Die Beschreibung des Glücks
Peter Handke. Eine Biografie

von Georg Pichler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ueberreuter
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 49/2002

Am 6. Dezember wird Peter Handke sechzig. Eine Biografie ist rechtzeitig erschienen, ein Ehrendoktor verteilt, Interviews werden verweigert, und die Medien sind immer noch böse.

Manchmal denke ich mit Wehmut an mein Germanistikstudium zurück. In einer der ersten Proseminarstunden erklärte uns ein Dozent den Unterschied zwischen Thomas Bernhard und Peter Handke. Bernhard, so meinte der Dozent, werde es wohl nie in den Kanon schaffen, weil er in seinen Büchern immer nur das Gleiche mache. Peter Handke hingegen habe sich dem Prinzip der literarischen Innovation verschrieben. Ein Platz im Olymp der deutschsprachigen, wenn nicht gar Weltliteratur sei ihm gewiss.

Zwanzig Jahre später ist klar, dass der Dozent flächendeckend Unrecht behalten hat, und zwar nicht so sehr, was sein Urteil über die beiden Autoren, sondern vor allem, was seine Auffassung von Kanonisierung betrifft. Der Kanon wird nicht im klinischen Umfeld akademischer Institutionen, sondern von Leuten gemacht, die weniger mit der Erstellung dieses Kanons als vielmehr damit beschäftigt sind, diesen in der Öffentlichkeit zu verkörpern. Leuten, die selbst mediale Images sind, ist es naturgemäß weniger um die Texte von Autoren als darum zu tun, mediale Images von diesen Autoren zu vermitteln.

Das Image von Peter Handke, an dessen Zustandekommen der Autor nicht unbeteiligt ist, deckt sich heute sinnigerweise mit dem Vorwurf, den der Germanistikdozent seinerzeit gegenüber Handkes vermeintlichem Antipoden Bernhard erhoben hat: Spätestens seit dem Jugoslawienkrieg bekommt man von Handke das ewig Gleiche zu hören - eine Politikschelte, die von der Politik weitgehend ignoriert wird, und eine Medienschelte, die von den Medien begierig kommentiert und gegenkommentiert wird.

Im jüngsten Anlassfall war es nicht anders: Die Süddeutsche kündigte Handkes Bericht über den Milosevic-Prozess erst groß an und rückte schon einen Tag nach dem Abdruck des 16-seitigen Textes (am 4. Oktober des Jahres) eine Verteidigung desselben durch Timothy Garton Ash ins Blatt. Die Frankfurter Allgemeine, die von Peter Handke schon lange vorher vehement der Kriegshetze gegen Serbien bezichtigt worden war, empörte sich wie gewöhnlich. Die Zeit gab - ebenfalls nicht wirklich überraschend - den Part des objektiven Dritten; Jens Jessen analysierte Handkes Motive für die Verteidigung Milosevic und erblickte dahinter eine Anklage gegen die gesamte europäische Moderne.

Wahrscheinlich versteht man den späten Handke besser, wenn man sich den frühen anschaut. Nützlich ist in dieser Hinsicht eine Biografie von Georg Pichler, die gerade rechtzeitig vor dem sechzigsten Geburtstag des Autors erschienen ist. Eine Geschichte, die sich dort nicht findet, ist symptomatisch: Auf einer Lesereise durch US-amerikanische Universitäten soll der junge Handke weniger durch seine Texte als durch seine Aktionen aufgefallen sein. Vor den Studenten entfaltet er zunächst eine Fahne des Vietkong, was zu anhaltendem Jubel führt. Nachdem dieser abgeklungen ist, erntet er mit der US-amerikanischen Flagge laute Missfallensbekundungen. Schließlich kramt der Dichter eine bunte Fantasiefahne hervor, die die Studenten in Ratlosigkeit bezüglich der angebrachten Reaktionen stürzt.

In den Sechzigerjahren ist Handke als junger Rebell gegen die Verfestigung des Formelhaften in der Literatur und in der Gesellschaft aufgetreten. Bis heute ist nicht klar, ob ihm diese Rolle durch die äußeren Umstände zufiel, oder ob er sie mit Kalkül angestrebt hat. Das entscheidende Ereignis war sein Auftritt bei einer Lesung der Gruppe 47, die 1966 in Princeton stattfand. In einem Statement warf der junge Dichter - innerlich davon gestärkt, dass bei Suhrkamp soeben sein erster Roman ("Die Hornissen") erschienen war - der versammelten literarischen Prominenz "Beschreibungsimpotenz" vor. Das Transkript des Tonbandmitschnitts, aus dem Georg Pichler in seinem Buch ausführlich zitiert, macht klar, wie aufgeregt der junge Mann gewesen sein muss. Außerdem tauchen Argumentationsmuster auf, die für das Schreiben Handkes bis heute Relevanz besitzen. Beispielsweise führt er Klage darüber, dass in der deutschsprachigen Literatur "hinter jeder Rose irgendwie auch Auschwitz auftauchen" muss. Dreißig Jahre später setzt Handke in seinem Roman "Mein Jahr in der Niemandsbucht" eine Art Gegenprogramm um. Nachdem über Europa ein allgemeiner Bürgerkrieg gezogen ist, könne man nun endlich wieder die "Äpfel aus deutschen Landen" als das beschreiben, was sie sind, nämlich "Äpfel aus deutschen Landen". Den Dingen soll in der Beschreibung ihre Unschuld zurückerstattet werden, eine Auffassung, die von Teilen der Kritik als schlichtweg revisionistisch kritisiert wird.

