Lanzarote
mit einem 80-seitigen Fotoband des Autors

von Michel Houellebecq, Hinrich Schmidt-Henkel

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 46/2000

Die Ehe, so meinte Erzbischof Krenn einst sinngemäß, sei eine Institution zur wechselweisen sexuellen Hilfeleistung. Kant hat das etwas prosaischer ausgedrückt. Und Michel Houellebecqs Helden treffen im besten Falle auf Frauen, die zu freundlichen sexuellen Hilfeleistungen bereit sind.
Man braucht einfach Glück mit den Frauen. Besonders wenn man das Pech hat, eine Figur von Michel Houellebecq zu sein, diesem Großwesir der Muffigkeit. Den Icherzähler der Erzählung "Lanzarote" verschlägt es Weihnachten 1999 auf die titelgebende Kanareninsel. Dort begegnet er dem gemütskranken belgischen Polizeiinspektor Rudi und einem deutschen Lesbenpaar aus der Nähe von Frankfurt. Freundlicherweise sind Pam und Barbara dann doch nicht ganz so lesbisch ("Sie fasste meinen Schwanz und wichste mich mit kleinen, freundschaftlichen Bewegungen. ,Ich lasse mich nicht vögeln, aber bei Barbara können Sie gern mal probieren'"), und nachdem der Held auf Barbaras Brüste gekommen ist, kommen ihm die Tränen: "So schlief ich ein, Barbaras Hüfte umschlingend, Tränen des Glücks in den Augen."
Rudi ist dieses Glück nicht beschieden. Nach fröhlich promiskuitiven Zeiten in Lokalen für tolerante Paare, verkommen er und seine Frau - ganz a la Houellebecq - zu "passiven Zuschauern von Zurschaustellungen wahrer Sexmonster". Seine marokkanische Gattin verlässt ihn samt Töchtern und wendet sich dem Islam zu, Rudi tritt den Azraelisten bei, einer Sekte, die auf Unsterblichkeit durch Klonen und pädophile Orgien setzt, deretwegen er dann auch in die Schlagzeilen und vor Gericht kommt: "Er war sexueller Handlungen mit einer Minderjährigen angeklagt, einer 11-jährigen Marokkanerin namens Äicha. (...) Ihre Mutter, ein ehemaliges Mitglied der Sekte, hatte die Anzeige erstattet. Nein, dachte ich, mit Marokkanerinnen hat Rudi wirklich kein Glück."
Was an Houellebecqs Protagonisten auffällt, ist das harte Nebeneinander von Zynismus und Sentimentalität. Es sind unleidliche, mürrische, depressive Figuren, mit denen man nicht unbedingt eine Tüte Steinobst leeren möchte; aber kaum erweist ihnen jemand ein bisschen Freundlichkeit, bricht der Schutzpanzer der Selbstverhärtung auf und gibt den Blick auf das weiche, verletzbare Fleisch frei. Es müssen übrigens nicht unbedingt sexuelle Hilfeleistungen sein, die das zuwege bringen: "Cher Monsieur", schreibt Rudi in einem Brief an den Ich-Erzähler, "lassen Sie mich Ihnen zunächst danken, dass Sie mich in diesen Tagen wie ein menschliches Wesen behandelt haben. Ihnen mag das selbstverständlich erscheinen; mir nicht."
Vielleicht liegt die Menschlichkeit sogar in dieser Mischung aus Distanz und Zuneigung, die den spezifischen Ton von Houellebecqs Büchern ausmacht: Gerade in der bloßen Registrierung der biografischen und sozialen "Fakten" nistet etwas wie Verständnis, ein Mitleid, das nicht herablassend ist: "Wohl wegen seines klischeehaften pädophilen Äußeren wurde Rudi nach den Sitzungen häufiger interviewt. Er schien schon daran gewohnt zu sein; er antwortete freundlich und zuvorkommend. War ihm bewusst, welche Strafe ihm drohte? Ja, durchaus; aber er bereute nichts."
Kommentarlos ist ein Ausschnitt der Chronik des Padre Don Andres Lorenzo Curbado an das Ende der Erzählung gestellt, in dem der Ausbruch eines Vulkans auf Lanzarote im Jahr 1730 geschildert wird. Auch hier unterschlägt die bloße Beschreibung nicht die verheerende Wirkung und die entsetzlichen Folgen für die Menschen, ohne auf diese näher einzugehen. Der Band mit Fotos des Autors, die dieser auf Lanzarote gemacht hat und die mit der Erzählung als schicker Houellebecq-Doppelpack ediert wird, zeigt karge, mit sporadischem Grün durchsetzte Landschaften. Die aparten vulkanischen Verwerfungen des erkalteten Gesteins geben eine Ahnung von gewaltigen geologischen Kräften und verraten nichts von den Schmerzen und den Todesqualen belebter Natur. Auf einer einzigen Aufnahme sind Menschen zu sehen; touristisches Gewusel, in dem sich gewiss auch traurige belgische Polizisten befinden.
"Sie wissen wahrscheinlich nicht, wie furchtbar es ist, Polizist zu sein (...). Wahrscheinlich wissen Sie noch weniger, wie furchtbar es ist, Belgier zu sein", schreibt Rudi. Houellebecqs Bücher vermitteln eine Ahnung von den Qualen, die die Rudis dieser Welt zu ertragen haben. Und sind doch auch gerade in diesen, nachgerade bernhardesken Sätzen ziemlich komisch: "Wozu sind diese Norweger eigentlich nicht imstande? Die Norweger sind durchscheinend; der Sonne ausgesetzt, sterben sie fast sofort."

Klaus Nüchtern in FALTER 46/2000 vom 17.11.2000 (S. 73)


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