Der himmelblaue Speck

von Vladimir Sorokin, Dorothea Trottenberg

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Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Der Moskauer Literaturrebell Vladimir Sorokin liefert in seinem neuen Roman "Der himmelblaue Speck" die ultimative Parodie des Totalitarismus und serviert Hitler und Stalin ein ebenso üppiges wie bizarres Menü.
Eines vorneweg: Selten zuvor habe ich ein so verrücktes Buch gelesen, und selten zuvor wollte ich ein Buch so sehr zur Lektüre empfehlen. Es beginnt mit Briefen aus dem Jahr 2068, die ein Gentechniker namens Boris aus dem fernen Jakutien seinem Geliebten schreibt, den er abwechselnd als "schweren Jungen", "zärtlichen Schuft" oder auch als "göttlich-grässlichen Top-Direkt" bezeichnet. Obwohl sich die Sprache des Mannes ihrer ganzen Tendenz nach unzweideutig auf Lustgewinn richtet, ist sie nur schwer in allen Details zu verstehen.
Sorokins Text sieht insgesamt so ähnlich aus wie die von Boris in seinem Genlabor geschaffenen Kreaturen: Da ist von L-Harmonien und deren Koeffizienten, von W2-Indikatoren und M-Eifersucht die Rede. Protoplasma kommt im Körper hoch, fremdsprachige Einsprengsel durchziehen den Text: Die vielen chinesischen Phrasen werden am Ende des Buches in einem eigenen Glossar erklärt, die deutschen verbleiben in der (übrigens sehr flotten) Übersetzung von Dorothea Trottenberg eigens markiert. Zwischen Boris und seinem Lover herrscht ein gutes Cyber-Karma: Die beiden sind "Rapids" von Geburt, also Menschen mit der Veranlagung zum Multisex; der Archipel LOVElag hat in ihrer Welt den Archipel Gulag ersetzt. Das berufliche Leben von Boris ist der Gewinnung des himmlischen Speckes (HS) gewidmet. Das Projekt HS 1 hat der ben dan sha gua (also der "stumpfsinnige Idiot") Safonov vermasselt; HS 2 wurde vom MINOBOaus Angst vor Sanktionen des IKGCeingestellt. HS 3 nun aber verspricht ein voller Erfolg zu werden. Die Gruppe der Wissenschaftler ("über den Hrn. Oberst bewahren wir Stillschw.") hat in ihrem Labor Klone der berühmtesten russischen Schriftsteller hergestellt. Tolstoi 4, Achmatova 2, Tschechow 3, Pasternak 1 (Verfasser des sensationellen Poems "Die Möse"), Nabokov 7, Dostojevski 2 und Platonov 3 schreiben Texte und sondern, während sie das tun, den begehrten Speck ab. Nachdem von dem harten blauen Ding, das man sehr fein schneiden muss, um es verzehren zu können, eine genügend große Menge produziert worden ist, ist eine dubiose Geheimloge am Zug. Der "Orden der russischen Erdrammler" expediert den Speck ins Jahr 1954, um dort dem Gang der Geschichte eine Wendung zu geben.
So wie die Nachkriegsordnung in Sorokins Buch aussieht, hat sie das auch bitter nötig. Stalin und Hitler haben sich untereinander Kontinentaleuropa aufgeteilt; Großbritannien hat sich von dem Atomschlag 1946 nicht mehr erholt, und die USA haben nun ebenfalls ein faschistisches Regime, in dem Millionen von Juden umgebracht wurden. Die russischen Erdrammler platzen mit ihrem Zukunftsspeck mitten in Stalins Arbeitszimmer, der gerade zwei seiner Söhne für die Verfehlungen der vergangenen Nacht zur Rechenschaft zieht: In Frauenkleidern, mit zerronnener Schminke und schamhaft gesenktem Blick stehen die jungen Männer vor ihrem Vater.
Dass der Spaß auch dann nicht aufhören will, wenn er in seiner maßlosen Absurdität bereits weh tut, wird im real existierenden Russland noch heute schmerzhaft erlebt: Die Literaturzeitschrift Oktjabr schrieb jüngst, dass die Angelegenheit Sorokin in erster Linie eine rechtliche und erst in zweiter Linie eine literarische Frage sei: "Wenn der Autor krank ist, soll er sich behandeln lassen. Ist er gesund, dann soll er für seine Schmierereien vor Gericht gestellt werden."