Noch einmal zurück in die Sechzigerjahre: Nach dem Skandal von Princeton ist Handke plötzlich berühmt. Die Journalisten vor Ort wollen nur noch mit ihm sprechen, und auch der Spiegel berichtet groß über den jungen Wilden. Handke schreibt der Zeitung einen rührenden Leserbrief: "Schon von klein auf ist es mein Wunsch gewesen, in Ihrem Magazin zu erscheinen." Mit seiner "Publikumsbeschimpfung" wird Handke noch im selben Jahr zum Theaterstar. Viele hatten das Stück, in dem eine Gruppe von Schauspielern starr auf der Bühne steht und nichts anderes tut, als den Titel umzusetzen, für unspielbar (oder zumindest nur einmal spielbar) gehalten. Vom gigantischen Erfolg der Aufführungen werden sie eines Besseren belehrt, offensichtlich war man auch auf dem Theater in eine neue Phase medialer Wirksamkeit getreten.

Mit dem Buch "Wunschloses Unglück" (1972) landet Handke seinen größten Verkaufserfolg. Darauf, dass es sich dabei um den "neuesten Fall deutscher Innerlichkeit" handle, wie manche Kritiker meinen, lässt sich der Roman aber gewiss nicht reduzieren. Die Abgrenzung von der Fertigteilliteratur und die Verpflichtung auf literarische Innovation, auf die sich Handke in seinen frühen programmatischen Schriften (versammelt in dem immer noch lesenswerten Band "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms") eingeschworen hat, wird jetzt auf einen neuen Gegenstand angewandt, nämlich auf die Biografie der eigenen Mutter. Schrittweise sollten alle möglichen Sätze zur Beschreibung einer solchen Lebensgeschichte mit der tatsächlichen Lebensgeschichte verglichen werden. Das Schreibmodell bleibt das alte: Die unmittelbar erfahrbare Realität wird der Vermittlung dieser Realität in den standardisierten Formen der Literatur gegenübergestellt.

Der eigentliche Bruch in Handkes Schreiben ereignet sich mit dem Roman "Langsame Heimkehr" (1979). Die schnellen Beats der frühen Jahren sind vergessen, zusehends breitet sich Langsamkeit aus. "Das Ende des Flanierens" hießen die Gedichte von 1977, aber schon Anfang der Achtzigerjahre fängt der Autor wieder bewusst zu flanieren an. Was er auf seinen Spaziergängen sieht, gerät in einen immer schärfer werdenden Gegensatz zu dem, was darüber berichtet wird. Die massenmediale Vermittlung von Wirklichkeit gerät ins Blickfeld und wird zum Ärgernis. Je langsamer Handke in seinen Texten wird, desto stärker fällt ihm diese Diskrepanz auf und desto aggressiver werden seine Polemiken gegen die Medien.

In den Reisebeschreibungen aus Jugoslawien eskaliert der Konflikt. Was Handke vor Ort sieht, hat nichts mit dem zu tun, worüber die Medien berichten. Die literarische Beschreibung wird zu einer Notwehraktion gegen die politische Propaganda und deren mediale Verbreitung. Viel zu früh habe man in der restlichen Welt und vor allem in Österreich die Eigenstaatlichkeit Sloweniens anerkannt und damit wesentlich zum Zerfall Jugoslawiens beigetragen. Anfang der Neunzigerjahre reist Handke nach Slowenien und nimmt in sentimentaler Weise von seinem "Neunten Land" Abschied, von einem Slowenien, das für ihn untrennbar mit Jugoslawien verbunden war, auch wenn sich seine Kultur teilweise auf Kärntner Boden befinden mag. Mit der slowenischen Kultur ist Handke aufgewachsen, auf die slowenische Literatur hat er unablässig hingewiesen. Zuletzt in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats durch die Universität Klagenfurt: "Ich bitte Sie zu lesen, nein, ich bitte gar nichts. Lesen Sie gefälligst!"

Mitte der Neunzigerjahre fährt Handke nach Serbien und beschreibt Gegenden, in deren Nachbarschaft knapp zuvor noch der Krieg gewütet hat, als Landschaftsidyllen. Die Empörung ist gewaltig. Der Gegensatz zwischen Handke und den Medien spitzt sich zu und reicht bis in die sprachliche Struktur. In dem Prozessbericht aus Den Haag findet sich der schöne Satz: "Ob nicht der Zwang zu kurzen und kürzeren Sätzen, allgemein geworden, es ist, welcher den Augen- oder Wahrschein nicht bloß behindert, ihn vielmehr kurz und klein schlägt?" Die langen Sätze des Peter Handke und die kurzen Sätze der Medien brauchen einander, und vielleicht geben sie sich gerade dort, wo sie nichts voneinander wissen wollen, gegenseitig auch schon wieder ein klein bisschen Recht.

Ein Interview mit Peter Handke, um das ich mich wochenlang bemüht habe, wurde schließlich abgelehnt. Aus dem Verlag verlautete, dass Herr Handke keine Medienkontakte wünsche. Sofern er liest, soll er lesen, dass man ihm von hier aus alles Gute wünscht.

Klaus Kastberger in FALTER 49/2002 vom 06.12.2002 (S. 63)


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