der Eltern hat. Das Auto ermöglicht auch Leuten, die in latent gewalttätigen Familiensituationen aufeinanderhocken, dem eine Zeitlang zu entfliehen, schon weil es ein geschlossener geschützter Raum ist. Das gilt auch für Frauen, die in beengten Geschlechterverhältnissen leben und plötzlich durch die Gegend fahren können.

Wie im Film "Thelma und Louise".

Klose: Genau. Das Auto hat oft der Inszenierung von gesellschaftlich abweichenden Verhaltensweisen gedient. Etwa im Roadmovie "The Adventures of Priscilla, Queen of the Desert", wo Transvestiten im Bus durch das australische Outback fahren.

Und weil so viele Freiheiten mit dem Erdöl verwoben sind, können wir uns so schwer von ihm trennen?

Steininger: Wir sind gerade erst dabei zu begreifen, wie eng wir mit den fossilen Stoffen verflochten sind. Via Düngemittel und Pharmazie reichen sie buchstäblich bis in unsere Körper, und sie reichen auch in unser Begehren hinein. Es geht also um sehr viel mehr als nur um den plakativen Flugverkehr. Vergleicht man das mit einem menschlichen Organismus, müsste man das komplette Aderngeflecht und alle Nervenstränge herausoperieren.

Wie also kommen wir da raus?

Steininger: Wir werden sortieren müssen, was die Verhängnisse der Petromoderne sind und wo wir wirklich ein Türchen in eine bessere Welt aufgemacht haben. Natürlich werden wir nicht auf eine Hochtechnologie etwa in der Medizin verzichten wollen. Niemand will in Laboren sitzen, die mit Bienenwachskerzen beleuchtet sind. Wenn hingegen Ausbeutungsregime verschwinden, die sich auf Öl und andere fossile Rohstoffe gestützt haben, geht nichts verloren. Da ist es gut, wenn der Hahn abgedreht wird und wir zu einem Ausgleich der Entwicklungschancen im globalen Norden und im globalen Süden kommen. Es ist gar nicht so kompliziert zu sortieren.

Aber wir werden nicht alles behalten können, was wir gern behalten würden.

Klose: Nein, wir können die Hähne der Verschwendung nicht so weit aufgedreht lassen wie jetzt. Die große Gefahr ist, dass nur noch einem kleinen Teil der Bevölkerung weiterhin ein gewisser Ressourcenverbrauch zugestanden wird, während wir normalen Leute irgendwelchen Beschränkungen unterliegen. Da geht es um eine soziale Frage. Daher möchten wir aufrufen: Leute, wir müssen uns von der Petromoderne verabschieden. Wenn ihr diesen Prozess aktiv mitgestalten wollt, müsst ihr euch überlegen, was ihr davon behalten und was ihr loswerden wollt.

Wann geht das Erdölzeitalter zu Ende?

Klose: Das ist wahnsinnig schwer zu prognostizieren, weil es nicht wie vor 20 Jahren angenommen davon abhängt, wie lange noch Öl vorhanden ist. So lange zu warten, wäre auf jeden Fall zu lang. Vielleicht gelingt es uns ja, chemische oder andere Energieträger zu finden, die Erdöl und Kohle weitgehend ersetzen können. Dann würde die Petromoderne weitergehen, nur ohne Petro. Ich glaube, dass das der geheime Wunsch der meisten Leute ist. Weil alles andere so schwer vorstellbar ist.

Steininger: Die Petromoderne wird die fossilen Energieträger überdauern, weil sie Standards gesetzt hat, die schwer zu ändern sind. Wir sehen das etwa bei der Elektromobilität, wo wir vielleicht nur das eine Monster durch das andere austauschen. Selbst aufgeklärte Leute setzen sich mit größter Freude in einen Tesla und denken nicht darüber nach, wo die Energie und Ressourcen dafür herkommen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie das Hochlebenlassen des Öls mit traditionellen bis toxischen Männlichkeitsbildern einherging: wagemutige Ingenieure, Abenteurer, die auf der Jagd nach Öl die Erde durchbohren, Helden in dicken Autos.

Kommen wir auch deswegen so schwer weg vom Öl, weil die traditionellen Männer das alles nicht hergeben wollen?

Klose: Klar, auch. Für viele Männer fühlt es sich immer noch so toll an, im schnellen BMW zu sitzen, auch wenn sie dann damit nur im Stau stehen und seine PS niemals werden ausfahren können. Die haben panische Angst davor, kein Auto mehr zu haben, und hängen an einer Männlichkeitsrolle, die in unserer Gesellschaft gar nicht mehr ausgelebt werden kann.

Steininger: Wobei Tesla-Chef Elon Musk gleichermaßen diese petromoderne Männlichkeit verkörpert wie Donald Trump und Wladimir Putin, der sich gern im Cockpit von Kampfjets filmen lässt. Das Beispiel Musk zeigt, dass man sich nicht allein durch den Austausch des Antriebsmittels aus dieser Rolle lösen kann.

Nach wie vor werden kräftig neue Pipelines gebaut. Nord Stream 2, das Erdgas von Russland nach Deutschland transportieren soll, soll demnächst in Betrieb gehen. Die EU-Kommission hat erst vergangene Woche Milliardenförderungen für Gasprojekte in Aussicht gestellt. Ist für die Menschheit Hopfen und Malz verloren?

Steininger: Pragmatisch gesehen könnte man sagen: Wenn wir den enormen Anteil an Kohlestrom erst einmal durch Gasstrom ersetzen, senkt das die Emissionen. Andererseits zementiert man natürlich mit dem Bau von Infrastruktur den Status quo bis in alle Ewigkeit. Daher ist es ein falsches Signal.

Klose: Allerdings war es bei historischen Wandlungsprozessen noch nie so, dass irgendwann alle Weichen auf einmal gestellt wurden. Das ist immer ein länger dauerndes, widersprüchliches Geschehen. Drei Schritte vor, zwei zurück oder umgekehrt. Man könnte natürlich verzweifeln, andererseits muss man sehen, welche Entscheidungen gleichzeitig auch gefällt werden. Es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig als der Wechsel. Ansonsten werden die Lebensverhältnisse auf dieser Erde in absehbarer Zukunft für einen großen Teil der Menschen unerträglich. Und das ist in niemandes Interesse, auch nicht in dem der großen profitorientierten Unternehmen. Im Frieden und in einer geregelten Welt lassen sich wesentlich mehr Profite machen. Deswegen glaube ich, dass wir es schaffen.

Am Ende der Klimakonferenz hat COP26-Präsident Alok Sharma mit den Tränen gekämpft, es gab aber auch minutenlangen Applaus für das Endergebnis. Umwelt-NGOs sehen das Ergebnis als zu schwach, Greta Thunberg sagt, alles bloß Blabla. Wie sehen Sie das?

Steininger: Die Rolle der Weltklimakonferenz ist zwiespältig. Sie ist natürlich weniger effektiv in ihren Entscheidungen als ein autoritärer Weisenrat aus einem Science-Fiction-Film. Aber würden wir dem mehr folgen?

Klose: Dass wirklich alle Staaten hier im gemeinsamen Interesse zusammenkommen, ist bei allen Problemen und auch bei aller Enttäuschung bereits ein Wert an sich. Bei welchem anderen Thema hat man das je gesehen?

Den Subventionen für Öl, Gas und Kohle sollte es ja weltweit an den Kragen gehen, nun sollen aber doch nur "ineffiziente" Förderungen gestrichen werden. Bringt diese Erklärung etwas?

