Ein hinreißender Schrotthändler
Roman

von Arnold Stadler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 42/1999

Es gibt keine Brezeln mehr

Am 23. Oktober wird Arnold Stadler in Darmstadt der Georg-Büchner-Preis verliehen. Der "Falter" traf den Autor auf der Frankfurter Buchmesse und sprach mit ihm über dessen südbadische Heimat, über Katholizismus und Kindheit, über seine Nähe und Distanz zur österreichischen Literatur, den Siegeszug des Golden Delicious und den Niedergang der Brezel.

Nobelpreis für Günter Grass - das kam nur insofern überraschend, als man so lange darauf gewartet hatte, dass zuletzt keiner mehr damit rechnete. Der mit 60.000 Mark dotierte Georg-Büchner-Preis für Arnold Stadler hingegen - das ist ein echter Überraschungscoup. Ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit rückte der 1954 im südbadischen Meßkirch (Heidegger-Country!) geborene und noch heute im elterlichen Bauernhaus in Rast bei Meßkirch lebende Stadler wohl erst 1994, als Martin Walser dessen stark autobiografisch und auf die unmittelbare Heimat bezogenes Schreiben in einem Spiegel-Essay in den höchsten Tönen lobte. Ihm, so erklärte Walser, sei der "Stadler-Ton alles"; ein Ton, der sich "vom Aufrufen und puren Nennen zum lakonischen Konstatieren und zuletzt zum in allen Präzisionen blühenden Erzählen" entfalte.

Anlass für Walsers Eloge war das Erscheinen von "Mein Hund, meine Sau, mein Leben", mit dem Stadler seine mit "Ich war einmal" (1989) begonnene und mit "Feuerland" (1992) fortgesetzte autobiografische Romantrilogie beendet hatte. Mit seinen Büchern - neben den genannten auch noch "Der Tod und ich, wir zwei" (1996) und der zuletzt erschienene Roman "Ein hinreißender Schrotthändler" (siehe Falter 28/99) - beweist Stadler nicht nur seinen Instinkt für eingängige Buchtitel, sondern auch seine Meisterschaft, wenn es darum geht, den Verlust von Kindheit oder "Heimat" in einer Sprache festzuhalten, die den Klischees einer affirmativen Heimatliteratur ebenso fern steht wie der wütenden Distanzierungs- und Denunziationsrhetorik der so genannten "negativen" Heimatliteratur. Bei aller Melancholie, mit der hier der Tod von Mensch, Tier und Lebenswelt beschrieben wird, ist das Klangspektrum des "Stadler-Tons" doch auch breit genug, um eine lakonische Ironie und einen Humor miteinzuschließen, der verhindert, dass die Fortschrittsskepsis und Zivilisationskritik, die der Erzähler, dieser "Trottel vom Land" ("Ich war einmal"), artikuliert, je in wohlfeile Vergangenheitsverklärung umschlägt. Andererseits hält Stadler in seinen Bücher auch mit sanfter Sturheit an jenem Zitat aus "Faust II" fest, das "Mein Hund, meine Sau, mein Leben" vorangestellt ist, aber über dem Gesamtwerk des 45jährigen Autors stehen könnte: "Vorbei - ein dummes Wort".

Falter: Herr Stadler, Sie wissen schon, dass Sie uns Österreicher ein bisschen gekränkt haben?

Arnold Stadler: Warum?

Einerseits haben wir uns schon fast daran gewöhnt, dass der Büchner-Preis nach Österreich geht, andererseits sind Sie, just bevor Sie den Preis zugesprochen bekommen haben, vom Salzburger Residenz Verlag nach Köln zu Dumont gewechselt.

Ich wurde ja in Deutschland immer für einen Österreicher gehalten.

Und deswegen kriegen Sie jetzt den Büchner-Preis?

Den bekommt man jedenfalls für ein Gesamtwerk, und da die meisten meiner Bücher bei Residenz erschienen sind, wird auch dieser Verlag mit ausgezeichnet.

Wie sind Sie denn zu Residenz gekommen?

Mein erstes Manuskript - ich war 30 und hatte, abgesehen von einem Leserbrief, noch keine Zeile veröffentlicht - lag wie Blei bei Suhrkamp und bei Luchterhand. Als mir das zu lang dauerte, habe ich es an Residenz geschickt, weil dort meine Lieblingsbücher erschienen sind.

Welche?

