Entdecker der Wellness
Gesundheitskünste im alten China, Indien und Rom

von Kurt Langbein

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ueberreuter
Erscheinungsdatum: 01.01.2007

Rezension aus FALTER 46/2007

Hochsteigendes Herzfeuer

In der Praxis des Rektors der Wiener TCM-Universität, Andreas Bayer. Die Patientin ist schulmedizinisch durchuntersucht: Die Blutwerte sind in Ordnung, alle Organe sehen so aus, wie sie aussehen sollten, auch der Bewegungsapparat zeigt im Computertomogramm keinen erkennbaren Schaden. Aber sie leidet: an Schlafstörungen, mangelnder Konzentration, Nackenverspannungen, Rückenschmerzen und einer schlechten Verdauung.
Bayer geht der Sache auf den Grund. Nach einem eingehenden Gespräch fühlt er den Puls und betrachtet die Zunge. Bayers Diagnose: "Wenn ich ein Organ verwende, dann hat das nichts mit den Organen in der Schulmedizin zu tun. In der chinesischen Medizin bezeichnen wir dies als Funktionskreise. Wir sehen die Organe komplexer. Und das, was bei Ihnen passiert ist, ist, dass zwei Organe nicht mehr miteinander können. Das eine Organsystem, das an und für sich dem Körper Kraft gibt und die Energie liefert, hat im Chinesischen seinen Sitz im Unterleib. Das zweite Organsystem ist das, wo der Geist sitzt oder auch ruht. Wenn diese beiden Organsysteme nicht miteinander arbeiten, dann passiert es, dass Ihnen dieses Herzfeuer hochsteigt und nicht gekühlt wird. So bezeichnen das die Chinesen. Das heißt, Sie schlafen zwar, sind aber nicht erholt, wenn Sie aufwachen."
Bayer behandelt die Patientin mit Akupunktur und verordnet einen Kräutertee. Mit den feinen Nadeln sollen die Energieflüsse zum Verdauungstrakt und zur Wirbelsäule wieder normalisiert werden. Er steche jetzt zwei Punkte, kündigt Bayer an. "Sie werden ein bisschen den Nadelstich spüren. Das ist ein bisschen unangenehm. Wenn ich Sie jetzt zum Punkt führe, dann spüren Sie eigentlich kaum noch etwas, außer ein dumpfes Ziehen. Die zweite Nadel ist auf dem Nierenmeridian. Beide Nadeln helfen Ihnen, dass sich die beiden Organe harmonisieren und dass diese Energie von unten wieder nach oben aufsteigen kann."
Dann gibt Bayer der Patientin einen Punkt, den man aus Filmen kennt, das ist dort, wo sich die Inder den roten Punkt hinmalen. "In allen Kulturen ist dieser Punkt magisch, auch in der chinesischen Medizin. Bei uns ist es das dritte Auge, bei den Indern das geistige Chakra und in der chinesischen Medizin das Zentrum der Ruhe."
Der nächste Punkt dient dazu, dass das Herzfeuer, das bei der Patientin so hoch ist, nach unten geht und sich wieder beruhigt. Das ist schon alles. Und dauert circa eine halbe Stunde. Zwischendurch wird der Arzt immer wieder daran manipulieren, und die Patientin wird die Nadeln spüren, wie sie "miteinander reden". Die Chinesen sagen, sie spüren das Fließen vom Chi. Das heißt, sie merken, dass sich das ganze System harmonisiert, sind nach oben hin ruhiger und nach unten hin wärmer werdend.
Andreas Bayer resümiert den Unterschied in der Herangehensweise: "Patienten mit Ihrem Beschwerdebild können mit der Schulmedizin noch nicht behandelt werden, weil wir noch keine messbaren Veränderungen haben. Die chinesische Medizin geht anders heran. Sie sieht die Beschwerden des Patienten als erstes Zeichen des Auftretens der Erkrankung und kann daher früher einsetzen als die Schulmedizin. In diesem Sinn hat die chinesische Medizin eine vorbeugende Komponente, weil sie das Auftreten von den Beschwerden nachfolgenden Befunden verhindern kann.

