Riff
Tonspuren des Lebens

von Thomas Steinfeld

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Anhand von Episoden aus Film, Literatur und Philosophie erzählt Thomas Steinfeld in "Riff" von der Macht der Musik über unser Leben.
Musik begleitet den modernen Menschen, vom Erwachen bis zur Müdigkeit, von der Stunde seiner Geburt bis zur letzten Müdigkeit. Sie lässt ihn bei der Arbeit nicht allein, sie gehört zum Krieg und zum Vergnügen, sie begleitet den Schmerz, die Hoffnung und die Liebe." Da hat Thomas Steinfeld - nach einem Germanistik- und Musikwissenschaft-Studium sowie langen Auslandsaufenthalten nun FAZ-Feuilleton-Redakteur für "Literatur und literarisches Leben" - in der Tat Recht: Auch den Autor dieser Zeilen lässt die Musik bei der Arbeit nicht allein. Während des Verfassens dieses Textes etwa sorgt sie für Schmerzen. "Freestyler" heißt er, der große Sommerhit dieses Jahres, der nun noch einmal als Endlosschleife läuft, wenn eine Jugendgruppe unter dem Fenster des Arbeitszimmers eine Breakdance-Party feiert. "Rock da microphone!"
Man kommt der Musik schon lange nicht mehr aus. Sie erreicht einen von der Straße, von CD, Platte, aus dem Radio, ja auch schon aus dem Computer. Ausgehend von diesem Befund macht sich Steinfeld in "Riff. Tonspuren des Lebens" auf die Suche nach den Ursprüngen dieser Entwicklung. Sie beginnt bei ihm mit einem Topos aus "In Swanns Welt" (1913), dem ersten Band von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit": Im Vorübergehen hört Swann auf einer Abendgesellschaft ein Musikstück. Es ist kein großes Kunstwerk, aber dennoch verliebt sich Swann sofort in dieses Stück. Er verlangt immer wieder danach, will den Titel und mehr über den Komponisten erfahren. Schließlich wird es zur Hymne seiner Liebe zur angebeteten Odette.
Für Steinfeld markiert diese Begebenheit "einen Wendepunkt in der Kulturgeschichte. Die Verliebten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts hatten Trost und Zuspruch in der Literatur gefunden. Auch für den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hätte man noch ein Buch als Symbol und Unterpfand der Liebe erwartet - und dann werden es ein paar Takte aus einer Violinsonate, einer mittelmäßigen zumal. Die Linie, die hier beginnt, führt in den Kuschelrock. ,One More Night' singt Phil Collins, und man wagt nicht einmal zu raten, wie viele Paare in einem solchen Lied die ,Nationalhymne' ihrer Liebe gefunden haben wollen."
Hier wird eine der Stärken von Steinfelds Beobachtungen deutlich: Immer wieder stellt er originelle Querverbindungen her und lenkt so die Aufmerksamkeit des Lesers auf Phänomene, die dieser selbst so wohl nie wahrgenommen hätte. In den 24 Kapiteln werden episodisch und anhand von Beispielen Themen wie "Die Lautstärke", "Die Wiederholung" oder "Das Thema" abgehandelt. Als Aufhänger dient Steinfeld jeweils ein Filmemacher (Wenders), Literat (Pynchon, Handke) oder Philosoph (Adorno, Benjamin), dessen Verhältnis zur Musik nicht durch-, sondern jeweils nur kurz beleuchtet wird.
Das ist das Sympathische an "Riff": Der Autor tritt nicht mit dem Anspruch irgendeiner Vollständigkeit oder Systematik an. Gerade deshalb aber kommt er zu - bisweilen überraschenden - Einsichten: So etwa, dass der ständig Reisende Peter Handke eigentlich überall nur die Rock-'n'-Roll-Klänge sucht, die er einst als junger Mann in einer Kärntner Wirtshaus-Jukebox gehört hat. Oder dass die Romane Thomas Pynchons wie ein Gitarrenriff strukturiert sind.
Warum das so ist? Selber lesen!"Noch ein Berlin-Buch?" ließe sich anlässlich von Thomas Groß' Miniaturensammlung "Berliner Barock. Popsingles" fragen. Viele Veröffentlichungen verkaufen sich durch einen -oft genug aufgesetzten - Berlin-Bezug zwar prächtig, werden dadurch aber nicht lesenswerter. Bei Groß verhält es sich etwas anders. Sein Buch ist eine Sammlung kunstvoll gebauter Singles über Pop-Phänomene wie die Einstürzenden Neubauten, Funny van Dannen oder Papst Johannes Paul II. Berlin liefert den Zusammenhalt zwischen den sonst oft disparaten Abschnitten. Groß konzentriert sich dabei auf sein jeweiliges musikalisches Thema, fängt aber wie nebenbei auch die Berliner Stimmung der letzten drei Jahrzehnte ein.
Im Vergleich zu weiten Teilen seiner pop-literarischen und musikjournalistischen Kollegenschaft hat der Zeit-Musikredakteur zwei große Vorteile: Er beobachtet genau. Und er schreibt beneidenswert gut. So gut, dass er Kollegen in Depressionen stürzt und sie dazu bewegt, Sätze wie "Einen Finger würde ich mir dafür abhacken, mich wie der große Thomas Groß einem Gegenstand nähern zu können" zu schreiben.
Die Singles stammen übrigens noch aus seiner Zeit bei der taz. Wer Groß' Artikel über Robbie Williams in der Zeit gelesen hat, kann mitverfolgen, wie sehr der Autor die musikjournalistische Single als Kunstform seitdem noch weiterentwickelt hat und sich am Weg zur "Hamburger Klassik" befindet.Nicht so sehr um Kunstfertigkeit geht es Sky Nonhoff in seinem Buch "Schallplatten". Die Tatsache, dass es in der Reihe "Kleine Philosophie der Passionen" erschienen ist, lässt schon erahnen, worum es sich handelt: um eine Ode an die erste, letzte und wohl auch einzige Liebe zahlreicher, vorwiegend natürlich männlicher Zeitgenossen. Anhand persönlicher Erlebnisse handelt Nonhoff folgende Themen ab: die erste Platte, das Entstehen von fanatischer Sammelleidenschaft und schließlich die Folgen ebenjener - vom Flohmarkt-Abklappern bis zur sozialen Verelendung.
Womit der Autor beim wohl komplexesten Thema angelangt ist: Platten und Frauen. Durchaus selbstironisch geht es um die großen Fragen: Kann ein Vinylsammler überhaupt lieben? Lässt sich der Musikgeschmack einer Frau auf Dauer heben? Und: Darf mit einer neuen Flamme, in deren Plattenschrank Simon & Garfunkel oder Phil Collins breiten Raum einnehmen, überhaupt eine Beziehung eingegangen werden?

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 38)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Schallplatten (Sky Nonhoff)
Berliner Barock (Thomas Groß)

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