Zweihundert Jahre zusammen
Die russisch-jüdische Geschichte 1785-1916

von Alexander Solschenizyn, Holger von Rauch, Kurt Baudisch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Herbig
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2003

Russland, das ist der Gulag, der Terror und die Mafia - so wollen es zumindest die bösen Klischees. Eine Reihe neuer Publikationen über das größte Land der Welt liefern kritische Diagnosen des gegenwärtigen russischen Seelenzustandes und belegen, dass die Klischees nicht ganz falsch sind.

Die Juden sind schuld, lautete eine in Russland gern gegebene Antwort auf die Frage, wer für die heutige Misere verantwortlich ist: Sie hätten die Revolution angezettelt und das Land in den Abgrund geführt. Diese Antwort beschäftigte auch den heute 85-jährigen Alexander Solschenizyn, Literaturnobelpreisträger und Verfasser des "Archipel Gulag": Als er 1994 aus der Emigration nach Russland zurückkehrte, brachte er nicht nur Ideen mit, wie Russland wieder aufzubauen wäre, sondern auch ein umfangreiches Manuskript über die Rolle der Juden in der russischen Geschichte.

Als "Zweihundert Jahre zusammen. Die russisch-jüdische Geschichte 1795-1917" im Jahr 2002 erschien, brach sofort eine stürmische Diskussion los, obschon Solschenizyn darauf hingewiesen hatte, dass es jetzt wichtigere Fragen gäbe. Ist er ein Antisemit, wenn er auf die Rolle der russischen Juden in der Oktoberrevolution hinweist, auf die jüdischen Lagerleiter des Gulag? Wider anders lautenden Aussagen ist dem Monumentalessay Antisemitismus kaum vorzuwerfen.

Solschenizyns Geschichte beginnt mit der dritten polnischen Teilung 1795, im 19. Jahrhundert wächst die Zahl der jüdischen Bevölkerung des russischen Imperiums auf zehn Millionen an - damals die Hälfte der Juden weitweit. Anders als in Europa dauert die Emanzipation der russischen Juden bis ins 20. Jahrhundert, sie dürfen sich nur im so genannten "Ansiedlungsrayon" niederlassen. Auf den Hinweis dass es gerade dort gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder zu Pogromen kommt, kontert Solschenizyn mit der Behauptung, Antisemitismus sei ein Importprodukt aus Polen, Bessarabien oder der Ukraine gewesen. Die Welt erinnere sich nur an das russische Wort Pogrom ("Zerstörung", Verwüstung), die eigentliche Zerstörung Russlands wäre aber durch jene radikalen Revolutionäre erfolgt.

Für Anarchisten, Nihilisten und sonstige Terroristen hat Solschenizyn nicht viel übrig. Er bezeichnet sie mit dem großen jüdischen Historiker Simon Dubnow als "heillos entwurzelt", egal, ob sie Russen oder Juden sind. Beide haben ihre Religion, ihren Gott verraten und an ihrem eigenen Untergang gearbeitet. Merkwürdig ist Solschenizyns moralische Geschichtsschreibung dort, wo er weit reichende historiosophische Spekulationen an- und Kausalitäten herstellt - wie etwa anlässlich der Ermordung des Reformers Stolypin durch einen jungen radikalen Juden 1903. Dadurch seien die Bolschewiki an die Macht gekommen, die schließlich Hitlers Angriffskrieg auf den Plan riefen - und vierzig Jahre nach Stolypins gewaltsamem Tod wurden sämtliche Juden Kiews von den Nazitruppen ermordet. Das Gegenteil von Solschenizyns moralischer Geschichte ist Meinhart Starks "Frauen im Gulag. Alltag und Überleben. 1936-1956". Eine politisch korrekte, aber eigentümlich farblose Darstellung einer Reihe von deutschen, russischen, ukrainischen, jüdischen Frauenschicksalen in den Jahren von Stalins Terror. Deren Biografien stehen stellvertretend für jene drei bis vier Millionen Mädchen und Frauen, die Stalins Zwangsherrschaft zum Opfer fielen. Sie wurden als Volksfeinde, Trotzkisten, Spione oder aus diversen anderen abstrusen Gründen verurteilt - und zwanzig Jahre später wegen des Fehlens eines Tatbestandes wieder rehabilitiert.

Stark beschreibt der Reihe nach die Verhaftung der Frauen, die Verhöre, die Erniedrigungen, den Transport ins Lager. Es folgen Schilderungen des Lageralltags (die russischen Bauern gewöhnten sich rasch an die neue Lage, weil sie sich wenig von den Lebensumständen in Freiheit unterschied), der Lagerleitung, der Arbeit, des Verhältnisses von politischen Häftlingen zu Kriminellen, bis zum Ende im Massengrab oder zur Befreiung. Trotz oral history" bleibt das Ganze leblos. Wer diese Geschichte tatsächlich lesen will, sollte sich entweder an akademische Darstellung halten oder zu Jewgenja Ginzburgs Memoiren greifen ("Marschroute des Lebens", "Gratwanderung"), die Stark ohnedies ausführlich zitiert. Zynisch gesagt, ist dieses Buch ein Beispiel für die ewigen Leiden des Mütterchens Russland. Allenfalls bekommt man eine Vorstellung davon, was den Unterschied zwischen Literatur oder Zeitgenossenschaft und Publizistik ausmacht, von Erschütterung und Betroffenheit. Als Russland 1992 dem Europarat beitrat, verfügte der russische Präsident Jelzin ein Moratorium für die Todesstrafe, überdies wurde die Begnadigungskommission beim Präsidenten eingesetzt. "Ich flehe um Hinrichtung" ist eine Art Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit dieser Kommission aus der Hand ihres Vorsitzenden, des Schriftstellers Anatoli Pristawkin. Es ist ein engagiertes Buch im besten Sinn des Wortes. Anders als Solschenizyn - heute ein heftiger Verfechter der Todesstrafe - ist der Romancier Pristawkin ein "Westler". Er folgt der Tradition der russischen Intelligenzija und hat Anteil an dem, worüber diese seit Dostojewskij, der vor einem Erschießungskommando stand und begnadigt wurde, verfügt: Humanismus und Mitleidsethik.

Tausende von Fällen gingen durch Pristawkins Hände, ein Dutzend lässt er Revue passieren: Wirtschaftskriminalität aus der Sowjetzeit, ein Fährenunfall aus den Achtzigerjahren, Massenmorde, Raubüberfälle - Auftragsmorde und Killer kommen bei ihm nicht vor. Alles beginnt viel gewöhnlicher: "Sie saßen in der Wurstfabrik und tranken, plötzlich schlug Kusmitschew ohne ersichtlichen Anlass auf Schwipkow ein und erschlug ihn." Alkoholismus ist Russlands Grundübel, Korruption oder Fehler der Polizei tragen das ihrige zur hohen Kriminalitätsrate bei - wie im Fall eines erpressten Geständnisses, das einem Unschuldigen die Todesstrafe eintrug, dem tatsächlichen Mörder Tschikadlo den Weg zu seiner unrühmlichen Karriere mit weiteren 49 Morden ebnete.

So emphatisch Pristawkin auch von "unserer eignen Herabgekommenheit und Mitleidslosigkeit" spricht, wird es ihm damit wohl nicht gelingen, die russische Seele wachzurütteln: Noch nie war die Todesstrafe so populär wie heute. In einem Land, wo mehr als fünfzig Prozent der Bevölkerung Stalin für eine positive Figur der Geschichte halten, ist nicht Gnade gefragt, sondern eine starke Hand, die durchgreift und Ordnung schafft.

Ein anderes großes Problem Russlands ist der 1994 von Boris Jelzin begonnene Krieg in Tschetschenien. Dass es dort mittlerweile 200.000 Tote gibt, schien bis zum tschetschenischen Terroranschlag im letzten Herbst außer den direkt betroffenen "Soldatenmüttern" niemand zu interessieren. Putins Popularität hingegen stieg durch Sprüche wie den, dass er "den letzten Terroristen auf dem Häusl ertränken" werde, noch an. Das passte zudem zur populären Xenophobie, dass die Kaukasier, die "Schwarzärsche", an allem schuld sind.Die Journalistin Anna Politkovskaja hat mit "Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg" ein Meisterwerk politischer Reportage verfasst und lässt darin keine Zweifel offen, wer die Hauptverantwortlichen des Krieges sind: Moskau, der Kreml, Putin und die Generäle. Sie hegt dabei keine romantischen Gefühle (unter russischen Intellektuellen gar nicht so selten!) für tschetschenische Rebellen, denn Bassajew und die Wahhabiten machen Geschäfte mit der Armee. Die Säuberungsaktionen des russischen Militärs im Rahmen der so genannten antiterroristischen Aktion beginnen jedoch immer erst, wenn die tschetschenischen Kämpfer aus einem Dorf verschwunden sind und die Zivilbevölkerung recht- und schutzlos der plündernden und marodierenden russischen Soldateska ausgesetzt ist. Da wird Menschenraub und -handel betrieben, gehandelt wird auch mit Leichen: von beiden Seiten.

Politkovskaja, die seit 1999 einmal pro Monat Tschetschenien besucht, hat mit den tschetschenischen Führern und Flüchtlingen, um die sich keiner schert, genauso gesprochen wie mit russischen Generälen und einfachen Soldaten. Herausgekommen ist ein lebendiges Bild der Hölle: Die Unbedarftheit pensionsreifer OSZE-Beobachter ist deprimierend, noch schlimmer das Bild der verkommenen russischen Armee am Beispiel des Obristen Budanow, der eine junge Tschetschenin vergewaltigte und ermordete, mittlerweile vor Gericht gestellt, für unzurechnungsfähig und doch wieder zurechnungsfähig erklärt wurde.

Doch auch Politkovskajas Darstellung der Vorgeschichte des Tschetschenienkrieges im 19. Jahrhundert, der Deportation der 300.000 Tschetschenen durch Stalin in einer einzigen Februarnacht des Jahres 1941 und die Beschreibung der Auswirkungen des kaukasischen Kriegs bis ins heutige Moskau machen ihr Buch zu einer Pflichtlektüre für all jene, die wissen wollen, was in Russland tatsächlich geschieht.

Und so gibt ihr Buch in gewisser Weise auch Hoffnung - auch wenn die Generäle nach öffentlichen Hinrichtungen tschetschenischer Terroristen rufen, Solschenizyn die Kaukasusrepublik mit einer Mauer umgeben will und der Präsident des Landes mit seinen ehemaligen KGB-Genossen Trinksprüche auf Stalin ausgeben, jedem Kritiker seiner Politik aber empfiehlt, sich kastrieren zu lassen: Solange solche Stimmen wie jene Politkovskajas zu hören sind, bleibt noch Hoffnung, dass Russland nicht ganz verloren ist.

Erich Klein in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 28)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Frauen im Gulag (Meinhart Stark)
Ich flehe um Hinrichtung (Anatoli Pristawkin, Thomas Reschke, Renate Reschke)
Tschetschenien (Anna Politkovskaja, Hannelore Umbreit)

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