Der DuMont Verlag, bei dem im Vorjahr bereits Sorokins Roman "Norma" erschienen war, hat diese, zweifellos verkaufsfördernden Worte auf den Klappentext des "himmelblauen Specks" gedruckt. Auch ansonsten zeigte man sich bemüht, dem Image des schwierigen Autors, dem der 1955 geborene Moskauer in Person und Werk gut entspricht, unterhaltsame und kulinarische Seiten abzugewinnen. In den Büchern Sorokins trifft man dabei durchaus auf geeignete Themenfelder. Schon in "Norma" hatte sich die russische Gesellschaft in ihrem Essen widergespiegelt gefunden; der titelgebende Gegenstand etwa bezieht sich auf einen Knusperriegel, hergestellt aus jenem Einheitsbrei, den das ganze Land jahrzehntelang in der ein oder anderen Zubereitungsart gegessen und der aus purer Kinderscheiße bestanden hat. In "Der himmelblaue Speck" ist der Tisch mit anderen Köstlichkeiten gedeckt: Nach einem gemeinen Seitenhieb auf die lokale Küche Jakutiens, deren Nationalspeise Rentierfleisch in Rabensaft sein soll (wobei man den Raben als Ganzes auspresst), kommt Boris auf die Haute Cuisine des 21. Jahrhunderts zu sprechen: Lachs mit Parasiten, siamesische Kälber mit Trüffeln, Spitzmäuse mit Mohn oder Klon-Pute mit roten Ameisen.
Auch wenn es um die großen Entscheidungen der Geschichte geht, sind bei Sorokin das richtige Essen und die passenden Tischsitten parat: Beim in jeder Hinsicht finalen Treffen zwischen Hitler und Stalin reißt Ersterer ohne jegliche Vorwarnung einem Ferkel in Aspik den Kopf ab und beißt ihm den Rüssel weg, während Letzterer ein Stück Reiher mit Rheinwein hinunterspült. Hitler legt sich eine mit Rinderleber und Ingwerzwieback gefüllte Pute auf den Teller und träumt dabei von zwanzig Atom-Champignons, die über der Welt emporwachsen. Stalin wischt sich langsam den Mund mit einer blauen Serviette ab und wirft sie zu den Resten seiner Stiermilz.
Als der Tischgesellschaft, der unter anderen Himmler, Leni Riefenstahl, Chrustschow und Stalins engere Familie (ein wahrer Sauhaufen von Kinderschar) angehören, dann auch noch der himmelblaue Speck serviert wird, geraten die Dinge vollends außer Kontrolle: Blaue Hackfleischtürme und Sulz-Ströme nehmen bedrohliche Dimensionen an, undHitler verschleppt Stalins Tochter brutal ins Nebenzimmer, um sich dort noch brutaler an ihr zu vergehen.
Stalin versucht später, den Führer mit seiner Spritze niederzustrecken, die er als guter Morphinist, als den ihn unzählige Denkmäler, Briefmarken und Kinderzeichnungen feiern, immer bei sich trägt und die er dem Anlass entsprechend auch mit himmelblauem Speck gefüllt hat. Dabei wird ihm die Ladung aber schlussendlich selbst durch das Auge ins Gehirn appliziert. Dieses bläht sich geradezu kosmisch auf und bedeckt bald die ganze Erde, ein apokalyptisches Szenario, wie man es in der Literatur schon lange nicht mehr gesehen hat und wie es hierzulande an die extremsten Texte der Fünfziger- und Sechzigerjahre denken lässt. An eine Avantgarde, die damals außerhalb des Marktes und des Literaturbetriebes stand und auf ihrem eng umgrenzten Territorium nach originellen und endgültigen Lösungen nicht nur für Österreich, sondern gleich für ganz Mitteleuropa gesucht hat.
Sorokin schafft es mit seinem Text, etwas von vergleichbarer Dichte herzustellen. "Der himmelblaue Speck", der neben dem grandiosen Finale auch noch einen wunderbaren Mittelteil mit dem Titel "Das Agitationsschwimmen" und damit die ultimative Persiflage auf den Totalitarismus enthält, bietet in seiner anarchischen Ironie und in der brillanten Umsetzung seiner Text-im-Text-Verfahren nicht nur ein Musterbeispiel postmodernen Schreibens. Im Umfeld einer weltumspannenden Literatur gehört das Buch einer regionalen Spielart an, und zwar gar nicht so sehr seines spezifischen literarischen Tons wegen, sondern weil es in sich einen spezifischen Gegenwert bereit hält. "Der himmelblaue Speck" präsentiert Russland eine bitterer Rechnung, nämlich die Wahrheit des Ausverkaufs: So billig wie in der Literatur Sorokins war bislang kein Land der Welt zu haben, und so sehr wie mit dem "himmelblauen Speck" hat sich darüber auf der Welt noch kein Mensch amüsiert.

Klaus Kastberger in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 12)


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