Bitte informieren Sie Allah!
Terrornetzwerk Pakistan

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Verlag: Herbig, F A
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Erscheinungsdatum: 01.02.2008

Rezension aus FALTER 36/2008

Sie lieben Italien...?

Italien-Liebhaber haben jetzt die Gelegenheit zu testen, wie standfest ihre Liebe ist. Denn hier geht es nicht um das schöne Italien, sondern um sein hässliches Gesicht, es geht um ein Italien, wie es ist, und nicht um ein Italien, wie wir es uns wünschen.
Lampedusa ist eine schöne Insel im Süden des europäischen Kontinents. Das Fernsehen übertrug in den vergangenen Wochen immer wieder Bilder von überfüllten Booten, die an den Ufern dieser Insel landen. Ein dunkle Masse Mensch war zu sehen, die von Polizisten in weißen Handschuhen empfangen wurde. Die Tageszeitung der Lega Nord bildete eines dieser brechend vollen Boote auf ihrer Titelseite ab. Darüber stand "Die Horde", ganz so, als handle es sich um eine Invasionsarmee der Mongolen.
Die Männer von der Lega Nord haben schon vor Jahren gesagt, man solle auf die Boote schießen. Die Marine habe das absolute Recht, die "heiligen Grenzen" Italiens zu verteidigen. Das könnte man als Spinnerei einiger weniger Radikaler abtun. Doch die Lega ist keine randständige Oppositionspartei, sondern Mitglied der regierenden Mitte-rechts-Koalition. Ohne sie zerfällt die Regierung in Rom. Nicht nur das, die Lega bestimmt seit Jahren in der Öffentlichkeit den Diskurs. Sie gibt den hysterischen Takt vor, die Medien nehmen ihn auf und verstärken ihn.
Medienberichte über Einwanderer werden stilistisch wie Frontberichte gestaltet. Sie erzeugen den Eindruck, dass tatsächlich eine Invasionsarmee an der Grenze stünde, bereit zu jeder Kriegslist, um in das bel paese einzufallen und dort zu rauben, was andere sich hart erarbeitet haben. Italien ist in diesen Berichten das Opfer einer täglich stattfindenden Aggression.
Es stimmt, dass die Einwanderung in den letzten Jahren zugenommen hat. Doch die Zahlen sind ernüchternd. Insgesamt gibt es in Italien 3,3 Millionen Ausländer, das sind rund sechs Prozent der Bevölkerung. Dazu kommen geschätzte 700.000 Illegale. Und was Lampedusa betrifft: 80 Prozent der Einwanderer kommen nicht übers Meer nach Italien, sondern übers Land – als Touristen. Die Bilder von den übers Meer kommenden Booten passen aber besser in das Angstmuster einer bedrohlichen heranrollenden Ausländerwelle.
Lampedusa ist nur die Lupe durch die der tiefgreifende Wandel Italiens am schärfsten zu erkennen ist. Worin dieser Wandel besteht, hat jüngst die katholische Zeitung Familia Cristiana in einem Kommentar geschrieben: "Es ist zu befürchten, dass Italien wieder in den Faschismus abrutscht." Das muss man sich noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Nicht irgendeine Antifa-Splittergruppe warnte hier vor dem Faschismus, sondern eine katholische Zeitung mit einer Millionenauflage.
Es ist aus der Mode gekommen, den Faschismus als Begriff zu verwenden, um ein modernes politisches und gesellschaftliches Phänomen zu beschreiben. Geschichte wiederholt sich nicht. Wenn sie es tut, dann nur als Farce, als eine Karikatur von sich selbst. Und überhaupt, Italien und Faschismus? Wo denken Sie hin?! Das beste Essen, die schönsten Strände, die prächtigsten Städte, die ruhmreichste Geschichte – unmöglich, dass sich hier der Faschismus breitmacht. Dabei hat dieses Land ihn erfunden. Das aber ist vergessen. Liebe macht eben blind, oder sie stimmt gnädig. Italien vergibt man vieles.
Doch mit welchem Begriff sollte man beschreiben, was heute in diesem Land geschieht?
In Neapel kam es vor wenigen Wochen zu einem regelrechten Pogrom gegen Roma. Eine aufgebrachte Menge vertrieb hunderte Roma aus ihrem Barackenlager, indem sie Molotowcocktails warf. Es war das Gerücht aufgekommen, dass ein junger Rom versucht habe, ein Baby zu entführen. In vielen Städten bilden sich Bürgermilizen, die gegen sogenannte kriminelle Ausländer vorgehen. Es kommt fast täglich zu rassistischen Überfällen.
Die Politik geht mit gutem Beispiel voran. Im November 2007 ließ der damalige Bürgermeister von Rom, Walter Veltroni, die Lager der Roma öffentlichkeitswirksam niederwalzen. Der Grund: Ein Rom hatte eine italienische Frau ermordet. Veltroni ist wohlgemerkt kein radikaler Rechter. Im Gegenteil, er ist heute Vorsitzender der Demokratischen Partei. Als er noch Chef der linksdemokratischen Partei war, organisierte er einen Parteitag mit dem Motto "I care".
Die Regierung selbst schürt die Ängste zusätzlich. Die Behörden nehmen den Roma neuerdings die Fingerabdrücke ab, so als seien sie allein deshalb verdächtig, weil sie Roma sind. Diese Maßnahme war übrigens der Anlass für den Kommentator der Familia Cristiana, vor dem Faschismus zu warnen. Wegen des "Ansturms" von illegalen Einwanderern rief die Regierung den Notstand aus und schickte Soldaten auf die Straße, angeblich zum Schutze des Bürgers. Dabei wird unterschlagen, dass die Kriminalitätsrate in Italien rückläufig ist.