Christopher Wurmdobler in FALTER 46/2007 vom 16.11.2007 (S. 86)


Rezension aus FALTER 45/2007

Komplexes Gesundheitswissen

Der Militärarzt Sushruta ist einer der Väter des Ayurveda. Ein Großteil des medizinischen Wissens aus dem antiken Indien, das heute noch genutzt wird, erschließt sich aus seinen Schriften. Sushruta ist einer der Ersten, der das Wissen des Ayurveda auf Palmblättern mit einem Eisenstichel aufgeschrieben hat. Seine gesammelten Schriften, die "Sushruta Samhita", behandeln alle Bereiche des Ayurveda. Der Schwerpunkt aber liegt auf der Chirurgie. Diesem Bereich musste sich der Militärarzt am intensivsten widmen. Die Entwicklung der Chirurgie im antiken Indien ist vor allen Dingen eine Folge der Kriege, die während dieser Zeit geführt wurden. Abgebrochene Pfeilspitzen dürften die am häufigsten zu behandelnden Wunden bei chirurgischen Eingriffen gewesen sein. Die Chirurgie im antiken Indien hieß "Salya-tantra". "Salya" bedeutet "zerbrochener Pfeil", "tantra" "Manöver". Sushruta beschreibt chirurgische Instrumente, die überraschend modern wirken, darunter verschiedene Skalpelle, Zangen, Nadeln und Kanülen. Außerdem nennt er siebzig Methoden, wie Wunden geschlossen und genäht werden können. Die "Shushruta Samhita" beschreibt die Verwendung von Betäubungs- und Desinfektionsmitteln sowie den Einsatz von Lokalanästhesie. Zu den Eingriffen, die Sushruta beschreibt, gehören unter anderem die Entfernung der Mandeln, Eingriffe zur Geburtshilfe, Aderlässe und das Abbinden von Blutgefäßen.
Sushrutas besondere Leistungen liegen auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie, als deren Gründer er oft betrachtet wird. In seinem Buch beschreibt er z.B. 15 Techniken zur Wiederherstellung eingerissener oder abgetrennter Ohrläppchen. Seine berühmteste Leistung liegt in der Erfindung der Nasenplastik. Diese Erfindung resultierte aus der Ursache, dass das Amputieren der Nase im antiken Indien eine beliebte Form der Bestrafung für Verbrecher war. Um die Nase zu ersetzen, entnahm Sushruta einen Hautlappen aus der Wange. Eine ähnliche Methode gelangte erst im späten 18. Jahrhundert von Indien nach England und wurde von da an auch in Europa eingesetzt.
Weniger bekannt dagegen ist die von Sushruta ebenfalls inspirierte Marma-Lehre über die Kontrollpunkte des Körpers. Dieses Wissen, dem bis heute der Mythos einer
Geheimwissenschaft anhängt, ähnelt dem der Akupunktur und Akupressur in China.
Neben Sushruta gelangte auch der Internist Charaka zu Ruhm und Ehren. Wann genau die beide Ärzte gelebt haben, ist nicht eindeutig festzustellen. Schätzungen reichen von 1000 v. Chr. bis 300 v. Chr. Die umfangreiche Schriftensammlungen "Charaka Samhita" und "Sushruta Samhita" sind uns aber erhalten geblieben. Sie lassen erkennen, dass der Ayurveda bereits weit vor 1000 v. Chr. ein weitverbreitetes und komplexes Gesundheitswissen in Indien war.
Obwohl das antike Indien sich der Leistungen seiner Ärzte bewusst gewesen sein dürfte, war ihre Entlohnung gering und entsprach um 300 v. Chr. der von Wasserträgern und Stallknechten. In Gesetzestexten des fünften und sechsten Jahrhunderts wurden Ärzte sogar für "unrein" erklärt. Es war ihnen verboten, wichtigen religiösen Opferzeremonien beizuwohnen. Ihr Ansehen ähnelte zeitweise dem der Prostituierten. In dieser Zeit durften nur Angehörige der untersten Kasten den Beruf des Arztes ergreifen.

Christopher Wurmdobler in FALTER 45/2007 vom 09.11.2007 (S. 78)


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