Biomega 03

von Tsutomu Nihei

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Verlag: Egmont Manga
Genre: Belletristik/Comic, Cartoon, Humor, Satire/Manga, Manhwa
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.07.2009


Rezension aus FALTER 47/2009

Als die Bilder laufen lernten

Mangas sind jetzt auch fĂŒr Erwachsene: fantastische Neuerscheinungen von Tezuka, Taniguchi und Nihei

Es ist nicht einfach, in den Regalen der Buchhandlungen zwischen der Manga-Meterware die paar BĂ€nde zu finden, die zu lesen auch noch lohnt, wenn die PubertĂ€t schon einige Jahre zurĂŒckliegt. Lange Zeit wurden Mangas fĂŒr Ältere gar nicht erst auf Deutsch verlegt, wohl aus Angst, die an mĂ€dchenvertrĂ€umte Romanzen und kurzweilige Bubenaction gewöhnte adoleszente PrimĂ€rzielgruppe zu verstören. Erst nach und nach haben Verlage damit begonnen, auch hierzulande interessantere Stoffe oder gar japanische Comic-Klassiker auf den Markt zu bringen.
Anfangs liefen diese BĂŒcher ebenfalls unter dem "Manga"-Label, neuerdings werden sie oft als graphic novels gefĂŒhrt – ein Begriff, der auf Will Eisner zurĂŒckgeht, der ihn 1978 fĂŒr seine ComicerzĂ€hlungen "Ein Vertrag mit Gott" verwendete. Erst in den letzten Jahren ist der Begriff zu so etwas wie einem allgemeinen GĂŒtesiegel fĂŒr Erwachsenen- und Feuilletontauglichkeit avanciert. Seit kurzem versieht auch der Carlsen-Verlag seine als anspruchsvoll erkannten Comics aus Japan mit diesem Label, Schreiber&Leser hat einigen BĂ€nden seiner "shodoku"-Reihe gar einen eigenen "Graphic Novel"-Aufkleber verpasst.
Gut, auch Mangas sind also erwachsen geworden. Aber Achtung: Nicht nur dort, wo "Erwachsene" explizit draufsteht, ist Hervorragendes drin. Das findet sich – selten, aber doch – auch im Teenager-Regal.

Von Hunden und Menschen
Bei Osamu Tezuka (1928–1989) liegt der Fall einigermaßen klar. In Japan gilt Tezuka als großer Meister, ja, als "Gott" des Manga. Sein geradezu monströses Werk, das 150.000 eigenhĂ€ndig gezeichnete Seiten umfasst, ist dort lĂ€ngst Teil des Hochkulturkanons, in Europa ist davon immer noch sehr wenig bekannt. Tezuka war Ende der 40er-Jahre der Erste, der das traditionelle Stripformat durchbrach; die Serie um den Disney-inspirierten Kulleraugenroboter "Astro Boy" ist Kult, und mit "Adolf", das ĂŒber 1300 Seiten die Schicksale dreier Personen gleichen Vornamens wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs auf ebenso komplexe wie verstörende Weise miteinander verknĂŒpft, schrieb er wenige Jahre vor seinem Tod erneut Comicgeschichte.
Umso erstaunlicher, dass außer "Adolf", "Astro Boy" und dem FrĂŒhwerk "Kimba" bislang keines seiner BĂŒcher auf Deutsch erhĂ€ltlich war. Mit dem großartigen "Kirihito", dessen erster Band (von dreien) gerade erschienen ist, nimmt sich der CarlsenVerlag nun erstmals eines Comics aus Tezukas mittlerer Schaffensperiode an.
Im Zentrum der ursprĂŒnglich 1970 und 1971 erschienenen ErzĂ€hlung steht der junge Arzt Kirihito Osanai, der in seinem Spital Opfer einer Intrige wird und sich mit der Monmo-Seuche infiziert, die ihn langsam zu einem Hund werden lĂ€sst. In "Kirihito" hat sich Tezuka erstmals am realistischeren, dunklen "Gekiga"-Stil versucht, dabei grafisch derart hemmungslos experimentiert, dass die groteske und grausame Geschichte um Liebe, Verrat und Gerechtigkeit zu einer schwindelerregenden Achterbahnfahrt der Sinne gerĂ€t. Der Sogwirkung, die der Medizinthriller entfaltet, hĂ€tte freilich die Veröffentlichung in einem Band besser entsprochen.

Der Welten-Wandler
Ganz anders gelagert ist der Fall Jiro Taniguchis (geb. 1947), der sich in jĂŒngster Zeit zum Liebkind der europĂ€ischen Comicszene entwickelt hat und als erster Japaner ĂŒberhaupt beim renommierten Festival von AngoulĂȘme ausgezeichnet wurde. Bei Schreiber&Leser und bei Carlsen sind in den letzten drei Jahren 13 Taniguchi-Werke erschienen, zuletzt "Von der Natur des Menschen", eine Sammlung von Kurzgeschichten, die Taniguchi nach Szenarien von Ryuichiro Utsumi gezeichnet hat.
Der Band zeigt vor allem, wie schmal der Grat ist, auf dem Taniguchi wandelt, wenn er den Alltag seiner Helden in Poesie zu verwandeln sucht, wie schnell die bedĂ€chtig erzĂ€hlten, melancholisch grundierten Kurzgeschichten, die vom Verlust handeln und von der Suche nach GlĂŒck, in betulichen GefĂŒhlskitsch kippen. Nur wenige Geschichten des Bandes sind vielschichtiger angelegt.
"Der spazierende Mann" und "Bis in den Himmel", ebenfalls heuer erschienen, schaffen diesen Grenzgang hingegen perfekt. In "Der spazierende Mann" folgt Taniguchi seiner weitgehend eigenschaftslosen, dafĂŒr stets buddhistisch lĂ€chelnden Hauptfigur auf deren ereignisarmen StreifzĂŒgen durch einen japanischen Vorort. Mit großer Meisterschaft zeichnet Taniguchi, der seine Karriere mit Kriminal- und Bo­xergeschichten begann, seine in sich ruhenden Tableaus des Augenblicks, in denen die japanische Druckgrafiktradition ebenso anklingt wie die franko-belgische ligne claire. Auch das mag zu seiner Beliebtheit in Europa beitragen.

Der Weg ist das Ziel
Anders als Tezuka und Taniguchi tragen Tsutomu Niheis Mangas keine Unbedenklichkeitsbescheinigung als Graphic Novels. Im Gegenteil: Seine BĂŒcher sind beim Manga-Ableger des Egmont-Verlags erschienen, der fĂŒr gewöhnlich in eher seichten GewĂ€ssern fischt. Nihei entstammt auch einer anderen Generation als die alten Meister, ist in dem Jahr geboren, in dem Tezuka "Kirihito" veröffentlichte, und hat zunĂ€chst Architektur studiert, bevor er sich dem Zeichnen zuwandte. Das kann man in seinen Arbeiten deutlich sehen, im frĂŒheren "Blame!" ebenso wie in der neuen, auf sechs Teile angelegten Serie "Biomega".
Bei Nihei ist die gezeichnete Raumzeit an sich die Handlung, die "Geschichte" im klassischen Sinn Nebensache. Sowohl in "Blame!" als auch in "Biomega" wird sie nur schematisch umrissen: Der schwerbewaffnete "synthetische Humanoid" Zouichi Kanoe bahnt sich mit einem mÀchtigen Motorrad seinen Weg durch postapokalyptische Megastrukturen und trifft auf vireninfizierte Zombie-Drohnen, Unsterbliche, Wissenschaftler und GenerÀle.
Der Weg, den Kanoe in den Raum und diverse Feindeskörper schneidet, ist dabei schon das Ziel, die Geschwindigkeit, mit der man sich durch die Seiten blÀttert, ist beachtlich. Fantastisches Daumenkino!

Thomas Wolkinger in FALTER 47/2009 vom 20.11.2009 (S. 29)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Von der Natur des Menschen (Jiro Taniguchi, Ryuichiro Utsumi)
Kirihito 1 (Osamu Tezuka)
Biomega 01 (Tsutomu Nihei)
Biomega 02 (Tsutomu Nihei)
Biomega 04

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