Killing Screens
Medien in Zeiten von Konflikten

von Dusan Reljic

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Verlag: Droste
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 16/1999

Medien im Krieg

Können Medien Kriege verursachen, können sie zum Frieden beitragen?

Im Hochsommer 1997 war der Friedensprozeß in Bosnien-Herzegowina zum Stillstand gekommen. Diplomatische Initiativen und militärische Drohgebärden schienen insbesondere auf den extrem nationalistischen Teil der Führung der bosnischen Serben keinen Eindruck mehr zu machen. Im Gegenteil, im Fernsehen, das unter ihrer Kontrolle stand, wurden die internationalen Friedenstruppen immer öfter als Besatzer bezeichnet. Es wurden Aufnahmen von NATO-Panzern gezeigt, immer wieder unterbrochen durch Archivsequenzen von Truppen der Nazi-Besatzer im Zweiten Weltkrieg." Der deutsche Außenminister Klaus Kinkel schlug daraufhin den Einsatz von Störsendern vor, ein amerikanischer Senator schloß sich mit Details an, wie vom Fluggerät EC-130E Commando Solo direkt Hörfunk- und Fernsehprogramme an die bosnisch-serbische Bevölkerung auszustrahlen wären. Die amerikanische Zeitschrift Foreign Affairs rückte mit dem Plan einer "Informationsintervention" heraus, speziell für Gebiete, in denen ethnische Konflikte zu erwarten waren.

In Bosnien schließlich begnügte sich die internationale Friedenstruppe damit, einige der schlimmsten "schwarzen Kanäle" mit Soldaten zu besetzen, um sie auf diese einfache Weise am Senden zu hindern. Bei den anschließenden Wahlen behaupteten sich jedoch die radikal nationalistischen Parteien, obwohl sie ihrer Propagandainstrumente beraubt waren. Diese Informationen und das Eingangszitat stammen aus einem der kenntnisreichsten Bücher zum Thema "Medien und Krieg", aus dem Buch "Killing Screens. Medien im Zeitalter von Konflikten". Geschrieben hat es der in Belgrad geborene Dusan Relji'c, heute Leiter des Demokratieprogramms am Europäischen Medieninstitut in Düsseldorf. Relji'c, einst selbst oppositioneller Journalist, hat dieses Buch verfaßt, weil er "besser verstehen wollte, was meinem Land, meinem Beruf und auch mir selbst zugestoßen ist". Nachdem er "eines Morgens im Frühherbst 1993 auf offener Straße in Belgrad von unbekannten Männern verschleppt" worden war, die ihn 48 Stunden lang in einem Geheimgefängnis verhörten, war ihm klar: "Es gibt keinen Schutz für Journalisten, wenn sie den Machthabern in die Quere kommen." Also verließ Relji'c, der seiner Meinung nach nur aufgrund von internationalen Protesten überhaupt wieder freikam, Jugoslawien.

In seiner Studie geht es nicht nur um die Rolle der Medien in Serbien, sondern generell um die Frage: Können Medien ethnische Konflikte verursachen? Relji'c' Antwort: nein. Aber sie können die Spirale des Hasses schneller ausdehnen, sie höher drehen, und sie können die fatale Konstruktion von Feindbildern stützen. Relji'c' Untersuchung beschränkt sich nicht auf Bosnien und Serbien und den Kosovo, sie bezieht sich auch auf Mazedonien und Nordirland. Die Ergebnisse lesen sich in jedem Fall gleich. Schließlich ist so etwas wie nationale Identität - Relji'c zitiert den Historiker Eric Hobsbawm und den Nationalismus-Theoretiker Ernest Gellner - ohne moderne Medien weder erfahrbar noch überhaupt herstellbar. Relji'c' Thesen: Medien verquicken Geschichte mit Aktualität, das heißt, sie ermöglichen den Umbau und Neubau von nationaler Identität (vom Vielvölkerstaat in eine "reine Ethnie"). Medien inszenieren Konflikte, sie verzerren das Bild einzelner Gruppen: Friedfertige werden unter-, Brutale überzeichnet. Und: Öffentlich-rechtliche Medien können ihre integrierende Rolle in ethnischen Konflikten nicht mehr spielen.

Relji'c' Fazit: "Erst reale Gewalt, mit der politische Machtzentren die Medienautonomie einschränken oder zur Gänze abschaffen, öffnet die Schleusen für die Sprache des Hasses in den Medien. Das zieht weitere Kreise von Gewalt mit sich, bis das Land in Flammen aufgeht. Nicht das Wort in den Medien aber steht am Anfang und am Ende des Konflikts, sondern die Hand an den Hebeln der Macht in Staat und Gesellschaft."

Armin Thurnher in FALTER 16/1999 vom 23.04.1999 (S. 18)


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