Handkes "Wunschloses Unglück", "Schöne Tage" von Franz Innerhofer und die besten Bücher von Thomas Bernhard - die autobiografischen Werke. Wohingegen die "Auslöschung" nur ein Aufwasch und Bernhards schlechtestes Buch ist. Die schlechten Bücher beginnen mit "Holzfällen".

Warum ist es trotz dieser erfreulichen Nachbarschaft zum Verlagswechsel gekommen?

Weil mir für den "Hinreißenden Schrotthändler" Bedingungen geboten wurden, bei denen ein normaler Mensch nicht Nein sagen kann.

Sie sind derzeit permanent auf Lesereisen. Eine Folge des Büchner-Preises?

Es ist schon ein gewaltiger Unterschied, wenngleich ich auch davor gelesen habe. Bis Weihnachten habe ich noch 47 Lesungen.

Wenn man Ihre Bücher liest, würde man eher annehmen, dass sie ein ruraler, scheuer und zurückgezogener Mensch sind. Dabei haben Sie sogar ein Handy.

Sie haben das gesehen? Das ist mir aber sehr peinlich.

Ich nehme an, um das Preisgeld werden Sie sich auch noch einen Geländewagen kaufen.

Nein. Was ich mir kaufe, ist ein Haus in Frankreich, am Atlantik. Allerdings nicht von dem Büchner-Preis, denn da habe ich die Hälfte schon im voraus an eine Freundin verschenkt, die für die Sanierung des Oberkiefers eine Rechnung von 47.000 Mark bekommen hat. Im Übrigen verkauft sich auch das Buch sehr gut. Zum ersten Mal seit meiner Jugendzeit, als es mir auch schon mal gut ging, habe ich Geld.

Bis vor kurzem sind Sie auch noch Stadtschreiber von Bergen-Enkheim bei Frankfurt gewesen ...

Das bleibt man. So, wie wenn man mal Papst war: semel papa, semper papa.

Ihr Jugendwunsch, Papst zu werden, ist aber doch nicht in Erfüllung gegangen.

Ich bin froh, dass ich nicht Priester, Kardinal und Papst geworden bin. Wenn man sich diesen heutigen Papst und seine reaktionären Reaktionen auf die Welt ansieht, ist das haarsträubend. Da gehören natürlich auch die entsprechenden Leute dazu, die das mitmachen - die ganze Kirche kuscht. Und wie zu den Zeiten Luthers muss das natürlich finanziert werden durch ...

... Ablasshandel?

Die Kirchensteuer ist eine Art Ablasshandel.

Einem Ihrer Icherzähler haben Sie in den Mund gelegt, dass Luther der größte deutsche Verbrecher vor Adolf Hitler war.

Habe ich das? Mein Icherzähler ist nicht unbedingt mein Pressesprecher, und was Luther angeht, habe ich mich auch etwas beruhigt. An seine Stelle ist jetzt Calvin getreten. Luther ist ein ganz großer Sprachkünstler, aber man kann ihn nicht nur danach beurteilen. Die Folgen von Luther waren für die Geschichte verheerend. Und so wie mein Verwandter Abraham a Sancta Clara ...

Der ist mit Ihnen verwandt?

Er kommt aus demselben 300-Seelen-Dorf wie meine Großmutter. Aufgrund der fehlenden Fluktuation und des kleinen Kreises an Teilnehmern am Geschlechtsverkehr bin ich natürlich mit ihm verwandt.

In einer Rezension der "FAZ" ist zu lesen, dass das Katholische der Schlüssel zum Werk von Arnold Stadler ist. Sehen Sie das auch so?

Der Schlüssel zu meinem Werk ist die Tatsache, dass ich auf der Welt bin, dass ich Sehen und Hören kann. Dass mein Personal weitgehend katholisch ist, ist ein Zufall und hängt damit zusammen, dass ich über meine erste Welt schreibe.

Dass Sie in Rom Theologie studiert haben, stimmt aber schon?

Ja. In Rom habe ich den Faden beziehungsweise den Glauben verloren und bin fromm, ungläubig und dick zurückgekehrt. Das Seminar hatte einen eigenen Weinberg bei Frascati, und wir haben ziemlich viel gegessen und getrunken. Es gibt ja den Satz "Essen ist der Sex des Alters", und ich habe schon als Junger gefressen, statt Sex zu haben.

Bei Kieseritzky gibt es eine Stelle, wo es über ein Ehepaar in etwa heißt: "Damals hatten sie guten Sex, interessierten sich also noch nicht für gutes Essen ..."

Das stimmt.

Bei Ihnen gibts auch viele trostlose Ehen.

