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Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 46/2000

Probiers mal bei Barbara/Houellebecq lyrisch : Monsieur Michel sucht das Glück

Wo Menschen öffentlich privat sind, fehlt es nie an Publikum. Ob im Container oder Taxi - die Hoffnung ist stets dieselbe: Das Private soll sich zeigen, direkt und ohne Inszenierung. Nicht nur Reality Shows, sondern auch Gedichte leben zu einem guten Teil von dem Versprechen, Intimität zu vermitteln. Allerdings ist Lyrik heute kein zentrales Medium mehr, um Gefühle zu übertragen. Gerade deshalb sind die Gedichte von Michel Houellebecq so interessant. Erzählen sie doch immer wieder von der ungestillten Sehnsucht nach Nähe, nach emotionaler Resonanz.

Die Gedichte zielen ins Herz der Dinge. Das Ich jedoch, das hier spricht, lebt am Rande der Aufmerksamkeit. Nie kommt es zu einer Annäherung, Berührungen finden nicht statt, die Entfernungen bleiben unüberwunden. Wir begegnen den Ausgesperrten in ihrer Einsamkeit im Leben und im Sterben. "Ich mag Krankenhäuser, diese Horte des Leidens / Wo sich die vergessenen Alten zu Organen verwandeln." Die ambivalenten Sympathien kreisen um das Hinfällige, um die eigenen Schwächen und kleinen Freuden. "Ich habe Angst vor all den vernünftigen, angepassten Leuten / Die mir meine Amphetamine wegnehmen möchten."

Über den einfachen, teils gereimten Versen liegt ein Zittern aus nervöser Antriebslosigkeit. Der lyrische Blick ist von der augenblicklichen Beliebigkeit der Ereignisse vollkommen abhängig. Kaum je erscheint der Sprecher in einer aktiven Rolle: Die Welt passiert, er zeichnet auf, sonst nichts. Die erste Zeile des ganzen Buches gibt bereits den Ton vor. "Als erstes bin ich in eine Tiefkühltruhe gestolpert." Da ist die Kälte, und da ist auch die Tragikomik des Stolperns.

Bei Houellebecq ist die Suche nach Glück eine Suche nach Liebe. Doch die Wege dorthin sind eng, und nicht alle führen ans Ziel. Wie auch in seinen Romanen "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" lauern hier im Hintergrund die Spielregeln des sexuellen Neoliberalismus. Körperdiktate und normierte Empfindungen deregulieren den Markt. Abweichungen werden zum Handicap. Abgedrängt an die Randzonen des Liebesmarktes bleiben den Ungeliebten die Türen ins Glück verschlossen. "Manche sind verführerisch und daher viel geliebt; Sie dürfen den Orgasmus erleben. Doch so viele andere sind müde und haben keinerlei Geheimnis. Nicht mal Phantasien mehr."

Der Band vereint französisches Original und deutsche Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel. Dieser hat den leichten Ton Houellebecqs gut getroffen und verzichtet entspannt auf die Gleichklänge im Original. Der zornige Romancier Houellebecq war in seinem Schreiben vielleicht nie intimer als in seiner Lyrik. Die Gedichte geben dennoch nur den Blick frei auf einen Menschen, dem jede Intimität unmöglich ist.

in FALTER 46/2000 vom 17.11.2000 (S. 73)


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