In Lampedusa, hieß es vor kurzem in den Nachrichten, sei das Aufnahmelager für Flüchtlinge völlig überfüllt. Die entsprechenden Bilder flimmerten über das Fernsehen. Das verstärkte den Eindruck, dass Italien unter einem neuerlichen "Angriff" einer anonymen Horde zu leiden habe. Doch vergaß die Regierung bei dieser Meldung darauf hinzuweisen, dass Lampedusa kein Aufenthalts-, sondern ein Durchgangslager ist. Es ist für maximal 800 Leute vorgesehen, die möglichst bald an Aufenthaltslager in Italien verteilt werden müssen. Das aber war nicht geschehen, vermutlich mit Absicht. Auf diese Weise bekam man die dramatischen Bilder des überfüllten Lagers, die man brauchte, um den Italienern noch mehr Angst einzujagen.
Über diesem abstoßenden Schauspiel thront Silvio Berlusconi und lacht sein Haifischlachen. Als er vor fast 15 Jahren zum ersten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, bemühte er sich als Erstes darum, die politischen Nachfolger Mussolinis hoffähig zu machen. In den folgenden Jahren redete er den Faschismus sys­tematisch klein, so als handle es sich dabei um ein harmloses Stück italienischer Folklore. Darin liegt ein Geheimnis seines Erfolgs. Er führt vor, dass man alles das sein kann, was man lange Zeit öffentlich nicht sein durfte. Korrupt, geldgierig, geschmacklos und eben auch faschistisch. Italienern, die sich besorgt um das Image ihres Landes äußern, würde Berlusconi stilsicher antworten: "Was? Jemand behauptet, dass ihr euch wie Faschisten aufführt? Macht euch keine Sorgen, das glaubt wirklich niemand! Wir sind das bel paese, das Wunder der Welt!" Damit kommt er durch.

Ulrich Ladurner in FALTER 36/2008 vom 05.09.2008 (S. 16)


Rezension aus FALTER 10/2008

Land der Gefahr

Seit bald zehn Jahren bereist und beschreibt Ulrich Ladurner für die deutsche Wochenzeitung Die Zeit Länder wie Afghanistan, Iran und Pakistan. Seine Reportagen über Land und Leute, Oberflächen und Hintergründe zählen zum Besten, was aus der Region kommt – über Deutschland hinaus. Nun hat der Südtiroler (Co-)Autor von Büchern wie "Die iranische Bombe. Hintergründe einer globalen Gefahr" oder "Tausendundein Krieg. Begegnungen am Persischen Golf" bereits erschienene Texte über Pakistan gesammelt, erweitert und gemeinsam mit neuen in ein Buch gepackt.
Im Vorwort zu "Bitte informieren Sie Allah!" klärt Helmut Schmidt, Zeit-Mitherausgeber und deutscher Kanzler a.D., warum es für die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung ist, Pakistan zu verstehen: weil es das einzige islamische Land ist, das über Atomwaffen besitzt; weil es eine Hauptrolle in jenem Schauspiel spielt, das Huntington den "Kampf der Kulturen" und Bush den "Krieg gegen den Terror" nennt; und weil dieses Land gerade zu zerfallen und die Region mit sich zu reißen droht.
Ladurner nennt Pakistan das "gefährlichste Land der Welt". Er macht sich auf, es zu verstehen, indem er sich anhört, was Vertreter der unterschiedlichen Lager zu sagen haben – und worüber sie schweigen. Er spricht mit fortschrittlichen Studenten und fundamentalistischen Mullahs, mit säkularen Generälen und verzweifelten Universitätsprofessoren. In einfacher Sprache erklärt er die Beziehungen zwischen den Lagern – vor ihrem jeweiligen religiösen, politischen und letztlich sehr weltlichen Hintergrund.
Im Gegensatz zu seinen Reportagen für die Zeit schreibt Ladurner hier in der ersten Person und thematisiert sein Verhältnis zu den jeweiligen Gesprächspartnern – etwa, indem er die eigene Verständnislosigkeit deklariert oder gesteht, bei einer Begegnung ein mulmiges Gefühl zu verspüren. So geht in der Übersetzung zwischen Wahrnehmung und Darstellung weniger verloren.
Nach der Lektüre von "Bitte informieren Sie Allah!" versteht man Pakistan gewiss besser, stellt sich aber vielleicht auch umso nachdrücklicher die Frage, ob man dieses Land überhaupt verstehen kann.

Stefan Apfl in FALTER 10/2008 vom 07.03.2008 (S. 72)


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