Der Wachsmann-Report
Auskünfte eines Architekten

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Verlag: Birkhäuser Verlag GmbH
Genre: Kunst/Architektur
Erscheinungsdatum: 01.05.2001

anlässlich des 100. Geburtstags von Konrad Wachsmann, einem Pionier der Architektur im 20. Jahrhundert, erschien die Neuausgabe seiner Lebensgeschichte.

Rezension aus FALTER 41/2001

Zum hundertsten Geburtstag von Konrad Wachsmann wieder aufgelegt: Die wunderbare Biografie des deutsch-amerikanischen Architekten als anekdotenreicher Rückblick auf die Moderne.

Der in Los Angeles lebende Architekt Konrad Wachsmann, 1901 in Frankfurt an der Oder geboren, kam 1979 nach Ost-Berlin, um an einer Gedenkfeierlichkeit für Albert Einstein teilzunehmen. Wachsmann hatte 1929 für Einstein ein Haus entworfen, ein Geschenk der Stadt Berlin an den Nobelpreisträger. Nach der Feier sprach ihn ein junger Journalist an. Es war der Anfang eines Gesprächs, das sich über die fünf Tage und Nächte von Wachsmanns Aufenthalt in der DDR erstreckte. Siebenundzwanzig Stunden Tonbandmaterial blieben übrig und wurden vom Interviewer Michael Grüning zu einer Biografie montiert, die nicht nur aufgrund der Ausstrahlung des Befragten, sondern auch durch die literarischen Fähigkeiten des Autors zu einem überaus spannenden Zeitzeugnis geworden ist.

Vor dem Auge des Leser entfaltet sich eine wahre Ahnengalerie der Moderne. Der Architekt Le Corbusier wird in seinen naiven politischen Einschätzungen des Hitler-Regimes geschildert. Den Mitgliedern der Familie Thomas Manns begegnete Wachsmann zuerst im Berlin der Zwanzigerjahre, in der Emigration in Frankreich, später dann in Kalifornien. Wachsmanns Leben ist eine Perlenkette von Anekdoten. So traf er Picasso, der seinen Hund mit feinen Fleischstücken fütterte, während in der Nachbarschaft die antifaschistischen Emigranten verhungerten. Wachsmann selbst stellt sich als schelmischer Navigator durch die Stromschnellen des Jahrhunderts dar, der schon Anfang der Zwanzigerjahre nach Schulabbruch seine Nase in die richtigen Sachen steckte, etwa in die Berliner Theaterwelt von Max Reinhardt, Erwin Piscator und Bert Brecht, die er persönlich auch alle gut gekannt hat.

Da erzählt einer, der sich als Architekturstudent dem wissenschaftlichen Geist der Epoche verschrieb, und der - obwohl dem Bauhaus nicht als Schüler angehörig - doch dessen Traum einer besseren Welt durch bessere Gestaltung verpflichtet war. Standardisierung, Serienproduktion, industrielle Fertigung und modulare Bausysteme sind die Schlagwörter einer Erneuerung der Architektur im Geiste des wissenschaftlichen Zeitalters, und Wachsmann hatte Gelegenheit, dieses Programm zu realisieren, zuerst als Chefarchitekt der Firma Unmack, der größten Holzbaufirma Europas.



Nach seiner Flucht in die USA entwickelte er das "General-Panel-System", einen Hausbaukasten, der sich von ungelernten Arbeitern innerhalb eines Tages zusammensetzen ließ. "Das wird der Stil der neuen Zeit sein, einer Zeit, in der wahrscheinlich weder die Architektur noch die Kunst den Zivilisationsprozess fördern. Chemie, Physik, Elektronik, neue Energien und eine neue Weltökonomie werden das Gesicht der kommenden Welt prägen. Vielleicht dürfen Architekten als Koordinatoren dabei mitwirken, als Generalisten und Planer," sagt Wachsmann zwischen einem Cognac und der nächsten Zigarette.

Das Buch ging erst 1986 in Druck, weil die DDR-Verlage zunächst die Veröffentlichung ablehnten. Zu wenig konform schien Wachsmanns Sicht der Dinge. Aus einer Überarbeitung und Erweiterung wurde nichts, da sich das Archiv des Autors in einem Verlag befand, der nach der Wende liquidiert wurde. Zum hundertsten Geburtstag dieses Ahnengaleristen der Moderne erscheint nun dieses wunderbare Buch im Reprint.Ähnlich schillernd wie das Leben Wachsmanns sind jene Episoden über die britische Nachkriegsmoderne, die das Buch "As Found - Die Entdeckung des Gewöhnlichen" schildert. 1952 konstituierte sich am ICA (Institute of Contemporary Art) in London die Independent Group, eine Vereinigung von Künstlern, Kritikern und Architekten. Während das ICA als britisches Museum of Modern Art noch ganz der Dichotomie zwischen Avantgarde und Kitsch verpflichtet war, dachten die Mitglieder der Independent Group längst in offenen, in nichtkünstlerische Felder hineinreichenden Kategorien.

1953 verwirklichten vier Gründungsmitglieder der Gruppe, der Künstler Eduardo Paolozzi, der Fotograf Nigel Henderson und die Architekten Alison und Peter Smithson am ICA eine programmatische Ausstellung. Sie hieß "Parallel of Life and Art" und zeigte Abbildungen aus archäologischen, anthropologischen und naturwissenschaftlichen Quellwerken; ohne erkennbare Ordnung waren auch Agenturfotos oder Röntgenaufnahmen dazwischengehängt. Ein völlig neues, spartenübergreifendes visuelles Denken kam hier zum Ausdruck: Kunst wurde hier weniger als eine Frage des Gestaltens als ein Akt des Wählens betrachtet.

Unter dem Titel "As Found" wird nun eine konzeptionelle Haltung auf den Begriff gebracht, die Künstler mit Schriftstellern, Architekten mit Regisseuren im Bemühen einte, den Alltag zur Bühne ästhetischer Praxis zu machen. Es gehört zu den Vorzügen dieses reich illustrierten Buches, dass es nicht für Insider geschrieben ist, sondern einen didaktischen Leitfaden durch bislang verstreut publiziertes Material bietet.

Matthias Dusini in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 35)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

As Found (Claude Lichtenstein, Thomas Schregenberger)

Rezension aus FALTER 32/2001

Gute Architekten werden in der Regel berühmt, wenn sie ihre Qualitäten wortreich vermitteln können. Daher werden professionelle Architekturvermittler manchmal populärer als die Baukünstler, über die sie schrieben. Umso erstaunlicher ist es, dass der deutsche Kunsthistoriker Heinrich Klotz in seinen Memoiren "Weitergegeben" einen etwas wehleidigen Ton anschlägt, der an einen Architekturvisionär erinnert, dem nie eine Baugenehmigung erteilt wurde. Als Herausgeber des Interviewbandes "Architektur im Widerspruch" (1973) und Veranstalter des Symposiums "Das Pathos des Funktionalismus" (Berlin, 1974) wurde Klotz zum Apologeten der Postmoderne in Europa. Ein Jammer, dass sein Kollege Charles Jencks den Begriff Postmoderne für sich verbuchen konnte: Klotz' Begriff des Postfunktionalismus war wohl zu holprig.Wortgewaltig ließ dagegen der deutsch-amerikanische Architekt Konrad Wachsmann während eines DDR-Besuchs 1979 sein Leben Revue passieren. Während der fünftägigen Reise schnitt der Journalist Michael Grüning auf Tonband mit und publizierte die Abschrift 1986 im Löcker Verlag. Grüning vollführte einen redaktionellen Kraftakt, um die DDR-Kritik Wachsmanns an den Stasi-Organen vorbeizuschmuggeln. Diese DDR-Perspektive gibt der Neuausgabe unter dem Titel "Der Wachsmann-Report" eine zusätzliche literarische Qualität. In erster Linie ist es aber sicher eine der spannendsten Selbstauskünfte eines Protagonisten der Moderne, der trotz ausgiebigen Alkoholkonsums die Ohren immer offen hielt, wenn Else Lasker-Schüler in Berlin, Heinrich "Heini" Mann als Emigrant in Paris oder Le Corbusier als Verharmloser des Nazi-Regimes aus der Schule plauderten.

Matthias Dusini in FALTER 32/2001 vom 10.08.2001 (S. 54)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Weitergegeben. Erinnerungen (Heinrich Klotz)

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