Spione

von Marcel Beyer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Marcel Beyers Roman "Spione" treibt ein virtuoses Spiel mit Erzählstimmen und der Neugier des Lesers.
Marcel Beyers Roman "Flughunde" (1995) war ein Sensationserfolg und wurde in ein Dutzend Sprachen übersetzt. Auch der Nachfolger "Spione" handelt wieder von Spurensuche und schließt inhaltlich lose an die Geschichte um einen Tontechniker im Dienst von Joseph Goebbels an. Nur dass es hier nicht um Stimmen geht, sondern vorwiegend geschwiegen wird. Dafür gewinnt das Schauen umso mehr an Bedeutung. Die Suche in "Spione" geht denn auch von einem Fotoalbum aus.
Vier Kinder stellen Nachforschungen über ihre Großmutter an. Der Großvater kann ihnen dabei nicht behilflich sein. Denn seine zweite Ehefrau, "die Alte", hat ihm jeden Kontakt zu seinen Kindern und Enkeln verboten. Anscheinend hat sie auch sämtliche Erinnerungen an die Vorgängerin verschwinden lassen, denn die Kinder können kein einziges Foto von der Großmutter finden. "Italienische Augen" soll sie gehabt haben und Opernsängerin gewesen sein - auch dafür gibt es keine Beweise -, bis sie für die Karriere des Großvaters bei der Luftwaffe auf die ihre verzichtete. Irgendwann, so viel weiß man, ist die Großmutter unheilbar krank geworden und gestorben. Die zweite Frau, die ihr schon kurz nach dem Tod folgte, hat noch nie jemand gesehen und hält ihren Mann seit Jahrzehnten von seiner Familie fern.
Beyer inszeniert die Spurensuche virtuos als Gewirr von Stimmen aus verschiedenen Zeiten. Eines der Kinder, das bezeichnenderweise als einziges namenlos bleibt, fungiert als Haupterzähler und wichtigster Spion. Neben ihm und einem auktorialen Erzähler kommen aber auch die anderen Kinder, der Großvater und sogar die böse Alte zu Wort. Naturgemäß stellt sich die Familiengeschichte, die sich von den Dreißigern bis in die Gegenwart zieht, aus jeder Perspektive anders dar. Eines aber wird schnell deutlich: Dass Verschwörungstheorien wie jene um das totale Erlöschen aller Erinnerungen an die Großmutter nur dann entstehen können, wenn in einer Familie jahrzehntelang geschwiegen wird. "Spione" lässt sich demnach gerade wegen der Sprachlosigkeit der Figuren als ein Plädoyer für das Miteinander-Reden lesen. Damit, wie im Roman, die Wahrheit nicht erst ans Licht kommt, wenn es eigentlich zu spät ist.
Vom überraschenden Schluss nur so viel: Es handelt sich um eine Pointe, die die Theorien und Konstruktionen der vorangegangenen 300 Seiten mit ein paar lapidaren Sätzen obsolet und das Verhalten des Großvaters und seiner zweiten Frau mit einem Schlag vollkommen plausibel macht. Es ist jedoch auch gut möglich, dass man dabei als Leser einer Halluzination des Haupterzählers beziehungsweise einer Finte des Autors aufsitzt. Auch Meisterspione unter den Lesern werden letztlich keine Lösung finden: Es gibt nämlich keine.
Einige Kritiken stießen sich an der Sperrigkeit von Bayers Roman, dessen Lektüre etwa Martin Lüdke in der Zeit schlicht als "zu schwierig" fand. Man lasse sich von solchen Urteilen nicht abschrecken, denn die Anstrengungen, die der Leser zweifelsohne auf sich nehmen muss, lohnen sich.

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 8)


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