Ich war nur vier Jahre verheiratet und nicht 20 wie meine Hauptfiguren im "Schrotthändler". Ich kann aber in etwa hochrechnen, wie das nach 20 Jahren sein muss.

Sie haben gerade Psalmen übersetzt, "Zeugnisse der Weltliteratur", wie Sie im Nachwort schreiben. Als jemand, der lange in die Kirche gegangen ist, kann ich das nicht einfach als "Literatur" rezipieren.

Müssen Sie doch auch nicht. In welche Kirche sind Sie denn gegangen?

In die evangelische.

Da gibts eine schöne, im ersten Bezirk - beim Bräunerhof ums Eck.

In der Dorotheergasse.

Ja, genau. Ich bin mit den Psalmen aufgewachsen, wusste bloß nicht, dass es Psalmen waren. Und da ist mir zum ersten Mal die Schönheit von Sprache aufgegangen - in der Kirche, auf Lateinisch.

Apropos Christentum: Dass Ihre Geschichten Passionsgeschichten sind, wird man ja wohl behaupten dürfen.

Eine einzige Passionsgeschichte! Und zwar so sehr, dass man die einzelnen Bücher gar nicht voneinander trennen kann. Aber es ist eine sehr merkwürdige, sehr individuelle Passionsgeschichte, wo sich alles, vielleicht nicht im Tod, aber im Gelächter auflöst.

Durch den Humor und die ironische Lakonie unterscheiden sich Ihre Werke ja auch auffällig von thematisch ähnlichen Büchern mancher österreichischer Kollegen.

Thomas Bernhard war insofern humorlos, als er sich selbst ausgenommen hat. Der ...

(Stadlers Verlagskollege, der französische Kultautor Michel Houellebecq, betritt die Koje, sucht sein Glas, findet es nicht und verschwindet wieder.)

Der ist ja völlig unscheinbar. Er würde wunderbar in eine Wiener Straßenbahn hineinpassen. Der würde nicht auffallen. Wo waren wir?

Bei Thomas Bernhard.

Ja. Der war ein Abrechnungskünstler und schamlos in seinem Zugriff auf andere.

Wenn wir schon bei der so genannten "negativen Heimatliteratur" sind: "Heimat" ist doch ein konstanter Referenzpunkt Ihrer Bücher?

Meine Bücher spielen in einer Gegend, die man mit Heimat verwechselt, weil s' auf dem Land spielen. Tatsächlich geht es um Heimatlosigkeit.

Neben der "Heimat" gibt es noch zwei Begriffe, die ganz wichtig und eng miteinander verbunden sind: den Schmerz und die Erinnerung. Versuchen Sie beim Schreiben dem Schmerz zu folgen?

Es gibt verschiedene Schreibhilfen oder Musen. Dazu gehört natürlich der Schmerz - und die Erinnerung. Das sind die Hauptmusen.

Dazu gehört wohl auch der Schmerz über den Verlust der Kindheit?

Ich persönlich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich mein erstes Leben verloren habe, als ich erwachsen wurde. Das war eine Zumutung. Diesen Zustand, dass ich weiß: Jetzt ist etwas zu Ende, hatte ich seitdem nie wieder.

War der an ein bestimmtes Ereignis geknüpft?

Das hängt mit dem ersten Toten meines Lebens zusammen: Die Welt war nicht mehr vollständig. Und das hat mich schließlich zum Schreiben gedrängt.

Bei Ihren Büchern, so las ich in einer Rezension, handle es sich um "die Geschichte einer schwierigen Jugend". Wie schwierig ist sie denn wirklich?

Die ist nur so schwierig, wie das Leben überhaupt eine Schwierigkeit darstellt. Die Beschreibung der Jugend in der Literatur ist ja meist eine ex post: Man schreibt über etwas, was es nicht mehr gibt. Dass da auch elegische Sätze sein müssen, ist klar.

Eine Jugend, die es nicht mehr gibt und die es so wohl auch nie gegeben hat.

Ja, es ist geradezu eine Fiktion. Im Nachhinein finde ich es ungeheuerlich, dass ich überhaupt schreibe und in diese Ichform gefunden habe, was ja sehr nahe legt, meine Literatur als persönliches Bekenntnis misszuverstehen.

Kann man denn an die eigene Kindheit anknüpfen, ohne infantil zu werden oder einer nostalgischen Selbstmusealisierung zu verfallen?

