Elementarteilchen
Roman

von Michel Houellebecq, Lars-Olav Beier

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Vieles wurde er genannt, als sein Roman "Elementarteilchen" ("Les particules élémentaires") vor einem Jahr in Frankreich erschien. Er sei ein Rassist, wurde Michel Houellebecq vorgeworfen, ein Stalinist, ein Antifeminist, ein Faschist, ein Gentechnik-Apologet … Zwar wurden diese Vorwürfe nicht im Paket erhoben, aber irgendetwas davon fiel fast jedem Kritiker im französischen Feuilleton ein. Die Literatengruppe "Perpendiculaire", der Houellebecq angehörte, schloss ihr bekanntestes Mitglied nach einem Interview in ihrer gleichnamigen Zeitschrift – böse Zungen nannten es gar ein Verhör – wegen Bedenken bezüglich dessen politischer Korrektheit aus.
Der Gruppe selbst bekam dies weniger gut. Sie wurde vom Verlag Flammarion, in dem sowohl ihre Zeitschrift als auch Houellebecqs umstrittener Roman erschien, fallen gelassen – ein demonstrativer Akt des Verlages, dem Einzeltalent gegenüber der Gruppe die Treue zu halten. Gewiss, der Schritt fiel Flammarion nicht schwer, weil die Kasse fröhlich klingelte. Denn trotz aller Anwürfe genierte sich kaum wer, das Buch zu kaufen. In Frankreich gingen immerhin 350.000 Exemplare über den Ladentisch, übersetzt wurde es bisher in 22 Sprachen.
Offenbar hat Houellebecq wie schon in seinem Erstling "Ausweitung der Kampfzone" mit seiner Beschreibung eines banalen Alltagsuniversums einen wunden Punkt getroffen. Seine Grundthese ist leicht nachzuvollziehen: Wie alle sozialen Umwälzungen habe auch die von den 68ern propagierte Revolte gegen die bürgerlichen Zwänge – möge sie in ihrer Utopie auch noch so idealistisch und humanistisch gemeint gewesen sein – nur Sieger und Verlierer hervorgebracht.
Ohne Sex geht nix. Von der sexuellen Revolution haben aber nur jene profitiert, die den marktkonformen Standards von Attraktivität entsprechen. Der "Sex als Metaphysik des Kapitalismus" (Die Zeit) bringt zum überwiegenden Teil Phänomene absoluter Pauperisierung mit sich. Während die sexuelle Befreiung den Siegern Geschlechtsverkehr mit unzähligen Partnern bescherte, wird das Leben für jene, die – weil zu dick, zu häßlich oder einfach zu durchschnittlich – davon nicht profitieren, zur Katastrophe. Für Houellebecq haben sie genetisches Pech gehabt und fallen durch den Rost. Sie resignieren oder lassen sich in Sexshops und Swinger-Klubs ausbeuten.

Houellebecq begnügt sich aber nicht damit, den mit der sexuellen Permissivität einhergehenden Zerfall der Gesellschaft in individuelle "Elementarteilchen" aufzuzeigen. Er geht einen Schritt weiter und verdichtet die Chancen der Molekularbiologie zur romantischen Vision einer neuen Menschlichkeit: Die Geschichte der Halbbrüder Bruno und Michel, die von ihrer Hippie-Mutter zu den jeweiligen Großmüttern abgeschoben wurden, beginnt als Gesellschaftssatire und endet als fortschrittshöriges Zukunftsszenario. Beide scheitern sie auf der Suche nach der wahren Beziehung, nicht zuletzt, weil der Tod jene beiden Frauen heimsucht, die ihrem Leben vielleicht einen Halt gegeben hätten.
Während Bruno, der Lehrer mit literarischer Begabung und sexuellen Obsessionen, trotz Ausschweifungen unbefriedigt bleibt und letztlich erst in der Nervenheilanstalt seine Ruhe findet, macht sich die Forschernatur Michel auf, die Vision der schönen neuen Welt zu entwerfen, in der geklonte Menschen glücklich miteinander leben. So um das Jahr 2009 hat er die Theorie einer geschlechtlich undifferenzierten Reproduktion unserer Art ohne Störfaktoren wie Sex und Liebe fertig entworfen. Michel hat seine wissenschaftliche Schuldigkeit getan und tritt ab: "Wir glauben heute, dass Michel Djerzinski ins Meer gegangen ist", heißt es. Ein Forscherkollege nimmt sich der Aufzeichnungen an und setzt die Genmanipulationen in die Realität um. Die "alte Ordnung" ist ab dem Jahr 2029 überwunden.
Nun ist es Houellebecqs Problem, dass ihn diese Fixierung auf eine "neue Menschheit" unweigerlich in die Nähe der extremen Rechten rückt. Auch so mancher Seitensprung zur Eugenik, die "leider" – so Houellebecq etwas flapsig gegenüber einer Schweizer Zeitung – durch die Nazi-Ideologie diskreditiert worden sei, und Bemerkungen über die beeindruckend dimensionierten Geschlechtsteile von Schwarzen brachte bei den französischen Intellektuellen die Alarmglocken zum Schrillen. Der Autor aber putzte sich ab, wollte seine beiden Existenzkrüppel Bruno und Michel als reine Rollenträger verstanden wissen und sich selbst als den Boten, der für die Nachricht bestraft wird: "Ich mache keine Vorschläge, sondern beschreibe aktuelle Entwicklungen."
In Frankreich hat die Diskussion um Houellebecq die Ebene des Literarischen längst verlassen. Die trockene, fast farblose Sprache und die Beiläufigkeit, mit der Houellebecqs Beschreibung ausdifferenzierter Gefühlswelten daherkommt und die den artikulierten Schmerz erst im Verlauf der Lektüre spürbar werden lässt, ist weit in den Hintergrund gerückt.
Houellebecq hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Michel und Bruno sind deutlich erkennbare Aufspaltungen des Autors, erleben sie doch im Grunde genau seine Geschichte. 1958 geboren, wurde er in den Sechzigern von seiner Mutter bei der Oma abgestellt. Nach deren Tod begann er als Zwanzigjähriger zu schreiben, erst Gedichte, dann Prosa und Essays. "Meine Mutter zog mit Hippies durchs Land, badete nackt mit Kommunarden und lästerte über die Bourgeoisie", wurde er in einem Zeitungsinterview einmal recht deutlich: "Dämliche Egoisten waren das, immer nur auf der Suche nach Sex. Die Verkörperung des Guten waren für mich meine Großeltern, bei denen ich aufwuchs. Brave Kommunisten, die für Gleichheit kämpften, nicht für den Konsum."Etwas gelöster vom eigenen Ich zeigt sich Houellebecq in seinem Essayband "Interventions", der auf Deutsch unter dem Titel "Die Welt als Supermarkt. Interventionen" erschienen ist. Zwar taucht auch dort in einem Gespräch mit Jean-Yves Jouannais und Christophe Duchâtelet die Kritik am zweidimensionalen System der erotischen Attraktivität und des Geldes auf, das über Glück und Unglück der Menschheit entscheidet, doch zeigt sich an Houellebecqs gedanklichen Spielereien über die Lyrik, die moderne Physik, den Stummfilm oder die Deutschen im Rentenalter, dass er der Welt, in die er hineingestoßen wurde, durchaus auch mit (bissigem) Humor begegnen kann.

Edgar Schütz in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 19)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Welt als Supermarkt (Michel Houellebecq, Georg Seeßlen)

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