Bittere Orangen

Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Auf Lampedusa hat man sie an Land gehen sehen, erschöpft und traumatisiert von der Flucht. Viele der Menschen aus afrikanischen Ländern, die ihre Hoffnung auf ein freies Leben in Europa gesetzt hatten, sind nie aus Italien herausgekommen. Sie stecken fest in einer neuen Sackgasse: den süditalienischen Orangenplantagen. Während ihrer Asylverfahren stehen Geflüchtete in Italien ohne Papiere und ohne Rechte buchstäblich auf der Straße. Die nahen Plantagen sind oft ihre einzige Chance auf einen Job. Offen verachtet von der Bevölkerung, untergebracht in Slums und fern jeder medizinischer Versorgung pflücken sie 12 Stunden am Tag Orangen. Für 150 Euro im Monat - sofern sie das Glück haben, morgens auf dem „Arbeitsstrich" aufgelesen zu werden.
Gilles Reckinger ist immer wieder nach Rosarno, eine kleine Stadt in Italiens Stiefelspitze, gereist, um die Arbeits- und Lebensbedingungen der migrantischen Erntehelfer zu dokumentieren. In vielen Gesprächen ist er den Menschen nahe gekommen, die festgesetzt sind in extremer Prekarisierung ohne jede Option. Nicht einmal die auf Rückkehr in ihr Herkunftsland.

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FALTER-Rezension

Slums und Sklaverei in der „Festung Europa“

Migration & Markt: „Bittere Orangen“ beleuchtet das Leben von afrikanischen Orangenpflückern in Italien

Rosarno ist eine 15.000-Einwohner-Stadt in Kalabrien, die von einem Meer von Orangenhainen umgeben ist. Auf den Straßen stehen und gehen überall Männer, meist Afrikaner, die hoffen, auf dem Arbeiterstrich angeheuert zu werden. Jeden Tag gehen sie dafür mehrere Kilometer zu Fuß, jeden Tag kommen viele umsonst: Es gibt nicht genug Arbeit für alle.

Von 2012 bis 2017 hat der Ethnologe Gilles Reckinger, der in Luxemburg und Innsbruck lebt, Rosarno immer wieder besucht. Mehrmals begleitet haben ihn die Anthropologin Diana Reiners und die Fotografin Carole Reckinger. Die daraus entstandene Fotoausstellung war bereits in mehreren europäischen Ländern, in Kanada und im Senegal zu sehen.
Für sein Buch „Lampedusa“ (2013) hat Reckinger den Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch erhalten. Doch er wollte wissen, was aus den Menschen wird, die dort aus den Booten steigen, und fand viele davon – Menschen aus Nigeria, dem Sudan und Mali – in Rosarno wieder. Hier arbeiten sie zu Hungerlöhnen, leben unter unwürdigen Bedingungen und ohne gesundheitliche Versorgung – und sind praktisch gefangen.
Rosarno, 2013. Eine kirchliche Organisation hat zusammen mit dem Innenministerium Notschlafstellen in Containern und Zeltunterkünften errichtet. Doch es sind viel zu wenige Plätze. Neben dem Notlager wächst auf schlammigem Boden ein Slum. Manche Arbeiter leben lieber im Wald. Wie Ishaq, der sich vor einem an einem Baum befestigten zerbrochenen Spiegel rasiert. Mit einem billigen Igluzelt ist man hier schon fein raus. Mit Plastik umwickelt sind alle diese Unterkünfte: In der Orangen-Erntezeit regnet es oft, und es ist kalt. Strom und fließendes Wasser gibt es hier nicht.

Wer auf die Toilette muss, geht über einen kleinen Pfad in die Nachbarplantage. Für einen Arbeitstag von zehn bis 13 Stunden bekommen die Männer etwa 25 Euro. Ist eine noch grüne Orange in den Kisten oder wurde eine am Baum übersehen, wird zur Strafe Lohn abgezogen.
Mehrere Faktoren greifen hier unglücklich ineinander: einerseits der Preisdruck der Handelsketten, mächtige Zwischenhändler und die Mafia, und anderseits die Migrations- bzw. Flüchtlingspolitik. Laut Reckinger ist es in Süditalien weitgehend egal, ob jemand Asylwerber oder anerkannter Flüchtling ist, einen Aufenthaltstitel hat oder nicht: Die meisten sind einfach sich selbst überlassen und müssen irgendwie Geld aufstellen. Abgelehnte werden kaum abgeschoben, doch können sie ohne Papiere, Visum und Geld für die Rückreise die „Festung Europa“ nicht mehr verlassen. Und so entstehe „zeitgenössische Sklaverei“, konstatiert Reckinger. Und das, wo viele gar nicht nach Europa wollten, sondern zunächst nur in nordafrikanische Staaten gekommen waren – doch mit den Umwälzungen im Jahr 2011 konnten sie auch dort nicht bleiben.
Zu alledem komme noch der Rassismus. Mehrmals passierten Übergriffe auf Arbeiter, einer wurde überfahren und starb, der Lenker beging Fahrerflucht. Bitter ist die Hierarchie, die auch unter den Ausgebeuteten noch herrscht: Da ignorieren etwa die Rumänen den schwarzen Kollegen komplett.

Mit vielen der Arbeiter ist Reckinger seit Jahren in Kontakt. Er betont ihre Gastfreundschaft und die enorme Solidarität innerhalb der Gruppe. Die Arbeiter kommen ausführlich zu Wort, die zahlreichen Fotos haben sie teilweise selbst angefertigt. Der Forscher spricht auch die schwierige Situation an, dass manche in ihm den Strohhalm sehen, der sie aus der Misere befreien soll. Er lässt sich selbst nicht außen vor, erzählt von der Beschämung, wenn er nach dem Besuch im Slum ins Restaurant geht. All das macht seine Reportagen gut lesbar und gewährt tiefen Einblick. Nur manchmal gerät eine Beschreibung etwas zu ausführlich.
Über die Jahre wird die Situation immer noch schlechter. Die Zahl der Neuankömmlinge nimmt stark zu, die Slums wachsen. „Es scheint ein unterschwelliges Einverständnis zu geben, dass die ungebetenen Flüchtlinge keine sozialen Rechte bekommen“, zieht Reckinger eine traurige Bilanz. Ihr ökonomisches (Ausbeutungs-)Potenzial nütze man aber sehr wohl – ja, es ist sogar ein Produktionsmodell, das den Europäern zu Wohlstand verhilft und billige Südfrüchte für die Konsumenten selbstverständlich macht. Ein Ende dieser desaströsen Zustände ist leider nicht absehbar. Dank Reckingers Recherchen sind sie jetzt aber immerhin bekannt.

Gerlinde Pölsler in Falter 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 41)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheEdition Trickster
ISBN 9783779505907
Erscheinungsdatum 05.03.2018
Umfang 232 Seiten
Genre Ethnologie
Format Taschenbuch
Verlag Peter Hammer Verlag

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