Wenn man nicht wirklich etwas erlebt hat, führt der Versuch, bloß wiederzugeben, was war, zum Kitsch. Und wenn man eigentlich eine Kindheit nur zwischen Kuhstall und Fahrt zur Schule erlebt hat, muss man das nicht erzählen - das is nix. Mir gehts also schon um das Wie der Darstellung, um Literatur, und nicht darum, etwas ganz Unbedeutendes aufzuschreiben, nur, damit es nicht verloren geht. Das wäre bloß geistige Buchhalterei.

In "Ich war einmal" wird öfter darauf hingewiesen, dass man sichs ja nicht aussuchen kann.

Banal und wahr.

Ist "Heimat" auch so etwas, was man sich nicht aussuchen kann?

Ich schreibe gerade an der Büchner-Preis-Rede, und da komme ich auch darauf zu sprechen, dass Heimat nur noch in Verbindung mit "Heimatfriedhof" möglich ist.

In Ihrem jüngsten Roman scheitert die Ehe der Protagonisten ganz wesentlich auch daran, dass der Mann es überhaupt nicht schafft, seiner Frau etwas von seiner Herkunft zu vermitteln. Sie akzeptiert nicht einmal die Worte, die ihm zur Verfügung stehen.

Da sehen Sie, dass man nicht sagen kann, was Heimat ist. Man kann es nur abgrenzen und muss sich auch von der unguten Tradition der so genannten "Heimatliteratur" abgrenzen.

Aber es gibt schon immer wieder emphatisch aufgeladene Momente: die Apfelsorte "Geflammter Kardinal" zum Beispiel, die dann, wie Sie schreiben, durch den grauslichen "Golden Delicious" ersetzt wurde.

Gibts den auch in Österreich?

Leider.

Fürchterlich! Das ist gar nix. Eigentlich ein Grund, sich vom Apfel zu verabschieden.

Welche Sorten bevorzugen Sie denn?

Grafensteiner. Auch Boskop esse ich gerne. Ich habe auch noch einen Obstgarten mit alten Bäumen hinterm Haus.

Und die Sprachsorten? Können Sie noch Meßkirchnerisch und Kreenheinstettnerisch?

Ja. Ich höre das sofort, ob jemand aus Meßkirch oder aus dem sieben Kilometer entfernten Kreenheinstetten oder aus meinem Dorf, aus Rast, kommt.

Die Oberschwäbische Seele aus dem "Schrotthändler" ist auch so ein Stück Heimat. Gibts die, oder haben Sie die erfunden?

Nein, nein - die gibts. Und der Erzähler fährt eigentlich nach 20 Jahren deswegen wieder in sein Dorf zurück, weil er eine Oberschwäbische Seele essen will, ein Speck-Salz-Gebäck.

Und das hat tatsächlich diese Form?

Ja. Niemand konnte mir sagen, wo das herkommt. Es sieht jedenfalls aus wie ein erigiertes Glied.

Und das ist für jeden offensichtlich?

Für die Einheimischen nicht. Für die ist selbstverständlich, dass das eine Seele ist. Ich glaube, es heißt so, weil es das Gegenteil einer Seele ist.

Die Österreicher leiden immer, wenn es keine gscheiten Semmeln oder kein vernünftiges Schwarzbrot gibt.

Gerade in Baden gibt es eine sehr gute Küche und gutes Brot. Sofern nicht alles schon von Backwarenketten überzogen ist.

Die Brezelbuden, an denen es ständig frische Brezeln gibt, sind doch ganz angenehm.

Das lehne ich ganz ab!

Wieso das?

Die Brezel ist ja mit das Beste, was es gibt. Nur kriegen Sie die kaum, und schon gar nicht in diesen Brezelbuden am Hauptbahnhof, wo tiefgekühlte Brezeln aufgebacken werden. Das ist ein Ärgernis, aber keine Brezel!

Selbst wenn die frisch aus dem Rohr kommt?

Die soll man sowieso nicht warm essen. Die müssen schon etwas zu sich selbst gekommen sein.

Klaus Nüchtern in FALTER 42/1999 vom 22.10.1999 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Menschen lügen (Arnold Stadler)

Rezension aus FALTER 28/1999

Rechtzeitig zur Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis erscheint Arnold Stadlers jüngster Roman. Ein hinreißender Schrotthändler".

Wenn jemand aus Kreenheinstetten stammt, aber in einem Haus in Köln wohnt, das von einer Innenarchitektin namens Gabi Stauch-Stottele eingerichtet wurde, dann stimmt was nicht. Es stimmt so einiges nicht im Leben des 42jährigen Ich-Erzählers, eines frühpensionierten Gymnasiallehrers, der seit 20 Jahren verheiratet ist. Und daß "eines Morgens Anfang Mai" Adrian, ein junger Gelegenheitsschrotthändler in Adidas-Hosen, vor der Tür steht, der im Verlauf des Romans vom ehewunden Ehepaar adoptiert werden wird, um es finanziell auf unfeine Weise zu erleichtern und mit der Gattin durchzubrennen, ist wohl so etwas wie höhere Notwendigkeit in Gestalt des Zufalls. Auch darf man getrost verraten, wie Arnold Stadlers jüngster Roman "ausgeht", weil damit ja noch nichts verraten ist.

Adrian repräsentiert jene saft- und kraftvolle Körperlichkeit, von der sich die Protagonisten zusehends entfernen. Dennoch bleibt dieser kontrastieve Knackarsch eine periphere Figur, gibt Anlaß zu einem hübschen Romantitel ("Ein hinreißender Schrotthändler") und einigen wohlgesetzten sarkastischen Auslassungen. Wäre das alles, Stadler reihte sich würdig ins Spektrum der Produzenten gehobener Unterhaltungsliteratur ein und wäre wohl kaum mit dem Georg-Büchner-Preis 1999 ausgezeichnet worden, der ihm am 23. Oktober in Darmstadt verliehen und ihn um 60.000 Mark reicher machen wird.

Bekannt geworden ist Stadler durch seine Romantrilogie "Ich war einmal" (1989), "Feuerland" (1986) und "Mein Hund, meine Sau, mein Leben" (1994). Berühmt geworden ist er durch das überschwengliche Lob, das Martin Walser in seinem umfänglichen Spiegel-Essay über "Das Trotzdemschöne" dieser Trilogie hat angedeihen lassen. In höchstem Ton pries Walser den "Stadler-Ton": "Mir ist der Ton alles. Er ist die Mitteilung. Und was er nicht mitteilt, das will ich auch auf keinem anderen Weg erfahren."

Dieser Ton ist auf Schmerz gestimmt, auf Kindheit und Heimweh. Einen solchen Ton muß man sich erkämpfen oder, besser noch, ertrotzen, denn das Hinter- und Hotzenwäldlerische der oberschwäbischen Heimat ist nicht nur in seiner Dinghaftigkeit, sondern auch in seiner Sprachgestalt vom Angriff der Gegenwart bedroht. Und von Gabi: "Gabi grimassierte befremdet und schämte sich, und versuchte immer noch, mich auf den richtigen Erzählweg zu bringen, unterbrach mich mit vornehmen Halbsätzen. Sagte ,Euer Landsitz' und ,Zirbelholzstube' und ,Erbhof'. Meine Wörter (Fremdwörter?) waren: Kopftuch, Kirchenchorausflug, Sonderfahrt, Sessellift, Einkehren, Tellerschnitzel, Salamibrot, Stalltürchen, Viehmantel, Hotzenwald."

So begibt sich also das erzählende Ich wieder in die Heimat, um das zwischenzeitlich begrabene "Ich von Kreenheinstetten" zu exhumieren. Was durch den Umstand erschwert wird, daß zwar Herr Eiermann noch immer als "Narrenmutter" fungiert, aber auch die Segnungen der Moderne Einzug gehalten haben: Die Jugendliebe hat einen Autohändler mit apoplektischem Teint geehelicht und sich nach dem Eheanbahnungs- aufs Immobiliengeschäft verlegt, die meisten Menschen fahren Geländewagen, und in der Stadthalle von Sigmaringen findet die erste Sexmesse statt.

Stadlers Roman bewegt sich mitunter gefährlich nahe an der Grenze zu wohlfeiler Zivilisationskritik. Aber dann rettet ihn die Skepsis des Protagonisten vor dem Absturz. Nicht um restaurative Verklärung geht es, sondern um Erinnerung; und um die Einsicht, daß noch vor 20, 30 Jahren alles ziemlich anders war und daß der "schmerzstillende Mercedes" oder die Inneneinrichtung von Gabi Stauch-Stottele auch nicht die Erfüllung jener Sehnsüchte bedeuten, die man einst schmerzvoll erfuhr. Dem Schmerz aber gilt es nachzuspüren: "Weil alle Stellen so schön verheilen. Nichts läßt man uns, nicht einmal den Schmerz, und eines Tages wird alles vergessen sein."

Klaus Nüchtern in FALTER 28/1999 vom 16.07.1999 (S. 53)


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