Das Interieur in der Malerei

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Verlag: Hirmer
Genre: Geisteswissenschaften
Erscheinungsdatum: 01.09.2009

Rezension aus FALTER 15/2009

Gesucht: Plattenbauwohung mit Elbblick

Die Darstellung von Innenräumen ist das Thema der kleinen, sorgfältig kuratierten Ausstellung "Raum im Bild" im Kunsthistorischen Museum (KHM). Die von Kurator Karl Schütz ausgesuchten Werke stammen aus dem Zeitraum zwischen 1500 und 1900. Es handelt sich bei der Interieurmalerei um eine von der Kunstgeschichte vernachlässigte und dennoch überaus moderne Bildgattung.
Drei Innenraumspezialisten erklären dem Falter anhand eines Exponats deren Aktualität. Die ausgesuchte Zeichnung stammt vom deutschen Maler Caspar David Friedrich (1774–1840). 1798 war er als Kunststudent nach Dresden gezogen, um an der dortigen Akademie sein Studium abzuschließen. Um 1805 entstand die Sepiazeichnung "Blick aus dem Atelier".

"Durchaus brauchbar", urteilt der Dresdner Immobilienmakler Marko Häbold, der selbst Wohnungen und Häuser für Annoncen fotografiert. Auch er versuche mit der Digitalkamera die Beziehung zwischen Innen- und Außenraum darzustellen, wie es Friedrich hier gelungen sei. "Im Internet sind Fotos ein entscheidendes Kriterium für die Kontaktaufnahme mit einem potenziellen Kunden."
Der Künstler wohnte um 1800 in einem Vorstadtbezirk, der mittlerweile längst zum Stadtzentrum gehört. Allerdings ist von der Dresdner Altstadt nach den Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs nichts übrig geblieben. An der Stelle des Ateliergebäudes stehen heute Plattenbauten, die Mietpreise liegen bei günstigen sechs Euro pro Quadratmeter. Ein Elbblick steigert den Wert einer Wohnung um 20 Prozent. Nur nach dem Hochwasser 2002, das auch bis dahin als sicher geltende Gebäude überschwemmte, waren die Preise kurzzeitig abgestürzt. Das Künstlerviertel ist heute Dresden Neustadt. "Allerdings hat dort inzwischen der Latte Mac­chiato der Yuppies den Chai der Künstler abgelöst", weiß Häbold.

"Das Problem ist immer das Fenster: Was macht man damit?", sagt der Wiener Fotokünstler Matthias Herrmann, der immer wieder auch kommerzielle Aufträge wie etwa das Fotografieren von Hotelzimmern annimmt. Die Zeichnung Friedrichs wirke fotografisch, gebe aber eine irreale Lichtsituation wieder. Ein Fotograf müsse der Gegenlichtsituation mit Scheinwerfern gegensteuern, wodurch allerdings der natürliche Eindruck verloren gehe.
"Innenräume sind eine einzige Schwierigkeit", sagt Herrmann. Versucht man etwa mit einem Weitwinkelobjektiv das ganze Hotelzimmer einzufangen, entsteht der Eindruck, man befinde sich in einem 180-Quadratmeter-Raum. "Der Gast ist enttäuscht, wenn er ins Zimmer kommt und sieht, dass es viel kleiner ist."
Herrmanns Credo lautet: Ein bisschen darf geschönt werden, aber nicht zu sehr. Ein ganzer Zweig der Lifestylepublizistik und Werbewirtschaft beschäftigt sich mit der idealisierten Darstellung von Wohnungen und Möbelstücken. Die formalen Aufgaben sind dieselben wie in der Interieurmalerei; technisch ist das Fotografieren von Innenräumen aber ungleich aufwendiger. So bedarf es eigener Plattenkameras, damit sich vertikale Linien nicht krümmen.
"Ich habe die Maler immer beneidet, die vor der Leinwand stehen und in meditativer Langsamkeit etwas entwickeln", sagt Herrmann. Die Arbeit des Interieurfotografen ist vergleichsweise profan: "Man kommt morgens, das Möbelrücken beginnt. Dann ist Mittagspause. Dann weiter Möbel rücken, Foto machen und fertig." Doch auch Herrmann ließ sich von einem Innenraum künstlerisch inspirieren; wie bei seinem Kollegen Friedrich war es das eigene Atelier.
Ein Fenster ähnelt ja immer einem Bild an der Wand. Wenn Herrmann die Rollos schließt, verwandelt sich das Fenster in ein monochromes schwarzes Gemälde, ein ehrwürdiges, von Malewitsch bis Arnulf Rainer reichendes Genre der modernen Malerei. Der Künstler publizierte die Serie unter dem Titel "Work2" (1998) und druckte dazu den hochtrabenden Text eines Museumsdirektors über schwarze Skulpturen ab, lediglich das Wort "Skulptur" durch "Malerei" ersetzend. Die Rollos wurden zum Schlachtfeld der Selbstreferenzialität. So konnte auch der Fotograf einmal die interpretatorische Aufmerksamkeit genießen, die gewöhnlich nur Malern zuteil wird.

