Da ist kein Fluss mehr

von Hanna Krall

€ 20,10
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Übersetzung: Roswitha Matwin-Buschmann
Verlag: Neue Kritik
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Historische Romane, Erzählungen
Umfang: 180 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.12.1999

»Erzählen Sie mir was«, »Erzählen Sie mir eine Geschichte«, mit diesen Worten beendet Hanna Krall fast jede ihrer Lesungen. Göteborg, Tykocin, New York, Warschau oder Hamburg sind die Orte, von denen aus die Autorin schreibt. Sie erzählt von Abram Kapica, der den Krieg überlebte, weil sein Vater ihn nach Hause schickte, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei; von der vergeblichen Liebe des polnischen Dienstmädchens Alicja zu ihrem jüdischen Hausherrn; von dem Kurden auf dem Berg Nimrud, dem künftigen Wächter der galizischen Juden; von Krzysztof Kieslowski, dem es wichtig ist, auf der Seite der Traurigen zu stehen.

Alle ihre Geschichten handeln vom DANACH. Knapp und poetisch verbindet Hanna Krall Einzelschicksale mit historischen Ereignissen und biblischen Motiven. Und so nimmt es nicht wunder, dass neben der Jungfrau von Wlodzimierz von Feldmarschall Rommel, neben dem Don Juan des Otwocker Proletariats von Rabbi Besser aus New York die Rede ist. »Ich versuche nicht, die Geheimnisse der Überlebenden zu ergründen«, hat dieser gesagt, und Hanna Krall ist mit ihm eins. Doch sie erzählt von diesen Menschen, und auch wenn sich das, was sie überliefert, wirklich zugetragen hat, sind ihre Geschichten doch keineswegs Tatsachenberichte, sondern universelle Gleichnisse.

Rezension aus FALTER 25/1999

Zuviel für ein Leben

Auf der Grundlage akribischer Recherchen schreibt die polnische Schriftstellerin und Reporterin Hanna Krall "Tatsachenliteratur", die mit schmerzhafter Lakonik von der Vernichtung der polnischen Juden erzählt.

Wichtig ist, auf der Seite derer zu stehen, die traurig sind", schrieb der mittlerweile verstorbene polnische Filmregisseur Krzysztof Kieslowski an seine Landsfrau Hanna Krall, der die Welt von Kieslowskis späten Filmen fremd geworden war. "Meine Heldinnen sind klein, dick, umgeben von einer armseligen, erbärmlichen Szenerie, sie erinnern sich an häßliche Städte", schreibt sie an den befreundeten Filmemacher, "bei dir sind alle hübsch, sprechen französisch, komponieren wundervolle Musik und gebrauchen Wörter wie Europa und Strasbourg."

Die 1937 in Warschau geborene Krall steht zweifelsohne auf der Seite der Traurigen, davon legt ihr jüngstes Buch erneut Zeugnis ab. Wie schon die vorhergehenden Werke kreist auch "Da ist kein Fluß mehr" um die Judenvernichtung. Oft verfolgt Krall die Geschichte jüdischer Familien um Jahrhunderte zurück, nur um den gewaltsamen Bruch herauszuarbeiten, der diese Tradition nicht nur unterbricht, sondern für immer verschüttet. "Ich versuche nicht, die Geheimnisse der Überlebenden zu ergründen", heißt es an einer Stelle. Die Vergangenheit aber will Krall ausleuchten, soweit es der ehemaligen Polityka-Journalistin eben möglich ist. "Es gibt keine Fiktion, nur authentische Fakten", erklärt die Autorin, die dieser Tage auf Einladung des Polnischen Instituts und des Literaturhauses in Wien weilte. "Und wenn ich etwas von meinen Gedanken hinzufüge, dann setze ich den Leser davon in Kenntnis."

Der Regelfall ist das nicht. Und was die Preisgabe autobiografischer Details anbelangt, ist Krall von notorischer Zurückhaltung. Bekannt ist, daß Krall die Besetzung Polens durch Nazi-Deutschland überlebte, weil sie von mehreren polnischen Familien versteckt wurde. Dennoch findet sie die Lebensgeschichten anderer Leute "viel interessanter als meine eigene". Wenn ihr Name also einmal in ihrer Literatur auftaucht, wie im Fall der im erwähnten Band enthaltenen "Anderen Geschichte", muß es einen besonderen Grund haben. Krall: "Ich wollte das Gespräch des Rabbiners mit dem Psalmenbuch in den Vordergrund stellen, in dem nicht nur er zu dem Buch sprach, sondern auch das Buch zu ihm. Das ist so wichtig, daß ich dieses Faktum in einen authentischen Kontext stellen mußte."

An Material mangelt es Krall keineswegs. "Erzählen Sie mir eine Geschichte", fordert sie das Publikum am Ende von Lesungen zur Mitarbeit auf; auch Freunde und Bekannte versorgen sie mit sachdienlichen Hinweisen: "Du, ich glaube, ich hab' da was für dich." Bis zur Niederschrift ist es da noch ein weiter Weg. Ihre Recherchen führen Krall in Archive und mitunter auch ins Polizeilabor - wo ein tränenbefleckter Brief an Jesus aus der Zeit der Besatzung, den die Tochter der mutmaßlichen Verfasserin der Schriftstellerin überlassen hatte, prompt als Fälschung enttarnt wurde. Wenn ihr wieder jemand mit Geschichten "über jüdische Kommunisten aus armen Familien" kommt, dann erwartet sich Krall, wie sie in "Tatsachenliteratur" schreibt, nichts Neues mehr.

Immer öfter passiert es ihr, daß sie von den Leuten dieselben Geschichten hört: "Ich bin dann sehr ungeduldig, was mich selber auch bestürzt." Als sie ein Mann besuchte, um ihr davon zu erzählen, wie er immer und immer wieder flüchten und sich verstecken mußte, riet ihm Krall, sich ans Archiv des historischen Instituts zu wenden. Der Mann reagierte fassungslos: "Ist das noch zuwenig, was ich erlebt habe?!" rief er aus, worauf ihm Krall antwortete: "Es ist eigentlich zuviel für ein Leben, aber zuwenig für die Literatur."

Es klingt hart, und Krall hat es sich auch zur Maxime gemacht, Mitgefühl erst gar nicht aufkommen zu lassen - "weil das das Bild trübt". Auch ihre Texte sind von einer schmerzhaften, mitunter auch sarkastischen Lakonik. Anaphorische Reihungen gehören zu den auffälligsten Stilmerkmalen. "Da ist der Wald: die rotgoldenen herbstlichen Birken. Da ist die Lichtung im Wald. Da ist die alte hölzerne Hütte auf der Lichtung. Da ist Plebanki." Erst in Zusammenhang mit den Ereignissen, die sich dort zugetragen haben, bekommen bestimmte Orte ihre Bedeutung. Dann wird auch die Feststellung "Da ist kein Fluß mehr" ("Der Urenkel") zu einem Hinweis nicht nur auf das Verschwinden des Flusses, sondern auch auf die ermordeten Menschen, die vielleicht früher in diesem Fluß gebadet, ihn betrachtet haben. Kralls kurze Geschichten enthalten zuweilen eine verwirrende Fülle an Namen. Die, die damit gemeint sind, haben oft nicht einmal den Status von Nebenfiguren. Wie in einem Totengebet werden sie noch einmal aufgerufen. Bejbi, Chaim, Cyla, Dwojra, Jojne, Leica, Rachelka - und wie sie alle heißen. "Und er wird wissen, wo sie sind. In Piatydnie, an der Landstraße nach Ucilug. Alle. Zusammen, in einer Grube, im Kiefernwald, gleich bei den Haselbüschen. Von wo sie jeden Herbst Weidenkörbe voller Nüsse für Großmutter Chaja holten" ("Der Urenkel").

Es muß mühselig und anstrengend sein, solche Tatsachenliteratur zu schreiben. Dementsprechend erschöpft ist Krall denn auch immer wieder, und wenn sich Kinder von Nazi-Vätern nach Lesungen bei ihr ausweinen wollen, weiß sie das auch klar zu artikulieren: "Ich habe denen gesagt: ,Ich verbrauche sehr viel Kraft und Energie, um mit den Erfahrungen der Opfer fertigzuwerden. Ich habe keine Energien mehr, um auch noch mit den Erfahrungen der Nachkommen der Henker fertig zu werden.'" Am liebsten sähe sie die Enkel "dieser, wenn man so will, Verbrechergeneration" bei ihren Lesungen. "Das sind ,normale' Leute, die die Sache sehr nüchtern und realistisch betrachten. Und wenn sie einen fragen, wollen sie wissen, wie es war."

Klaus Nüchtern in FALTER 25/1999 vom 25.06.1999 (S. 66)


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