Spiegelgrund
Vorwort von Christine Nöstlinger, Nachwort von Wolfgang Neugebauer

von Johann Gross

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ueberreuter
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 11/2000

Gross-Prozess: Der pensionierte Malermeister Johann Gross ist eines der noch lebenden "Spiegelgrundkinder" und Zeuge im Prozess gegen den NS-Arzt Heinrich Gross. Erinnerungen an seinen Namensvetter und dessen "medizinische Strafmaßnahmen".
Ich habe als asozial und schwer erziehbar gegolten, schon aufgrund meiner Eltern. Mein Vater war Analphabet und Alkoholiker, hat von Geburt eine gelähmte Hand gehabt, also alles, was nach den deutschen Erbgesetzen schlecht war. Ich habe eigentlich durch mein Leben dieses Gesetz widerlegt. Ich habe immer schwer gearbeitet, einen Beruf gelernt, mich selbstständig gemacht, habe ein ordentliches Leben geführt und niemandem etwas gestohlen."
Das einzige "Vergehen", das er sich zuschulden kommen ließ: Am 23. Juni 1940, als Neunjähriger, brach er eine Sammelbüchse der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" auf. Das Geld brachte er seiner Pflegemutter. "Ich habe gedacht, ich mach ihr eine Freud. Freilich hat sie mich melden müssen. Das war der Beginn." Zunächst kam Johann Gross ein Jahr in das "Hyrtlsche Waisenhaus", ein Heim mit militärischem Drill und sadistischen Erziehern. Nach drei Fluchtversuchen und jeder Menge Prügelstrafen landete der "widerspenstige" Bub in der "Erziehungsanstalt Spiegelgrund". "Das war so eine Mischung zwischen Labor, Spital und Gefängnis. Es hat nur versperrte Türen gegeben. Der einzige Raum, der keine versperrbare Tür gehabt hat, war die Toilette." Nach drei Wochen bot sich eine erste Gelegenheit zur Flucht. Er nützte sie.
"Wie sie mich erwischt haben, ich habe mich da im Prater herumgetrieben beim Heustadlwasser, habe in einer Bootshütten geschlafen und fürchterlich ausgeschaut, zerstochen von Gelsen und dreckig, bin ich natürlich aufgefallen. Zwei ,Schupo!' haben mich gesehen und haben mich schon gehabt. Und da bin ich das erste Mal dem Doktor Gross begegnet. Das heißt, es war nicht das erste Mal, er hat mich am Anfang auch schon untersucht, Schädelvermessung und all das, aber da ist er mir nicht besonders aufgefallen. Na, und nach der ersten Flucht haben sie mich dann von der Einzelzelle raufgeholt in die Teeküche, Hände hinlegen, Unterarm, Spritze. Der Stich hat mir nix ausgemacht. Nach einer Viertelstund' aber, wie soll man das am besten beschreiben: Zuerst einmal wie ein ordentlicher Hieb in den Magen, alles hat sich verkrampft, und dann ist es schon losgegangen mit dem Speibn. Das war also eine so genannte Speib-Injektion, das hat gedauert den ganzen Tag. Natürlich, nach einer halben Stund ist der Magen leer, aber der Brechreiz bleibt, auch wenn nur ein grüner Tropfen rauskommt, man kann von der Klomuschel den ganzen Tag nicht weg. Kann man sich vorstellen, wie ich danach beinand war." Nichtsdestotrotz ging der "Patient" wieder "stiften". Nach seiner abermaligen Rückkehr griffen die Mediziner vom Spiegelgrund zu einer noch brutaleren Strafmaßnahme: "Der Doktor Gross, der hat die Spritzn so wie eine Lanze genommen und zack, hat die in den Oberschenkel reingehaut, die ist richtig gependelt am Schenkel, und dann hat er erst abgedrückt. In jeden Schenkel eine. Das war die so genannte Schwefelkur, wenn die zu wirken begonnen hat, bin ich oft vierzehn Tag nur auf den Händen herumgekrochen, habe die Füße nachgeschliffen, weil ich nicht einmal stehen konnte. Das war so ein Schmerz in den Beinen, dass ich fast keine Luft bekommen hab. Schon die kleinste Bewegung hat mir den Schweiß auf die Stirn getrieben. Die größeren Buben haben mich oft zum Essen hingesetzt und gestützt, sonst wäre ich umgefallen."
