Wo ist Thomas Beckett?
Der ermordete Heilige zwischen Erinnerung und Erzählung

von Stefanie Jansen

€ 41,20
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Verlag: Matthiesen
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Mittelalter
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Thomas Becket ist als einer der großen Märtyrer der Kirchengeschichte in die Weltliteratur eingegangen. Wie es zu seiner Ermordung kam, hat nun eine deutsche Mediävistin rekonstruiert.

"Will mich denn niemand von diesem störrischen Priester befreien?", soll König Heinrich II. um Weihnachten 1170 ausgerufen haben. Kurz danach, am 29. Dezember, lag der störrische Priester ermordet mitten in der altehrwürdigen Kathedrale von Canterbury, erschlagen von vier Rittern des königlichen Haushaltes. Sie hatten ihren Herrn etwas zu wörtlich genommen. Nur drei Jahre später durfte der ermordete Priester als wichtigster Schutzpatron der Kirche Englands verehrt werden - Papst Alexander III. selbst hatte die Heiligsprechung eilig vorangetrieben. Ob die Mörder gefasst oder gar verurteilt wurden, darüber sind sich die Quellen uneins.

Im Zeitraum dieser nicht ganz drei Jahre setzte die Legendenbildung um Thomas Becket ein, und sie trieb die seltsamsten Blüten, Blüten, die scheinbar noch in unserem Jahrhundert ihren süßen Duft verströmen. Hier hat man einen wahren Heiligen vor Augen: Erst Freund des Königs und Kanzler von England, dann auf Betreiben des Herrschers Erzbischof von Canterbury, wegen seiner Haltung für die Rechte der Kirche zum Erzfeind Heinrichs mutiert, schmachtete er fast sieben lange Jahre (von 1164 bis 1170) im Exil in Frankreich und kehrte nur heim, um zum Märtyrer zu werden. Eine große Anzahl historischer Arbeiten bestätigte diese Auffassung, mindestens zwei Dramen der Weltliteratur (T.S. Eliots "Mord im Dom" und Jean Anouilhs "Becket oder Die Ehre Gottes") setzten das Schauspiel um diesen Gewissenskonflikt mehr oder minder gekonnt in Szene.

In ihrer nun im Matthiesen Verlag erschienenen Dissertation schaut sich Stefanie Jansen die Geschichte um den heiligen Thomas mit dem Blick der Expertin genauer an. Seit dem 12. Jahrhundert ist ein an die 800 Briefe starkes Konvolut überliefert, eine der umfangreichsten Briefsammlungen des Mittelalters überhaupt. Schreiben von Becket selbst, seinem Sekretär John of Salisbury, vom König gar, Antwortschreiben der Kurie und so weiter liegen vor. Von einem Wandel vom Saulus zum Paulus findet Jansen darin aber keine Spur, ganz entgegen dem Bild vom von seinem Amt überwältigten plötzlich mildtätigen Kirchenfürsten gibt es sogar mehrere Episteln, die Becket zur Mäßigung und Sparsamkeit mahnen.

Die von König Heinrich gegen den Einfluss der (Papst-)Kirche gerichteten Statuten von Clarendon, die in der Historiographie stets zum Mittelpunkt des Zerwürfnisses der beiden Freunde Heinrich und Thomas gemacht wurden, spielen in dem Schriftverkehr nicht die zentrale Rolle. Es geht vielmehr, so die Ergebnisse der Autorin, um persönlichen Vertrauensverlust, ja fast schon paranoid anmutende Züge auf beiden Seiten.

Am merkwürdigsten scheint aber, dass auch Historiker der Neuzeit eher die Version der Heiligenviten nachschrieben und die Briefe nur zu Illustrationszwecken benutzten. Jansen begeht dabei durchaus nicht den Fehler des 19. Jahrhunderts, Heiligenviten keinen grundsätzlichen Erkenntniswert zuzubilligen - die Trennung ist vielmehr eine rein pragmatische, denn die Legenden entstanden erst nach Beckets Tode, als offenbar alle Beteiligten ein sehr schlechtes Gewissen hatten.

Die überraschende Zusammenfassung des Konfliktes durch die Autorin, hier nur angedeutet, schmälert freilich nicht den Genuss des Films "Becket" von 1963, man sieht dennoch Richard Burtons Darstellung des Heiligen mit anderen Augen. Insgesamt steht man einem spannenden Werk mit umwerfend neuen Einsichten in eine alte Geschichte gegenüber, das leider vom Verlag etwas schludrig betreut worden ist.

Martin Lhotzky in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 36)


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