Im Land der Advokaten
Wovon Anwälte reden, wenn sie vom Recht reden

von Lawrence Joseph, Margit Knapp

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

Nichts als die Wahrheit?

Daß die Welt der Anwälte nicht die sauberste aller moglichen ist, wird in Gerichtssaaldramen und Thrillern hundertfach bestätigt. Zwei neue Bücher von D. W. Buffa und Lawrence Joseph gehoren zu den lesenswerten Exemplaren ihrer Gattung.
Gute Schriftsteller sind die wenigsten von ihnen, aber man kann's nicht ändern: Anwälte schreiben Romane. Oft sind sie kurzweilig und in gewisser Weise raffiniert - in der Charakterzeichnung aber bleiben sie meistens blaß, und der Plot folgt in der Regel einer reichlich stereotypen Entwicklungslinie. Mitunter zeigt sich freilich eine handwerkliche Fertigkeit in der Anordnung des Stoffs, die beachtlich ist. Zwar wird nicht immer die Qualität von Scott Thurows "Presumed Innocent" oder von Alan M. Dershowitz' "The Advocate's Devil" erreicht, aber die besten Produktionen aus John Grishams Fließbandarbeit oder auch vom weniger bekannten Engländer Dexter Dias konnen hier durchaus mithalten.

"Alle gucken sie sich ihre Fernsehgerichts-Sendungen an und lesen diese beschissenen Juristenthriller, als wäre das Ganze ein hochethisches Tun voll Spannung und tiefer Bedeutung - ein kompliziertes Rätsel mit einer verborgenen Wahrheit, die am Ende des letzten Kapitels ans Licht kommt", sagt der Strafverteidiger Robinson in Lawrence Josephs "wahrheitsgetreuer" Reportage "Land der Advokaten".
Josephs acht Gesprächsprotokolle sind ein Geniestreich. Sie bieten ein buntes Panoptikum der Realitätsverleugnung, ein bewegendes Bild oft pathologischer Versuche, die Widersprüche des amerikanischen Rechtslebens auf die Reihe zu bringen. Zu Wort kommen Anwälte aus der Finanzwelt, Strafverteidiger, kluge und blode, engagierte und faule. Dialogische Artistik und weltfremde Sophistik ergeben ein kurioses wirklichkeitshältiges Amalgam, das überzeugend zu vermitteln vermag, wes Geistes Kinder und wes Herren Büttel dieser Beruf unter seinem Standesdach vereint.
Die Dynamik von Gesellschafts- und Rechtsänderung treibt die Advokaten. Die Anforderungen steigen. "Das Spiel verändert sich schon wieder, während wir hier miteinander reden. Andererseits gibt's auch Dinge, die sich nie ändern", sagt der Wirtschaftsanwalt Wylie. "Was wir tun, wird von dem bestimmt, der uns bezahlt. Sehr viel mehr ist da nicht zu sagen (…). Wir sind klaren Wissens - und Gewissens - schizoid."
Joseph dringt eine Schicht tiefer als Buffa. Er ist authentischer, den Personen näher, der Sache auf der Spur. Die Reportage trägt freilich nur so weit wie der Naturalismus auch sonst in der Literatur. Das Typische der Anwälte ergäbe sich erst aus der verdichteten Zusammenstellung und Analyse der phänomenologischen Elemente. Daran fehlt's. Josephs "Land der Advokaten" lebt von der zur Schau gestellen Intimität. Jede Sequenz wird als Ereignis knapp an der Grenze zur Indiskretion präsentiert. Und das macht's spannend und kurzweilig. Joseph bedient durch seine Darstellung einen Voyeurismus, den wir aus der Kriegsberichterstattung kennen: Wir sind live dabei, ohne in Gefahr zu geraten. Vielleicht aber ist dies ohnehin der einzige Weg, sich Justiz, Recht und den Anwälten zu entziehen. Im wirklichen Leben entkommt ihnen ja doch keiner.Daß die Welt der Anwälte nicht die sauberste aller moglichen ist, wird in Gerichtssaaldramen und Thrillern hundertfach bestätigt. Zwei neue Bücher von D. W. Buffa und Lawrence Joseph gehoren zu den lesenswerten Exemplaren ihrer Gattung.
Gute Schriftsteller sind die wenigsten von ihnen, aber man kann's nicht ändern: Anwälte schreiben Romane. Oft sind sie kurzweilig und in gewisser Weise raffiniert - in der Charakterzeichnung aber bleiben sie meistens blaß, und der Plot folgt in der Regel einer reichlich stereotypen Entwicklungslinie. Mitunter zeigt sich freilich eine handwerkliche Fertigkeit in der Anordnung des Stoffs, die beachtlich ist. Zwar wird nicht immer die Qualität von Scott Thurows "Presumed Innocent" oder von Alan M. Dershowitz' "The Advocate's Devil" erreicht, aber die besten Produktionen aus John Grishams Fließbandarbeit oder auch vom weniger bekannten Engländer Dexter Dias konnen hier durchaus mithalten.

D.W. Buffas "Nichts als die Wahrheit" ist die Geschichte eines erfolgsverwohnten, überheblichen und bis in die letzten Spitzen seiner juristischen Ader gewitzten Strafverteidigers. In diesem Joseph Antonelli paaren sich Erfolgssucht und Rücksichtslosigkeit. Nichts ist ihm heilig. Die Gesetze sind Hürden, die es zu überwinden, zu umgehen, zu brechen und zu gebrauchen gilt - selbstverständlich immer im Interesse des Mandanten. Darf das sein? Darf soviel Erfolg unbestraft bleiben? Nein. Joseph Antonelli fällt ins Bodenlose. Die gerechte Strafe folgt. Der Held erleidet, was ihm alle gonnen: Verlust, Verrat und Absturz.
Der amerikanische Anwalt D.W. Buffa gruppiert seine Klischees ganz klug, legt bei der Vermittlung einzelner personlicher Züge seiner Protagonisten mitunter gehorige Raffinesse an den Tag und rangiert auf diese Weise mit seinem Debüt als Schriftsteller sicher im oberen Drittel des Genres. Seine Moralpackung trägt er mitunter etwas dick auf, kompensiert das aber durch ein beachtliches Talent, falsche Fährten zu legen, Erwartungen zu organisieren, fast unmerklich umzuleiten und einem stimmigen Finale zuzuführen.
Warum aber schreiben diese Anwälte so viel? Ist's Mittel der Selbsttherapie? Bloßes Besserwissen? Eitelkeit? Flucht? All das wohl auch. Vielleicht liegt es aber auch daran: Der Anwaltsberuf ermoglicht durch seine permanente Fokussierung auf die Durchsetzung von Interessen Einsicht in eine Vielzahl von Funktionsmechanismen, die geradezu danach schreien, offentlich kommuniziert zu werden. Die Wiedergabe der allenthalben stattfindenden slippery games läßt sich dann publikumswirksam als "Gewissen" institutionalisieren. Der Gerichtssaal spiegelt die Welt, und die Geschworenen sind das Gewissen. Wir sehen dann "nichts als die Wahrheit". Nur: Daß etwas bekannt ist, heißt noch lange nicht, daß es auch erkannt wäre. Man wird also auch nach der Lektüre von Hunderten derartiger legal thrillers nicht klüger. Das immer gleiche Vorführen der immer schon als bekannt vorausgesetzten "Schlechtigkeit der Welt" endet bestenfalls in gewitzter Affirmation.

Alfred J. Noll in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 13)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Nichts als die Wahrheit (D.W. Buffa, Renate Bleibtreu)

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