HC Strache
Sein Aufstieg, seine Hintermänner, seine Feinde

von Nina Horaczek

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Ueberreuter
Erscheinungsdatum: 15.03.2009


Rezension aus FALTER 40/2017

Die wichtigsten Bücher zur Wahl

Der Kämpfer im Untergrund
Heinz-Christian Strache, seit 2005 FPÖ-Parteichef, war schon in seiner Jugend politisch aktiv – damals allerdings noch in der Neonaziszene. Dieses Buch, von der Autorin gemeinsam mit der ORF-Journalistin Claudia Reiterer verfasst, deckte Straches Verbindungen zu bekannten Neonazis wie den früheren Vapo-Führer Gottfried Küssel und der später in Deutschland verbotenen Wikingjugend auf. Es widmet sich auch der Kindheit des FPÖ-Chefs als Sohn einer Alleinerzieherin und Straches Machtübernahme in der FPÖ und der inhaltlichen Neupositionierung unter seiner Führung.

Nina Horaczek in FALTER 40/2017 vom 06.10.2017 (S. 20)



Rezension aus FALTER 40/2015

Die Dritte Republik zum Nachlesen

Wer in den 90er-Jahren politisiert wurde, der erlebt dieser Tage ein Déjà-vu. Die Gesellschaft ist angesichts von Flüchtlingsströmen polarisiert, die Freiheitlichen verdoppeln ihre Stimmen, die sogenannten „Altparteien“ sehen plötzlich sehr klein aus. Alles schon einmal da gewesen.
Wer nachlesen will, wie die FPÖ seinerzeit agierte und polarisierte und vor allem aus welchen Milieus sich die blauen Funktionäre rekrutieren, dem seien die FPÖ-Erklärbücher von einst empfohlen. In „Haiders Kampf“, „Haiders Schatten über Europa“ und „Strache: Im braunen Sumpf“ schildert Hans-Hening Scharsach beharrlich die Verbindungen der FPÖ in die Szenen der Rechtsradikalen und europäischen Rechtspopulisten. Christa Zöchlings 1999 erschienene Biografie über Jörg Haider („Haider“) erzählt auch, wie der ehemalige FPÖ-Chef seine Vision der „Dritten Republik“ erarbeitete. Wer verstehen will, wie Heinz-Christian Strache heute seine Wähler rekrutiert, dem sei das Buch „Blausprech: Wie die FPÖ ihre Wähler fängt“ von Falter-Redakteur Benedikt Narodoslawsky empfohlen. Falter-Chefreporterin Nina Horaczek wiederum legte 2009 gemeinsam mit der ORF-Journalistin Claudia Reiterer die umfassende Biografie des FPÖ-Chefs vor („HC Strache: Sein Aufstieg, seine Hintermänner, seine Feinde“).

Florian Klenk in FALTER 40/2015 vom 02.10.2015 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Blausprech - Wie die FPÖ ihre Wähler fängt
Strache - Im braunen Sumpf (Hans H Scharsach)


Rezension aus FALTER 16/2011

Küssels Ex-Freunde

Groß war die Aufregung, als vergangene Woche Gottfried Küssel verhaftet worden war. Der ehemalige Chef der Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition (VAPO) war in den Neunzigern bekanntlich führendes Mitglied einer Neonazi-Szene, die vor allem junge Rechtsextremisten köderte und bei "Wehrsportübungen" indoktrinierte.
Dem Buch der Falter-Redakteurin Nina Horaczek verdanken wir hier einen wertvollen Hinweis, der vergangene Woche nirgendwo erwähnt wurde. Einer der Jugendlichen, die mit Küssel im Unterholz robbten war Heinz-Christian Strache, der sich heute Chancen auf den Kanzlersessel ausrechnet.

Florian Klenk in FALTER 16/2011 vom 22.04.2011 (S. 16)