"Die Raumöffnungen sind für das Interieur konstituierend", erklärt KHM-Kurator Karl Schütz, der kürzlich eine umfassende Geschichte der Interieurmalerei veröffentlicht hat. Durch die Tür und das Fenster dringt Tageslicht, sie sind aber auch Öffnungen für ein- und abtretende Figuren. Auch Bühnenbildner wissen das: Um die Illusion eines Raumes zu erzeugen, braucht man bloß eine Tür aufzustellen.
Bei dem für seine romantischen Naturbilder bekannten Caspar David Friedrich tritt ein funktionales Detail in den Vordergrund. Präzise wie in einer technischen Zeichnung hält der Künstler den Fensterrahmen fest, die illusionistische Totalität der Landschaft wird durch dessen orthogonale Gliederung zerschnitten. "Man müsste die Fenster nur rot, blau und gelb anmalen, dann wäre es ein Mondrian", meint Schütz.
Auch der Bildausschnitt vermittelt die sezierende Kälte des Künstlerblicks; zerstört ist die freie Aussicht auf den Fluss, zerstückelt sind die an der Wand hängenden Bilder. Bei einem der gerahmten Bilder handelt es sich offensichtlich um einen Spiegel, auf dem die obere Kopfhälfte eines Mannes, wohl des Künstlers bei der Arbeit, zu erkennen ist.
Das Selbstporträt, die Schere an der kahlen Wand und die Landschaftsfragmente stehen in melancholischer Gleichgültigkeit nebeneinander. "Das Bild des Innenraums wird zum Bild des Innenlebens", so Schütz. Im Gegensatz zu zahlreichen Atelierdarstellungen des 19. Jahrhunderts, deren Eisenöfen die heroische Armut der Boheme symbolisieren, lässt Friedrich keinen Funken Romantik aufkommen.
Die Autonomie der Kunst, deren paradigmatischer Ort das gegen gesellschaftliche Fremdbestimmung geschützte Atelier sein wird, hat einen frostigen Anfang.

Auch das berühmteste Exponat der Ausstellung ist eine Atelierdarstellung. Es handelt sich um "Die Malkunst" (um 1666) von Johannes Vermeer, den Maler mit seinem Modell darstellend. Der Künstler zelebriert hier die Simulationsmöglichkeiten seines Handwerks, zeigt, wie das Licht illusionistische Raumwirkungen erzielt und dem Vorhang, dem faltigen Papier und – welch hintersinnige Verdoppelung – dem Bild auf der Staffelei Leben einhaucht.
In den Interieurs zeichnet sich die Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre ab, im 19. Jahrhundert schleicht sich das Unheimliche in die bürgerlichen Wohnungen. Im Interieurbild tritt der Künstler als Soziologe in Erscheinung, indem er den Ort der Kunstwerke und deren repräsentative Funktion dokumentiert, auch als Verweigerer, der die Räume entleert und vom schmückenden Dekor befreit.
Künstler wie Edward Hopper werden sich auf die Tricks der alten Meister besinnen, andere – etwa Kurt Schwitters und Bruce Nauman – das Bild mit dem realen Ausstellungsraum verschmelzen. Außerhalb der Kunst ist dagegen der von Caspar David Friedrich thematisierte Bezug zum Außenraum in den Vordergrund getreten. Die Sehnsucht nach Dachterrasse und Fernblick ist ungebrochen. F

Bis 12. 7. im KHM. Information: www.khm.at
Buchtipp: K. Schütz: Das Interieur in der Malerei.

Matthias Dusini in FALTER 15/2009 vom 10.04.2009 (S. 27)


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