Künstlerische Strategien des Fake
Kritik von Original und Fälschung

von Stefan Römer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Stefan Römer geht Modellen von Fälschung als künstlerischer Strategie nach und trägt den Kult ums Original zu Grabe.

Es hört sich an wie die Notlösung eines gestressten Kulturarbeiters: 1973 erschien in einer wichtigen US-amerikanischen Anthologie ein Text mit dem Titel "The Fake as More", in dem eine gewisse Cheryl Bernstein die Kritik einer Ausstellung besprach, die nie stattgefunden hat. Im Beitrag der unbekannten Kunsthistorikerin Bernstein ging es um die Schau eines Newcomers namens Hank Herron, der bei seiner ersten Personale nichts anderes als genaue Kopien von Frank Stellas Gemälden präsentierte. Durch diesen Aufsatz, der erst 13 Jahre später als von Carol Duncan verfasster Fake enttarnt wurde, avancierte der erfundene Herron zu einem Vorläufer der so genannten appropriation art der Achtzigerjahre, also der Kunst der Aneigung und Umdeutung anderer Kunstwerke.

Die Erfolge von Fälschern waren immer schon ein reizvolles Thema. In einer Art paralleler Kunstgeschichte existieren unzählige Legenden düster-genialer Gestalten, die von unsauberen Hinterzimmern aus ihre Habgier und ihre Rache am Kunstestablishment befriedigen. Sobald ein Bild einmal im Museum hängt, stellt der Betrachter dessen Status nicht mehr in Frage, weil die Instititution für Originalität bürgt. Und für die Vorstellung des Lesers einer Ausstellungskritik spielt es eigentlich keine Rolle, ob die beschriebenen Werke je existiert haben.

In seinem Buch "Künstlerische Strategien des Fake: Kritik von Original und Fälschung" betont der durch Publikationen in Texte zur Kunst, Kunstforum oder Frieze bekannte Kölner Künstler und Kunsthistoriker Stefan Römer, dass das Verständnis von Kunstwerken textuell funktioniert: Ein Bild könne zwar aufgrund seiner sinnlichen Erfahrbarkeit nicht auf einen Text reduziert, aber auch nie unabhängig von Texten gesehen werden. Den "reinen", unbeeinflussten Blick gibt es nicht.

Einen großen Raum in Römers Buch beanspruchen folglich auch die Rezeptionsgeschichten der Künstler (u.a. Sigmar Polke, Louise Lawler, Guillaume Bijl), die seit den Siebzigerjahren das Konzept von Originalität zu unterminieren versuchten. Zu den spannendsten Passagen gehört dabei die Darstellung der Interpretationen, die die Arbeiten von Richard Prince, dem wohl am heißesten umstrittenen Vertreter der appropriation art, erfahren haben: seit Prince 1980 erstmals mit Reproduktionen des "Marlboro Man" in Erscheinung getreten ist, löste er eine Fülle von Debatten aus: Was es bedeute, wenn aus der Werbung angeeignete Bilder fast eins zu eins im Museum auftauchen; ob Princes Kopien dem amerikanischen Warenfetischismus kritisch oder affirmativ gegenüber ständen; ob die Wiederholung machistischer Sujets im Kunstrahmen diese bloßstelle oder wieder festschreibe und so weiter.

Ungefähr zur selben Zeit bestritt die Künstlerin Sherrie Levine eine Ausstellung ausschließlich mit Bildern des klassischen US-Fotografen Walker Evans. Während Evans mit seinem 1941 erschienenen Buch "Let Us Now Praise Famous Men" auf die ländliche Armut der US-amerikanischen Depression aufmerksam machen wollte, verwandelten sich dieselben, lediglich mit dem Titel "Sherrie Levine After Walker Evans" versehenen Fakes im Soho der Achtzigerjahre in etwas ganz anderes: zum Beispiel in einen Kommentar zum sich damals bereits abzeichnenden Boom im Kunstmarktsegment Fotografie, das Evans' sozialkritische Dokumente in Luxusgüter konvertierte.

In seiner spannenden, herausfordernden Analyse schlüsselt Römer auf, wie Künstler aus bereits vorhandenem Material etwas Neues produzierten, um die Grenzen eines moralisierenden, essenzialistischen Kunstbegriffs zu sprengen. Die Frage nach echt oder unecht, wahr oder falsch wird damit nicht obsolet, sondern die Entscheidung löst sich - zumindest in der Kunst - in diskursive Prozesse auf.

Nicole Scheyerer in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 36)


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