Steininger: Fossile und damit viel zu leicht verfügbare und viel zu billige Energie ist seit 200 Jahren das Lebenselixier der globalen Ökonomie. Dass diese Droge weiterhin subventioniert werden darf, ist ein Irrsinn. Denn es geht ja umgekehrt darum, den Ausstieg aus Kohle und Öl staatlich zu erleichtern. Hier hätte man sich sicher mehr erwartet.

Schon greifbar nah schien der globale Kohleausstieg, bis Indien im letzten Moment noch blockiert hat. Nun soll die Kohlenutzung bloß heruntergefahren werden

Klose: Es ist ein ökologisches und politisches Grundverhängnis, dass im Kapitalozän - also jenem erdgeschichtlichen Zeitalter, das von mit Gewinnstreben handelnden Menschen bestimmt wird, ein Alternativvorschlag zum Begriff des Anthropozäns, der die Verantwortung für die Misere allen Menschen gleichermaßen aufbürdet -, dass in diesem Zeitalter wirtschaftliche Entwicklung an den Raubbau von Ressourcen und damit an die Zerstörung des Planeten gekoppelt war.

Steininger: Wenn Indien jetzt die Kohle noch etwas länger nutzen will, weil es noch immer keine andere Entwicklungsmöglichkeit sieht, dann kann man das als bittere Pille bezeichnen. Es ist im Grunde aber die Nachwirkung einer ganzen Apotheke voller bitterer Pillen, die wir selbst seit zwei Jahrhunderten schlucken und die wir dem globalen Süden verabreichen. Dass die Abkehr von der Kohle intensiv diskutiert wurde, ist aber auch ein Fortschritt. Sie hat ja einen riesigen Anteil an den CO₂-Emissionen. Wir haben sie in Europa fast verdrängt, obwohl sie als Braunkohle etwa in Deutschland immer noch -oder sogar wieder -grotesk wichtig ist. Die ganze Welt ist voller rauchender Kohlekraftwerke, und mit jedem chinesischen Importprodukt nützen auch wir den chinesischen Kohlestrom mit.

Heftig gestritten haben die Teilnehmer in Glasgow darüber, welche Länder die größte Verantwortung für die Klimakrise tragen. Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus: je nachdem, ob man bloß die Gegenwart betrachtet oder die gesamte Zeit seit Beginn der Industrialisierung, ob man berücksichtigt, wer für wen welche Produkte herstellt Was ist denn Ihre Antwort?

Steininger: Es ist sonnenklar, dass der fossil industrialisierte Lebensstil ab dem Jahr 1800 in Europa und dann in den USA um sich gegriffen hat. Die beiden haben am meisten von dieser Sonderstellung profitiert, die alten kolonialen Strukturen haben sich damit noch einmal verstärkt. Zwar hat sich dieser Lebensstil im ausgehenden 20. Jahrhundert über die gesamte Welt verbreitet, doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der alte Westen die größte Bringschuld hat.

Nun droht die Bevölkerung der ärmsten Länder der Welt durch die Folgen der Klimakrise aktuell oder schon bald ihre Heimat zu verlieren. Sie fordern daher eine finanzielle Kompensation, die USA und die EU haben das aber abgelehnt. Was wäre denn da Ihrer Meinung nach angebracht?

Klose: Selbstverständlich schulden wir diesen Ländern etwas. Ob einfache Geldzahlungen der richtige Weg sind oder doch eher gemeinsam getragene Auf-und Umbauanstrengungen, sei dahingestellt. Jedenfalls können wir diese Länder nicht über Jahrhunderte kolonial ausbeuten, durch Umweltzerstörung ihrer Lebensgrundlagen berauben und dann so tun, als ob sie das alles selbst verantwortet hätten.

Gerlinde Pölsler in Falter 46/2021 vom 19.11.2021 (S. 58)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783753300979
Erscheinungsdatum 06.09.2021
Umfang 400 Seiten
Genre Kunst/Bildende Kunst
Format Taschenbuch
Verlag König, Walther
Herausgegeben von Andreas Beitin, Alexander Klose, Benjamin Steininger
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