Paul Devrient: Mein Schüler Adolf Hitler

von Werner Maser

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Universitas
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 11/1999

Übung macht den Führer

Kein Scherz: Adolf Hitler hatte einen Schauspiellehrer. In der Rabenhof-Produktion "Schüler Hitler" wird eine unbekannte Episode aus der Biografie des "Führers" auf die Bühne gebracht.

Als der Opernsänger Paul Devrient im Frühjahr 1932 zum ersten Mal einer Hitler-Rede beiwohnte, fand er das Gesehene so abscheulich, dass er beinahe körperliche Qualen litt. "Während die Menge ringsum mit gebannten, ja entrückten Gesichtern Hitler lauscht, schmerzt mich buchstäblich jedes Wort, jeder Ton", erinnert er sich. "Ich werde rot vor Pein, möchte mir die Ohren zuhalten, balle unwillkürlich die Fäuste."

Eine nachvollziehbare Reaktion. Aber nicht, was Hitler sagte, hat Devrient so verstört - es war die Art, wie er es sagte. Der Bühnenprofi konstatiert "ein geradezu besessenes Sich-hin-und-herbewegen, Händefuchteln, Augenrollen" sowie eine "anormal ,nasse Aussprache', deren Speichelspuren man deutlich gegen das Scheinwerferlicht in den Raum fliegen sieht". Kurz: "Es ist jene Art Podiumshysterie, die man bei dilettantischen Schauspielern und Sängern antrifft, die nicht selten schließlich den Ausfall des Stimmtones zu beklagen haben."

Das vernichtende Urteil muss insofern relativiert werden, als Hitler damals längst eine Art Polit-Popstar war. Das amerikanische Magazin Vanity Fair hatte ihn 1931 - neben Mussolini, Stalin und Gandhi - zu einem der weltweit besten Redner erklärt; und der "Deutschlandflug", der ihn im Sommer 1932 in zwei Wochen durch fünfzig deutsche Städte führte, war ein voller Erfolg: Wo immer der "Führer" seine Reden schwang, tobten die Hallen. Nicht zu Unrecht hielt sich Hitler selbst also für einen begnadeten Rhetoriker, und er wäre wohl nie auf die Idee gekommen, Nachhilfestunden zu nehmen, wenn er nicht Probleme mit der Stimme bekommen hätte. Sein HNO-Arzt empfahl ihm dringend eine entsprechende Ausbildung, und so wurde Paul Devrient - für die damals fürstliche Monatsgage von tausend Mark - als Stimmtrainer des Führers engagiert.

Ein halbes Jahr lang, von April 1932 bis kurz vor der Reichstagswahl Anfang November, begleitete Devrient den NSDAP-Chef auf seiner Wahlkampftour; zwischen den Auftritten wurde in Hotelzimmern und auf Wirtshausbühnen an Hitlers Performance gearbeitet. Obwohl sich bereits in Bertolt Brechts Parabelstück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" (1941) eine Anspielung darauf findet, gab es lange keinerlei historische Hinweise auf Hitlers Schauspielunterricht. Doch dann fand sich im Nachlass des 1973 verstorbenen Devrient ein Tagebuch, in dem dieser seine Begegnungen mit Hitler ausführlich dokumentiert hatte. Der deutsche Historiker und Hitler-Biograf Werner Maser bekam das Konvolut in die Hände und veröffentlichte es 1975 - ergänzt um zeitgeschichtliche Kommentare - unter dem Titel "Mein Schüler Hitler".