Rezension aus FALTER 13/2009

Die Keinergasse ist mit der U-Bahn nur fünf Minuten vom Stephansplatz entfernt. Doch mit dem schicken, imperialen Wien hat diese Gegend nichts gemein. Die Zinshäuser sind schmutzig-grau, der Putz bröckelt auf die Gehsteige, die Hinterhöfe sind zugeparkt, dreckig, zum Teil nicht einmal asphaltiert.
Hier in Wien-Landstraße ist in den 70ern ein Kind aufgewachsen, das seine Verwandten liebevoll "Bumsti" nannten – und das nun Bürgermeister von Wien, ja sogar Bundeskanzler werden will. Sein richtiger Name: Heinz-Christian Strache.
Der kleine "Bumsti" von damals ist heute Parteichef der FPÖ, der drittstärksten politischen Kraft im Land. Fragt man ihn nach seiner ersten politischen Erinnerung, beschreibt er, wie er bereits als kleines Kind die Veränderungen in seinem Grätzel spürte. Plötzlich seien da "Knoblauchgerüche" aufgetaucht, erinnert er sich. Dann waren fremde Stimmen zu hören, der Müll lag auf der Straße. "Wo vorher österreichische Gasthäuser waren, mieten sich türkische Kebab-
lokale ein", erzählt Strache. "Und man nimmt wahr: Es ist anders als vorher."
Das war in den 70er-Jahren, es war die Zeit des Wirtschafts- und Arbeitswunders, als Gastarbeiter aus fernen Ländern zügeweise ins graue Wien gebracht wurden.
Strache war damals noch ein Volksschulkind, die sozialen Verhältnisse waren hart. Mutter Marion, eine Drogistin, war auf sich gestellt. Der Vater Heinz-Roland, ein Künstler und Weltenbummler, hatte sich nicht sonderlich um seinen Sohn gekümmert. Und dann veränderte sich auch noch die unmittelbare Heimat des Buben. "Da wanderten Menschen zu, die anders aussahen", erinnert sich Strache. Es waren Menschen, "die vielleicht andere Kulturen und Verhaltensmuster an den Tag legten".

Vielleicht hatte Strache damals Angst. Vielleicht sind diese Kindheitstage Grundstein für seine politische Laufbahn, die Strache über verrauchte Burschenschafter-Buden zu Kriegsspielen ins Unterholz und schließlich ins Parlament führten.
Dass Straches Jugend nicht frei von Extremismus war, weiß die Öffentlichkeit spätestens seit dem Frühjahr 2007. Damals kamen die ersten Bilder von angeblichen Paintballspielen im Kärntner Wald an die Öffentlichkeit. Ende der 80er-Jahre hielt Strache in Sturmhaube und Tarnanzug ein Gewehr in die Kamera. Er wollte ein Kämpfer sein, einer, der mit Farbkugeln seine Heimat verteidigen wollte.
Seitdem wurde viel über Straches jugendliche "Waldspiele" berichtet – und über die prägenden Jugendtage Straches spekuliert. Eine "Jugendtorheit" sei das Geballer im Wald gewesen, sagte der damalige SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbauer. Er wollte den neuen FPÖ-Chef wohl nicht wieder ausgrenzen.
Strache spielte im Wald aber nicht Räuber und Gendarm, er traf dort, wie er in langen Gesprächen für eine Biografie erstmals selbst erzählt, auch auf die Spitzen der heimischen Neonaziszene, ja auf dessen berüchtigten Anführer Gottfried Küssel.
Einmal hatte ihn der beleibte Rechtsextremist mit der Nickelbrille sogar in den Wald mitgenommen. Eine "wilde Partie" sei das gewesen, erinnert sich Strache heute. "Im Zuge dieses ganzen Treibens" sei ihm der "Wahnsinn" dieser Leute aber bald bewusst geworden. Entsetzt sei er von jenem Neonazitreffen in Niederösterreich wieder nachhause gefahren. Zumindest erzählt Strache das heute so.
Gottfried Küssel war schon damals kein Unbekannter. 1986, es war die Zeit, als Waldheims Vergangenheit eine Diskussion über die angeblich saubere Wehrmacht auslöste, gründete Küssel die "Volkstreue Außerparlamentarische Opposition" (VAPO). Es war die berüchtigtste Neonazitruppe Österreichs. Ihre Mitglieder trafen
einander zu "Wehrsportübungen", sie grüßten einander mit "Heil!" und trainierten den bewaffneten Kampf. 1993 wurde Küssel wegen NS-Wiederbetätigung zu zehn Jahren Haft verurteilt. Sein Kompagnon Hans-Jörg Schimanek trainierte mit jungen Gefolgsleuten den "Gurgelschnitt".
Wie kam der "Bumsti" von Wien-Erdberg zu diesen Leuten – und vor allem, wie schaffte er es von dort ins österreichische Parlament?

Strache, der ohne Vater aufwuchs, verbringt seine Volks- und Hauptschulzeit im Internat. Mitte der 80er-Jahre beginnt er eine Lehre als Zahntechniker. In einer Abendschule versucht er die Matura nachzuholen. Hier streift er das erste Mal an den Rechten an. Ein Mitschüler nimmt ihn auf die Bude der pennalen Burschenschaft Vandalia, Strache ist sofort begeistert. Dieses rechte Milieu passt auch gut zu Straches Familiengeschichte. Die Verwandten väterlicherseits sind Sudetendeutsche, der Urgroßvater diente in der Wehrmacht und starb zwischen 1945 und 1947 als "Zwangsarbeiter" der Sowjets in Wien, wie Strache es nennt. Der Vater von Marion Strache marschierte 1938 als Hitlers Soldat nach Österreich und verliebte sich in Neunkirchen in eine Bauerntochter. Kurz vor Kriegsende starb er in der Nähe von Trier.
Mit 15 Jahren tritt Strache der Vandalia bei. Seine Mittelschulverbindung wird zu dieser Zeit von anderen pennalen Burschenschaften heftig angefeindet. Sie werfen den Vandalen vor, zu rechtslastig zu sein, "weil sie ein paar Jungs dabeigehabt haben, die sehr markige Sprüche von sich gegeben haben", wie der heutige FPÖ-Chef von Oberösterreich, Lutz Weinzinger, der Strache schon als Jugendlichen kennenlernte, erzählt. Das sei vielen "zu steil" gewesen. Die anderen Verbindungen weigerten sich, mit den Vandalen Mensuren zu fechten.
Durch seine Burschenschaft lernt Strache nicht nur Gottfried Küssel kennen, sondern auch den Steirer Franz Radl, damals führender Kader in der rechtsextremen Szene. Es ist die Zeit, als Haiders FPÖ im Aufschwung ist. Die Zeit, in der Neonazis offen durch Wiens Straßen marschieren. Strache wird zu jener Zeit auch im Burgtheater fotografiert. Wütend schimpft er von der Galerie, als Thomas Bernhards "Heldenplatz", ein Stück über den österreichischen Umgang mit der NS-Zeit, Premiere feiert.
Kurz davor, mit etwa 16 Jahren, irgendwann zwischen 1985 und 1986, fährt Strache über Vermittlung von Burschenschafterfreunden auch auf "Zeltlager" in Kärnten. Es waren "nationale Lager", erinnert er sich, ein "Familienkreis" habe sie organisiert. Zu dieser Zeit zeltet auch die Wiking-Jugend in Kärnten, und zwar genau dort, wo Strache später mit seinen Freunden "Paintball" spielen wird. Die 1952 gegründete Wiking-Jugend, die 1994 wegen ihrer Ähnlichkeit zur Hitler-Jugend verboten wird, ist die älteste rechtsextremistische Jugendorganisation Deutschlands. Strache wird sie zum Jahreswechsel 1989/1990 in Fulda erneut treffen. Dort hielt die Wiking-Jugend jährlich eine Demonstration gegen die Grenze zwischen BRD und DDR ab.
All diese Erlebnisse haben wohl auch Straches politisches Denken geprägt. Aber nicht nur. Ende der 80er-Jahre wird Norbert Burger, die prägende Person in Straches Leben, "eine Art Vaterersatz", wie Strache ihr Verhältnis selbst bezeichnet.
Burger war zu dieser Zeit einer der bekanntesten Nazigrößen des Landes. 1929 geboren, kämpfte er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Jugendlicher freiwillig an der Front, wo er nach eigenen Angaben sogar an Hinrichtungen beteiligt war. Nach dem Krieg trat er als Student der berüchtigten Burschenschaft Olympia bei, jener Organisation. Burger war auch Mitbegründer des "Befreiungsausschusses Südtirol", einer terroristischen Organisation, die Anschläge in Italien verübte. Dort wird der Rechtsextremist gleich zweimal in Abwesenheit verurteilt, einmal zu lebenslänglich und einmal zu 28 Jahren Haft.