Von seinem Bedürfnis zu entfliehen, konnten ihn auch diese Quälereien nicht "heilen". Auszureißen war für ihn die einzig mögliche Form von Widerstand, betont Johann Gross. Er entwickelte darin sogar eine gewisse Meisterschaft, baute eine Patronenhülse in einen Dreikantschlüssel um oder öffnete Türen mit einem aus dem Betteinsatz gebrochenen Drahtbügel. Und so floh er immer wieder, obwohl ihm klar war, dass er in der so genannten Freiheit wenig Chancen hatte und am Spiegelgrund nicht nur Schläge, Isolierung und Spritzen riskierte. Immer wieder hörten die Kinder von Euthanasie-Morden, gerüchteweise. Die Todesdrohung lag ständig in der Luft. "Vis-a-vis vom Pavillon 11 lagen die Pavillons 15 und 17, da war über die ganze Gebäudelänge ein Balkon, da haben sie die Kinder, Säuglinge hauptsächlich, mitsamt dem Kinderbett über die Nacht rausgestellt, bei jeder Witterung. Wir haben sie wimmern gehört, das waren dann diese Kinder, wo die Eltern verständigt worden sind: Lungenentzündung. Ob die auch noch Medikamente gekriegt haben, weiß ich nicht, wir haben nur gut rübergesehen. Einmal, auf dem Weg zur Schule, die war im Pavillon 13, ist ein Mann mit einem Handkarren vorbeigekommen: Da sind Leichen von kleinen Kindern drinnen gelegen, Säuglinge, die waren blau verfärbt und sind so kreuz und quer gelegen wie weggeworfene Puppen. Das Bild werd ich nie mehr aus meinen Kopf kriegen. Wir sind am Schulweg natürlich immer schön in der Kolonne marschiert, anderes hats überhaupt nicht gegeben, und weil wir geredet haben, hat die Schwester gesagt: Will vielleicht jemand mitfahrn? Mir hat der Gross bei einer Spritzn zum Beispiel gesagt: Zum Minensuchen wirst immer noch gut zu gebrauchen sein. Für mich war das damals eine Beruhigung, Sie werden lachen, aber das war eine gute Nachricht, weil ich hab mir gedacht: Aha, umbringen will er mich diesmal noch nicht." Nach drei Jahren wurde Johann Gross wieder in das "Hyrtlsche Waisenhaus" gebracht, wo er das Kriegsende erlebte. Danach arbeitete er als Maler und Anstreicher, gründete einen eigenen Betrieb. Heute ist er in Pension, lebt in einer winzigen Gemeindebauwohnung im zehnten Bezirk. All die Jahrzehnte litt er unter Angstträumen. Als Zeitzeuge meldete er sich erst vor zwei Jahren. Nach einer TV-Sendung über seinen Namensvetter. Und auf das Drängen seiner Söhne.
Johann Gross hat ein Buch geschrieben. Ein notwendiges Buch. Er berichtet darin ohne Pathos und Selbstmitleid von seiner Zeit in den diversen NS-Erziehungsanstalten. Mit seinen Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen, war für ihn kein leichtes Unterfangen: "Es heißt zwar immer, schreiben befreit, aber die Monate, die ich beim Buch gesessen bin, waren überhaupt nicht befreiend, eher ein Albtraum. Die einzige Genugtuung ist: Ich fühl mich heute anerkannt, als Opfer anerkannt. Ich hab das früher immer irgendwie im Hinterkopf gehabt: asozial, erblich belastet und so. Ich hab zwei anständige Söhne großgezogen, hab mich sehr für Kunstgeschichte interessiert, hab einige Schach-Meisterschaften gewonnen, aber im Hinterkopf eingebrannt war immer dieses ,asozial'.

Peter A. Krobath in FALTER 11/2000 vom 17.03.2000 (S. 10)


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