Als das in Vergessenheit geratene Buch - demnächst wird es neu aufgelegt - vor drei Jahren zufällig in die Hände des Wiener Schauspielers und Regisseurs Hubsi Kramar geriet, war sein Schicksal besiegelt: Der "Schüler Hitler" musste auf die Bühne. Kramar, seit einem Vierteljahrhundert treibende Kraft der Wiener Off-Szene, ist spätestens seit drei Jahren eine auch über die Theatergrenzen hinaus bekannte Figur: Als Reaktion auf die Wenderegierung erschien Kramar im Februar 2000 als Adolf Hitler am Opernball - und wurde wegen "Wiederbetätigung" verhaftet. Auch in der Kult-Show "Überlebenskünstler", die seit mehr als vier Jahren immer wieder gespielt wird, gibt Hubsi Kramar den "Führer"; als George Taboris Hitler-Farce "Mein Kampf" im vergangenen Herbst im Männerheim Meldemannstraße gespielt wurde, war Kramar immerhin als Co-Regisseur beteiligt (die erfolgreiche Produktion wird am 28. März übrigens wiederaufgenommen).

Obwohl Kramar zu Recht auf seine zahlreichen hitlerfreien Projekte verweist, lässt sich nicht leugnen, dass ihn die Rolle nicht mehr los lässt. "Ich würde ihn lieber nicht mehr spielen", beteuert er. "Aber so lange es notwendig ist, werde ich es tun." Wenn Kramar ankündigt, dass er demnächst in Hitler-Uniform auf die Universitäten gehen und "Ariernachweise" kontrollieren werde, klingt das fast bedauernd. "Eigentlich würde ich mir ja von den jungen Leuten erwarten, dass sie was gegen diese rechten Uni-Räte machen. Aber da kommt nichts." Alles muss der Führer machen!

Kramars Partner im Rabenhof, Regisseur Thomas Gratzer und Devrient-Darsteller Gregor Seberg, waren schon bei der Opernball-Aktion - als Hitlers Bodyguards - mit von der Partie. Worum gehts? "Für mich ist es eine Geschichte über das Theater", meint Gratzer. "Es ist ein Stück über das Theater der Politik!", widerspricht Kramar. Recht haben natürlich beide. "Der Spin-Doctor des Teufels" heißt das Stück im Untertitel. Tatsächlich war der "Deutschlandflug" von 1932 so etwas wie der erste moderne Wahlkampf; die Schallplatte und der Film ("Hitler über Deutschland"), die damals produziert wurden, werden in die Rabenhof-Inszenierung eingebaut. "Wenn du dir den Film anschaust, siehst du, dass der Hitler immer spielt", stellt Hubsi Kramar fest.

Der Unterricht mit Paul Devrient beschränkte sich nicht auf Stimmübungen. Der ehrgeizige Lehrer feilte auch an der Gestik seines schwierigen, aber begabten Schülers; er machte Hitler mit grundlegenden Schauspieltechniken (etwa der "Einfühlung") vertraut und übte mit ihm sogar das richtige Auftreten bei Industriellen, die er um Parteispenden anschnorren wollte. Als Devrient dem Führer den Tipp gab, zu Konzentrationszwecken ein Maskottchen mit ans Rednerpult zu nehmen, überlegte Hitler kurz - und holte dann ein silbernes Hundehalsband hervor, das man ihm gerade für seinen Schäfer geschenkt hatte. Obwohl die Erfolge des Trainings rasch spürbar waren, blieb Hitler stets skeptisch: "Das ist Zynismus", beklagte er sich bei seinem Lehrer, "wenn ich Technik verwenden soll, wo ich erschüttern will."

Bis zu seinem Tod soll Paul Devrient unter Schuldgefühlen gelitten haben; er fühlte sich für die Verbrechen seines Schützlings verantwortlich. Thomas Gratzer hält das für eitle Selbstüberschätzung. "In Wirklichkeit musste der Hitler nichts mehr lernen, der konnte schon alles. Er brauchte höchstens jemanden, der ihn bestätigt." Hitler wäre also wohl auch ohne Schauspiellehrer zu dem Hitler geworden, der heute aktenkundig ist. "Aber heiser war er wirklich!", gibt Gregor Seberg zu bedenken. Da ist was dran. Vielleicht sähe die Welt heute ja anders aus, wenn Adolf Hitler seinerzeit die Stimme verloren hätte.

Wolfgang Kralicek in FALTER 11/1999 vom 19.03.1999 (S. 64)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb