Persepolis
Eine Kindheit im Iran

von Marjane Satrapi

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ueberreuter
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 26/2009

Wer den Iran aus eigener ­Anschauung kennt, wusste, dass irgendwann irgendwas passieren würde. Zu offensichtlich war die Unzufriedenheit, zu dreist die Arroganz des Regimes. Doch wann etwas geschehen würde und wie es sich entfalten würde – das hat niemand sagen können. Der Aufstand, den wir erleben, ist daher eine Überraschung; wie im Übrigen fast alle wichtigen Ereignisse in der jüngeren Geschichte des Iran über­raschend waren. Selbst die iranische Revolution, welche 1979 die gesamte islamische Welt erschütterte, hatte man nicht vorhergesehen. Erst nachdem sich Ayatollah Ruhollah Chomeini fest an der Spitze der Macht installiert hatte, schien das allen "unvermeidlich", davor aber war es "höchst unwahrscheinlich". Der Mullah als absoluter Herrscher? Nein, das hatten man nicht auf dem Radarschirm, nicht einmal die Iraner selber.

Einmal Dörnröschen, dann Derwisch
Der Iran, das ist so etwas wie das Mutterland der unvorhergesehenen Ereignisse. Denkt man gerade noch, es schlummere im Dornröschenschlaf vor sich hin, da fängt es schon wie ein Derwisch zu tanzen an; glaubt man, es sei zufrieden mit sich und der Welt, da springt es mit einem Kopfsprung todesmutig ins Ungewisse. Diese ­iranischen "Verrücktheiten" sind kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Im Augenblick ließe sich sagen: Weil der Iran so "verrückt" ist, gibt es die Chance, dass alles noch einmal gut­gehen kann. Gut heißt, dass nicht zu viele Menschen sterben und dass die Iraner nach der Bewältigung der Krise in einem besseren Land leben werden: toleranter, offener, demokratischer.
Das Unvorhergesehene ist nicht etwa eine Wesenszug iranischer Mentalität, sondern Ausdruck seines po­litischen und gesellschaftlichen Systems. Es gibt darin viele unterschiedliche Machtzentren, die miteinander konkurrieren, sich verbünden, sich wieder trennen und – wie im Augenblick – bitter bekämpfen. Alles das geschieht hinter einem Schleier, den Iraner selber oft nicht durchschauen. Auf die Frage, wer sie denn nun wirklich regiere, würden viele Iraner keine klare und eindeutige Antwort geben können.
Das Ungewisse und Fluide der Macht ist auf paradoxe Weise ein fester Grundstein des Landes. Darin liegt auch die erstaunliche Lebensfähigkeit der Islamischen Republik Iran begründet. Man hat ihr vom ersten Tag ihrer Existenz an den Untergang prophezeit. Doch hat sie 30 Jahre überlebt, davon acht in einem verheerenden Krieg mit dem Nachbarn Irak. Sie hat Isolation, Sanktionen und Destabilisierungsversuche überstanden, und jetzt steht sie vor der größten Herausforderung ihre Geschichte. Die ­Islamische Republik Iran ist jedenfalls sturmerprobt.
Wir haben uns daran gewöhnt, von Reformern und Konservativen zu sprechen, doch das ist eine unzureichende Beschreibung der politischen Lager. Besser ist es, von "Insidern" und "Outsidern" zu reden, von Menschen, die Teil der Elite sind, und solchen, die von ihr ausgeschlossen sind.

Fleischtöpfe für die Loyalität
Diese Unterscheidung ist eine der wenigen, die Bestand haben. An keinem sieht man das so gut wie an Ha­shemi Rafsandschani. Der ehemalige Präsident des Landes hat schon viele wechselnde Rollen gespielt, aus dem Kreis der Macht ist er aber nicht gefallen – bisher nicht. "Dazugehören" heißt Teil der Nomenklatura sein. Die "Insider" stellen die Revolution nicht infrage, sie huldigen ihr pflichtschuldigst, sie rufen die richtigen Parolen und unterwerfen sich dem Führer. Für ihre Loyalität werden sie mit dem Zugang zu den reichen Fleischtöpfen belohnt. Wer dazugehört darf alles, nur nicht den ideologischen Kern der Revolution infrage stellen, das ist velayat-e-faqih, die Herrschaft der Rechtsgelehrten.
Die Demonstranten wissen das. Darum haben sie bisher das System nicht frontal attackiert. Selbst wenn es ihr Wunsch wäre, die Islamische Republik abzuschaffen. Sie äußern ihn nicht. Denn in diesem Punkt kennt das Regime keine Gnade.
Vielleicht wollen viele Menschen, die jetzt auf die Straße gehen, tatsächlich ein anderes System, aber wir wissen es nicht. Ihre Führungsfigur, Mir-Hussein Mussawi, ist selbst ein Kind der Revolution. Allerdings haben ihn die Wahlfälschungen, die ihm vermutlich das Amt des Präsidenten ­gekostet haben, und die nachfolgende Repression sicher nachdenklich gestimmt. Es kann sein, dass er an­gesichts der Lage, Zweifel an der Reformierbarkeit der Islamischen Republik bekommt. Falls er sie hat, sind sie nicht öffentlich geworden.

Viel Druck heißt viele Tote
Man kann den Aufstand also mit folgendem Bild beschreiben: Millionen von Menschen stehen vor der Tür des Hauses namens Islamische Republik und drängen hinein. Nicht weil sie denken, darin warte das Paradies auf sie, sondern weil es kein anderes Haus gibt, in das sie gehen könnten, um sich zu schützen und zu wärmen. Entscheidend wird sein, ob ihnen die Tür geöffnet wird, und – wenn überhaupt – wie weit. Wird es nur ein Spalt sein, oder fliegt diese Tür sperrangelweit auf?
Im Moment sieht es nicht so aus, als könnten die Demonstranten mit Gewalt eindringen und das Haus niederreißen, wenn sie das denn wirklich wollten. Dafür fehlt ihnen die Kraft, dazu ist die Repression zu hart und zu geschickt zugleich. Das Schicksal des Iran wird deshalb nicht auf der Straße entschieden. Es sei denn, den Demonstranten gelingt es, den Druck auf das Regime noch wesentlich zu steigern. Viel Druck aber heißt mit ziemlicher Sicherheit viele Tote. Nur dann wird die Welle der Wut und Empörung das Regime hinwegfegen können. Es ist daher den Iranern zu wünschen, dass der Wandel dort bewerkstelligt wird, wo er noch bewerkstelligt werden kann: Innerhalb der Revolutionselite. Sie muss die Türen öffnen.
Es muss nicht das Haupttor sein, ein paar Seitentüren würden genügen, und herein strömte eine Masse Menschen, die in diesem windschiefen Haus Islamische Republik ein riesiges Fest feiern würde. Danach wäre es nicht mehr das Gleiche. Es würde in ihrem Inneren nach Lebensfreude riechen, und nicht nach Tod und Fanatismus.

Ulrich Ladurner in FALTER 26/2009 vom 26.06.2009 (S. 12)


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