Strache verliebt sich in Burgers Tochter Gudrun. Sieben Jahre sind die beiden ein Paar, zahlreiche Wochenenden verbringt er bei Burger und dessen vier Töchtern in Kirchberg am Wechsel.
Burger war schon 1963 aus der FPÖ ausgetreten. 1967 gründete er die Nationaldemokratische Partei (NDP), die sich für einen Anschluss Österreichs an Deutschland einsetzte und mit Slogans wie "Fremdarbeiter raus!" kämpfte. 1978 wird Burger Mitglied des Förderkreises der "Aktion Neue Rechte" (ANR). 1980 kandidiert er als Bundespräsident. Sein Wahlkampfslogan lautet: "Gegen Überfremdung – für ein deutsches Österreich".
Hat Strache das Gedankengut dieses Mannes geteilt? Politisch gibt es Berührungspunkte zwischen den beiden, von denen bisher nichts bekannt war: Im Jahr 1990 besucht der damalige FPÖ-Bezirksrat Strache eine Wahlkampfveranstaltung der Gruppe "Nein zur Ausländerflut". Wiener Spitzenkandidat war damals der Rechtsextremist Horst Jakob Rosenkranz, der bis heute in der rechten Szene aktiv ist. Rosenkranz' Frau Barbara ist heute FPÖ-Landeschefin in Niederösterreich. Auch der Holocaust-Leugner Gerd Honsik, ein langjähriger Freund der Familie Burger, und Straches Bekannter Franz Radl kandidierten auf dieser Liste. "Nein zur Ausländerflut" wurde kurz darauf wegen NS-Wiederbetätigung nicht zur Wahl zugelassen, der Verfassungsgerichtshof sah in der Rhetorik der Partei deutliche Anlehnungen "an die hetzerisch-rassistischen Parolen der Nationalsozialisten".
Nach dieser Wahlveranstaltung kommt Strache mit der Polizei in Berührung. Als diese seine Identität überprüfen will, zückt er einen Presseausweis, den er als Mitarbeiter der Neuen Freien Zeitung, dem Parteiorgan der FPÖ, mit sich führte.
Durch die Kontakte zu solchen Freunden kommt Strache schließlich nach Kärnten zum Paintballspiel. Das paramilitärische Wochenende im Kärntner Örtchen Zweikirchen nahe St. Veit an der Glan wird von einem Kärntner organisiert, dessen Name Strache heute nicht mehr kennen will. Mit dabei ist neben einigen amtsbekannten Neonazis auch Andreas Reichhart, heute Sektionschef im Verkehrsministerium und zumindest bis 2004 FPÖBezirksrat in Wien-Landstraße.
Strache war auf der schiefen Bahn, von der manche direkt ins Gefängnis rutschten. Vielleicht hatte er damals wirklich schon bemerkt, mit welchen Leuten er im Wald exerzierte. Vielleicht war er auch einfach nur ein Mitläufer, der Glück hatte, nicht selbst erwischt worden zu sein. Unglaubwürdig ist nach so einem Vorleben aber seine Rechtfertigung, er habe als Jugendlicher nur einmal an "Farbkugelspielen" teilgenommen.
Ganz so harmlos war es ja nicht. Einer von Straches Mitkämpfern, ein Neonazi namens Andreas Thierry, erzählte noch vor der Veröffentlichung der "Paintball"-Fotos in einem Interview, mit Strache "seit 1989 persönlich bekannt" gewesen zu sein. Damit würde es sich nicht um "Jugendtorheiten" handeln, sondern um Kriegsspiele von Erwachsenen. Denn 1989 war Strache zumindest 19, wenn nicht sogar 20 Jahre alt.
Auch Straches Rechtfertigung, alle Teilnehmer an seinen Paintballspielen seien zu diesem Zeitpunkt unbescholtene Bürger gewesen, stimmt nicht. So beklagte einer seiner "Mitkämpfer" schon im Jahr 1987 in einem Leserbrief, eine Geldstrafe und eine "bedingte Freiheitsstrafe von zwei Wochen" ausgefasst zu haben, weil er "nationalsozialistisches Gedankengut" verbreitet hatte. In Kärnten hatte der Mann einschlägige Aufkleber verteilt. "2/3 unseres deutschen Volkes sind für Ausländer raus!", hieß es da. Und: "Lasst Heß frei – sperrt Reagan ein." Der NS-Kriegsverbrecher Rudolf Heß trug den Titel "Stellvertreter des Führers", wurde nach 1945 zu lebenslänglicher Haft verurteilt, in der er 1987 verstarb. Er ist eine der bedeutendsten Ikonen heutiger Neonazis.

In welchen Kreisen Strache sich in seiner Vergangenheit herumtrieb, war im FPÖ-Gemeinderatsklub im Wiener Rathaus kein Geheimnis. "Es gab immer Gerüchte über diese Fotos von Strache in Military-Outfit mit Rechtsradikalen, die er selbst dann als Gotcha-Spielereien darstellte, schon in den 90er-Jahren", erzählt Günther Barnet, früher freiheitlicher Gemeinderat in Wien.
Als Strache Mitte der 90er-Jahre begann, sich als künftiger Wiener FPÖ-Chef zu positionieren, hätten seine politischen Gegner versucht, diese Fotos aufzutreiben, um Straches Karriere zu verhindern.
Heute schaden solche Bilder einer freiheitlichen Karriere nicht. Der oberösterreichische FPÖ-Chef Lutz Weinzinger etwa sagt, auf etwaige Wehrsportübungen angesprochen: "Was ist denn daran so furchtbar? Der Herr Verteidigungsminister ist derzeit auch Sportminister. Also wenn man es genau nimmt, ist er der oberste Wehrsportler."

Nina Horaczek in FALTER 13/2009 vom 27.03.2009 (S. 10)


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