Der Fall Arbogast

von Thomas Hettche

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: DuMont
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Thomas Hettche arbeitet in dem Roman "Der Fall Arbogast" mit dem Justizskandal um einen vermeintlichen Lustmöder ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte literarisch auf.

Nach einer wahren Begebenheit: Zwischen 1953 und 1969 saß der vermeintliche Lustmörder Hans Arbogast für ein Verbrechen, das keines war, im Gefängnis. Bis sich ein Anwalt und ein Journalist seines Falles annahmen, die Wiederaufnahme des Verfahrens und schließlich einen Freispruch für Arbogast erwirkten. Dieser an sich noch nicht besonders aufregenden Geschichte hat sich nun der deutsche Autor Thomas Hettche (Jahrgang 1964) – bekannt geworden durch Romane wie "Ludwig stirbt" und "Nox", durch die Betreuung der Internetanthologie "Null" und seine mittlerweile aufgegebene Tätigkeit als Jurymitglied beim Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb – mit seinem Roman "Der Fall Arbogast" angenommen. Der DuMont-Verlag verkauft das Buch als "Kriminalroman", "Justizroman" wäre angesichts der Thematik treffender gewesen, aber auch diese Etikettierung würde Hettches Text nur sehr oberflächlich gerecht, versucht dieser doch, ein Panorama vom Leben im Deutschland der Fünfziger- und Sechzigerjahre zu entwerfen. Dazu eignet sich Arbogasts Geschichte nämlich ganz vorzüglich. Und die geht so: Eines schönen Tages holt sich der nie ganz brave Ehemann wieder einmal eine junge Anhalterin in sein Auto. Doch ist da, mehr als sonst, ein Gefühl von wechselseitigem Verständnis, von echter Zuneigung. Als die beiden einander spätabends auch körperlich näher kommen, geraten die Dinge jedoch außer Kontrolle. Mitten im Akt bemerkt Arbogast, dass seine eben noch ungestüme Partnerin das Zeitliche gesegnet hat. Der Sex war zwar wild, von Lustmord kann aber keine Rede sein. Die Staatsanwaltschaft und der Gutachter sehen das anders. Die Leiche weist Verletzungen im Halsbereich auf, die ihr – wie in Unkenntnis der jüngeren gerichtsmedizinischen Forschung fälschlicherweise angenommen wird – Arbogast mit einem Strang zugefügt haben muss. Also lebenslänglich.

Das ist die eine Geschichte. Die anderen sind die vielen kleinen Schicksale der mit dem Fall in Verbindung stehenden Menschen, denen der allwissende Erzähler jeweils für kurze Abschnitte lang in ihr Privatleben folgt. Die allein erziehende Gerichtsmedizinerin aus der DDR, die für die Wiederaufnahme des Prozesses engagiert wird, sich in Arbogasts ambitionierten Anwalt verliebt und doch zu ihrer Tochter in den Osten zurückkehren muss. Oder der Journalist, der 16 Jahre nach dem ersten Prozess jene Frau sucht, die damals die Leiche fotografierte und die er seither nicht vergessen konnte. Hettche folgt diesen verschlungenen Handlungspfaden, um die Sorgen und Wünsche der Figuren auszubreiten, über denen sie – wie auch bisweilen der Erzähler – ganz auf den Protagonisten vergessen. Hettche erzählt diese Geschichten rund um den letztendlich freigesprochenen Angeklagten ohne Pathos und in einem erfreulich nüchternen und unprätentiösen Ton. So hat er mit "Der Fall Arbogast" zwar nicht den großen, dafür einen kleinen und umso feineren Roman über Deutschland an der Schwelle zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart geschrieben.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 14)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb