Neun Koffer
Mit einem Nachwort von Ferenc Köszeg

von Bela Zsolt, Angelika Mate

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Neue Kritik
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 15/2000

In "Neun Koffer" beschreibt Bela Zsolt (1885-1949) seine Zeit im Getto von Großwardein und legt einen erschütternden Bericht über die Conditio humana vor.
Ob man aus der Geschichte lernen kann, ist zweifelhaft. Erfahrungen lassen sich zwar mündlich oder schriftlich artikulieren; aber ob das die Nachgeborenen davor bewahrt, die gleichen oder ähnliche Erfahrungen durchmachen zu müssen, ist damit noch lange nicht gesagt. Der ungarische Schriftsteller, Publizist und Politiker Bela Zsolt hat in seinem nun - über 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung - auch auf Deutsch erschienenen Buch "Neun Koffer" einen Teil seiner Erfahrungen, die er als Zwangsarbeiter in der Ukraine, im Militärgefängnis, als "Bewohner" des ungarischen Gettos und als KZ-Häftling machen musste, festgehalten. Über die Wirksamkeit seines Tuns hat er sich keine Illusionen gemacht: "Nach all dem, was ich da draußen in der Ukraine gesehen habe, ist in mir die Überzeugung gereift, dass das Schreiben als Waffe und als Mittel zur Veranschaulichung ganz und gar veraltet und unbrauchbar ist."
1895 geboren, begann Zsolt seine publizistische Karriere in Großwardein, der "Hochburg der kulturellen Erneuerung", wie Ferenc Köszeg im Nachwort schreibt. 1920 zog Zsolt nach Budapest, wo er für liberale oppositionelle Zeitungen schrieb und sich vor allem als Journalist einen Namen machte. Er wohnte im Hotel, die Nächte verbrachte er debattierend und ungeheure Mengen von Zigaretten, Cognacs und Espressos konsumierend in den Kaffeehäusern. Als in der Wolle gefärbter Homo politicus gab er dem öffentlichen gegenüber dem privaten Leben stets den Vorzug, und die politischen Ereignisse - Zusammenbruch der Monarchie, die bürgerliche Oktoberrevolution, Bela Kuns Räterepublik, das Horthy-Regime - haben seine Lebensenergien auf eine Weise okkupiert, dass für andere Passionen kaum Platz blieb. Überhaupt scheint er dem Privaten, dem Häuslich-Familiären gegenüber ein grundlegendes, an Verächtlichkeit grenzendes Unverständnis gehabt zu haben: Dass seine mit ihm zur Zwangsarbeit verdammten Kameraden "rackerten, marschierten, apportierten, und all das nur, um nach Hause zu kommen", will ihm nicht in den Kopf.
Möglicherweise war es aber gerade diese Immunität gegenüber den gemütlichen Aspekten der Zivilisation, die Zsolt geholfen haben, all die Strapazen zu überleben. Gerade angesichts der Barbarei, so zeigen seine Erinnerungen, die 1946 in der von Zsolt gegründeten Zeitung Haladas("Fortschritt") in Fortsetzungen und 1980 erstmals als Buch erschienen, ist es notwendig, Zivilisationsballast abzuwerfen, um nicht selbst der Barbarei zu erliegen. Letztendlich tragen nämlich die titelgebenden neun Koffer seiner Frau daran Schuld, dass sie und ihr Mann im Getto landen: Weil das umfangreiche Gepäck in den Zügen nach Madrid oder Lissabon keinen Platz hat, kehren die Zsolts von Paris nach Budapest zurück. Ein letztes Mal tauchen die neun Koffer im Getto auf - in einen Waggon mit der Aufschrift "Geschenk der ungarischen Nation an die ausgebombten deutschen Brüder" verladen. Dem Ehepaar Zsolt selbst bleibt die "Einwaggonierung" - und damit der Transport ins KZ - dank der Hilfe eines Arztes und von Freunden sowie der Nachlässigkeit der das Getto bewachenden Gendarmen vorerst erspart.
Was Zsolts in der Ichform erzählte Erinnerungen auszeichnet, ist eine mitleidlose, auch die eigene Person nicht schonende Bestandsaufnahme dessen, was unter extremen Bedingungen von all jenen Eigenschaften bleibt, die wir gerne als "human" bezeichnen. Viel ist es nicht. In mitunter sarkastischem Ton erzählt Zsolt - ab der Hälfte des Romans wendet er sich direkt an seinen Leidensgenossen Friedländer, der sich später erhängen wird - davon, wie Menschen verhöhnt, benutzt, geschunden werden und daran zerbrechen.
Weit davon entfernt, die Opfer zu mystifizieren oder ihnen einen moralischen Surplus zuzusprechen, wird davon berichtet, wie die Getto-Insassen von ihren Bewachern nachgerade zur Flucht gedrängt werden und wie sie unerkannt und ohne äußeren Zwang knapp vor der Grenze wieder umkehren, sich wieder reumütig ins Getto begeben. Gelähmt von Hoffnung, zu jedem Selbstbetrug bereit und unfähig zur Gegenwehr, klammern sich die Todgeweihten an lächerliche, längst außer Kraft gesetzte Standards der Zivilisation: Noch im Waggon ins KZ beschwert sich einer der Deportierten: "Was schubsen Sie hier herum, wir sind nicht in Polen!"
Angesichts der Fragwürdigkeit und der unendlichen Beschwerlichkeit des Überlebens erscheint der Tod als eine gute "Position", und als Zsolt in seiner Funktion als "eine der größten moralischen Autoritäten" von den Ärzten gefragt wird, ob sie bis zum letzten Augenblick um das Leben der Kranken kämpfen sollen, verneint dieser: "So brachte ich mit einem einzigen Satz neunundvierzig Menschen um."
Selbst die moralische Integrität derer, die aufseiten der Opfer zu stehen scheinen, wird angezweifelt: Stets liegt der Verdacht nahe, dass Hilfsbereitschaft und Menschenliebe wenig mehr als Geschäftssinn, Eitelkeit oder bloß bürokratisches Pflichtbewusstsein sind. Der Erzähler selbst steht nicht an, seine Ressentiments etwa gegenüber der gottgläubigen Selbstgewissheit der Chassidim einzugestehen oder seinen Ärger über die "Äußerlichkeiten, Zeremonien und Faxen, an denen der Mörder den Juden sogleich erkennen kann".
Es ist schon grausam, wenn Zsolt daran festhält, "dass der Mensch die Möglichkeit zu entscheiden hat und niemals zufällig irgendwohin geht". Denn unter den beschriebenen Bedingungen sind nur die wenigsten in der Lage, sich rechtzeitig für die richtige Möglichkeit zu entscheiden. "Wer zuerst schießt, siegt!", zitiert der Erzähler an einer Stelle einen mexikanischen Revolutionär. Die meisten von uns sind fürs Siegen wohl nur sehr unzureichend ausgestattet.

Klaus Nüchtern in FALTER 15/2000 vom 14.04.2000 (S. 65)


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