Die Überschreitung
Günther Messners Tod am Nanga Parbat. Expeditionsteilnehmer brechen ihr Schweigen

von Max von Kienlin

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Herbig
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 25/2003

Nicht nur als Extrembergsteiger ist Reinhold Messner ein erfolgreicher Grenzgänger, sondern auch als Bestsellerautor. Zuletzt hat der egozentrische Medienprofi eine öffentlichkeitswirksame wie verkaufsträchtige Kontroverse um den Tod seines Bruders provoziert.

Zuerst einmal geht es kurz um Hermann Buhl. Denn vor ziemlich genau einem halben Jahrhundert, am 3. Juli 1953, hat der Innsbrucker Extrembergsteiger in einem beispiellosen Alleingang den 8125 m hohen Nanga Parbat bezwungen. Eine alpinhistorische Großtat, die selbst Reinhold Messner Respekt abverlangt. Zu den fünf größten Leistungen der Bergsteigergeschichte sei sie zu rechnen, so der Südtiroler anerkennend. Buhls Jubiläum ist aber nur der Aufhänger, wie es in der Journalistensprache heißt, denn nach ein paar Minuten geht es wieder einmal um Reinhold Messner - und darum, was sich Ende Juni 1970 am selben Berg ereignet hat.

Die lebende Bergsteigerlegende und der Verlag seines neuesten Buches haben ein gutes Dutzend Journalisten aus dem deutschsprachigen Raum zum Pressetermin geladen. Und keiner der Eingeladenen hat sich die Gelegenheit entgehen lassen, um mit Messner über seine Version der spektakulären Geschichte zu diskutieren - eine Geschichte, die den dramatischen Beginn seiner einzigartigen Karriere als Extrembergsteiger markiert und Reinhold Messner zu Reinhold Messner gemacht hat. Es ist aber auch eine Geschichte, die in den vergangenen Monaten die weniger strahlenden Seiten des Medienprofis Messner offenbarte.

Die Rahmenhandlung der heute heftiger denn je diskutierten Bergtragödie ist schnell erzählt: Im Jahr 1970 begibt sich eine Expedition zum "nackten Berg", wie der westliche Eckpfeiler des Himalaya bei den Einheimischen heißt. Angeführt wird sie von Karl Maria Herrligkoffer, der schon während der NS-Zeit bei jenen Besteigungsversuchen dabei war, die etlichen deutschen Alpinisten - unter anderem auch seinem Halbbruder Willy Merkl - das Leben gekostet hat. Diesmal hat er etliche hochambitionierte Jungbergsteiger um sich geschart, die den "Schicksalsberg der Deutschen" bezwingen sollen. Mit dabei sind auch die Brüder Reinhold und Günther Messner, der eine 25, der andere noch keine 24 Jahre alt, und zwei der besten Alpinisten ihrer Generation.

Die Willy-Merkl-Gedächtnisexpeditition, deren Ziel die erstmalige Durchsteigung der 4500 Meter hohen Rupalwand, der mächtigsten Wand der Erde überhaupt, ist, steht unter keinem guten Stern: Herrligkoffer ist als Leiter umstritten und das Wetter oft schlecht. Schließlich wagt Reinhold Messner aufgrund eines Missverständnisses den Alleingang zum Gipfel, sein ihm treu ergebener Bruder folgt ihm Stunden später auf eigene Faust. Die beiden erreichen zwar den Gipfel, doch dann wird Günther höhenkrank und stirbt unter ungeklärten Umständen am Berg. Reinhold hingegen überlebt nach einer spektakulären Erstüberschreitung knapp und verliert dabei sechs Zehen - der legendäre Auftakt zu seinen weiteren, insgesamt 18 Achttausender-Gipfelsiegen.

Reinhold Messners tragischer und für ihn hoch traumatischer Triumph ließ aber viele Fragen offen: Welche Schuld trifft ihn, den einzigen Augenzeugen, am Tod des Bruders? Hat er ihn in der Gipfelregion im Stich gelassen, um allein die Erstüberschreitung zu wagen, wie seine Kritiker mutmaßen? Oder wurde Günther nach gemeinsamem Abstieg am Wandfuß von einer Lawine erschlagen, wie der überlebende Bruder behauptet?

Was sich Ende Juni 1970 am Nanga Parbat tatsächlich ereignete, wird sich wahrscheinlich nie mehr mit Sicherheit rekonstruieren lassen - außer man findet die Leiche des Bruders. Dennoch oder gerade deshalb wurde das Drama um das Sterben Günther Messners in jüngster Zeit wieder zum Gegenstand von etlichen großen Zeitungsberichten und von gleich drei Sachbüchern, die in den letzten Tagen erschienen sind. Eines davon, "Die weiße Einsamkeit", stammt von Messner selbst; die beiden anderen haben zwei seiner ehemaligen Expeditionskollegen verfasst. Ihre Gegendarstellungen waren aufgrund der Polemiken des Südtirolers geradezu herausgefordert worden, der bei seiner Buchvorstellung vor auserwähltem Kreis gekonnt zur Gegenattacke überging: "Das ist eine konzertierte Aktion, ein Komplott!"

Die noch lebenden Teilnehmer der damaligen Nanga-Parbat-Expedition setzten sich gegen diese Anschuldigungen Messners, die er in zahlreichen Medien in unterschiedlicher Intensität wiederholte, verständlicherweise zur Wehr. Und zwei von ihnen, Max von Kienlin und Hans Saler, haben nun ihre Versionen der Messner-Tragödie herausgebracht. Ihre durchwegs gelungenen und psychologisch aufschlussreichen Berichte, die neue und alte Hypothesen zum Tod von Günther Messner liefern und seinen Bruder damit eher be- als entlasten, zeichnen darüber hinaus aber auch ein nicht eben sehr sympathisches Bild des erfolgssüchtigen Egomanen Reinhold Messner.

Für Messner, der in seinem Buch "13 Spiegel meiner Seele" unter anderem schrieb: "Ich kann motivieren, aber kritisieren kann ich besser", sind die beiden Bücher bloße Kolportagen, weil die beiden Autoren gar nicht wissen könnten, was dort in Gipfelnähe tatsächlich passiert sei. Dem Medienprofi ist außerdem klar, dass - abgesehen von der Verschwörung gegen ihn - vor allem kommerzielle Motive hinter den Büchern seiner Kritiker stecken würden: "Wäre es nicht ich, um den es geht, dann wäre es keine Geschichte." Doch damit ist mit der medialen Gegenattacke noch lange nicht Schluss: Von Kienlin warf er letzte Woche in Wien gar vor, die im Buch abgedruckten Tagebuchaufzeichnungen gefälscht zu haben. "Psychische Folter" werde auf ihn ausgeübt, so Messner. Und: "Die mir zugefügten Verletzungen sind beispiellos."

Klaus Taschwer in FALTER 25/2003 vom 20.06.2003 (S. 16)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die weiße Einsamkeit (Reinhold Messner)
Zwischen Licht und Schatten (Hans Saler)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb