Kraftwerk. Ich war ein Roboter

von Wolfgang Flür

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Verlag: VGS
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/1999

Der ehemalige Kraftwerk-Schlagwerker Wolfgang Flür korrigiert in seiner anekdotenreichen Autobiografie "Kraftwerk. Ich war ein Roboter" das Bild der legendären Düsseldorfer Elektronik-Formation.

Am Ende war er bei Kraftwerk praktisch arbeitslos. Die kreative Energie der Elektronik-Pioniere schien verpufft. Die Bandgründer Ralf Hütter und Florian Schneider kümmerten sich statt um die Feinabstimmung ihrer Synthesizer längst lieber um die ihrer Rennräder, mit denen sie Tour-de-France-Etappen nachfuhren. Die Arbeit am Album "The Mix" (1991) nahmen sie nur zögerlich auf. Wolfgang Flür zog die Konsequenzen und verließ die Gruppe, von der er – und etwas später auch Karl Bartos – 1972 angeworben worden war.
In dem eben bei Hannibal erschienenen Band "Kraftwerk. Ich war ein Roboter" zieht Flür über seine Jahre bei der "Autobahn"-Formation Bilanz. Sein Resümee ist nicht nur positiv, doch sieht er heute gern über Streitpunkte aus seiner aktiven Zeit hinweg. Leicht hatten es die Rhythmusgeber Flür und Bartos bei Kraftwerk nämlich nicht. Entscheidungen trafen ausschließlich Hütter und Schneider. Nicht zuletzt auch jene, den Angeworbenen nie mehr als ein fixes Gehalt zu bezahlen.
In technischen Fragen ließen sie sich gerne helfen, Flür etwa zeichnet für den Bau der legendären Drumpads verantwortlich, die Linie der Band gaben "Ralf und Florian" aber stets allein vor. So wurden Angebote für Zusammenarbeiten kategorisch abgelehnt, um die Einzigartigkeit der Gruppe zu bewahren. Ingesamt mögen die Erinnerungen Flürs zwar sehr subjektiv sein, sie bilden jedoch einen wichtigen Gegenpol zum kritiklos-euphorischen Bild, das Pascal Bussys im bisher einzigen Kraftwerk-Buch zeichnet.1
Daneben ist "Ich war ein Roboter" noch zweierlei: Einerseits eine Schatzkiste an Anekdoten und Schnurren. So waren die Menschmaschinen durchaus keine Kostverächter, wurden aber wegen ihrer Ästhetik oft fälschlicherweise für homosexuell gehalten. Auch von Helmut Berger, der Flür nach einem Rom-Konzert in seiner Wohnung vernaschen wollte. Der Musiker war zwar ein Fan von Bergers Filmen mit Visconti, die nach dessen Tod ständig betrunkene Diva stieß bei ihm jedoch nur auf Mitleid.

Auf der anderen Seite handelt das Buch von der Befreiung des Künstlers Wolfgang Flür. Heute ist er mit seinem Projekt Yamo glücklich und schlug ein finanziell verlockendes Rückkehrangebot Hütters dankend aus. Der fünf Sekunden lange Jingle für die Expo 2000 (Download: http://www.expo2000.de/deutsch /eprogramm /index–ep–kraft.html) ist die erste Kraftwerk-Produktion, die nach 1991 das Düsseldorfer Klingklang-Studio zwecks Veröffentlichung verließ. Ein Nachfolger für "The Mix" wurde schon etliche Male angekündigt und wieder verschoben. Wer die zwei neuen Stücke beim Linz-Konzert 1997 gehört hat, wird nicht besonders traurig darüber sein. Spannendes und Innovatives passiert längst anderswo.Popmusik, mit akademischer Brille betrachtet – eine endlose, schwierige, aber immer wieder auch spannende Geschichte. Den Zugang über die visuelle Ebene wählten die Autoren des Sammelbandes "Viva MTV! Popmusik im Fernsehen", der von Klaus Neumann-Braun herausgegeben wurde. Die Verfasser der Beiträge haben allesamt einen akademischen Background, sind Soziologen, Medienwissenschaftler, Pädagogen, Psychologen, sie begreifen "Viva MTV!" als "Sampler zur Geschichte, Ästhetik und Ökonomie von Popmusik im Fernsehen". Die Mehrzahl der Texte setzt sich – eh klar – mit Videos auseinander, so wird etwa Prodigys skandalträchtiger Clip "Smack My Bitch Up" einer Detailanalyse unterzogen, und das meint vor allem: zerlegt. Wobei sich irgendwie schon die Frage der Sinnhaftigkeit einer solchen Vorgangsweise stellt. Denn Videoschauen betreiben so eben nur Universitätslehrer in ihren Vierzigern, nicht aber die zappenden Konsumenten zwischen 14 und 29. Aufschlussreicher sind die beiden längeren Beiträge über Geschichte und Struktur von MTV und Viva, die einmal mehr daran erinnern, worum es beim Musikfernsehen geht: um Zielgruppenrekrutierung zwecks Hebung der zuletzt rückläufigen Tonträger-Verkaufszahlen.Auch schon eine ganze Zeit lang im akademischen Sektor tätig ist Diedrich Diederichsen. Der Ex-Sounds- und SPEX-Redakteur unterrichtet an der Stuttgarter Merz-Akademie, hält gut bezahlte Vorträge und publiziert in der Süddeutschen Zeitung und in Texte zur Kunst. Der vorliegende Band "Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt", Abschluss einer dreiteiligen Bestandsaufnahme der Neunziger ("Freiheit macht arm", 1993; "Politische Korrekturen", 1996), hat sein Zentrum in Berlin-Mitte. Der ehemalige Ostberliner Stadtteil ist gleichzeitig Mitte der neuen Hauptstadt, Mitte der Bundesrepublik wie Künstler- und Szeneviertel. Als zentral für das zu Ende gehende Jahrzehnt empfindet Diederichsen die Diskurse über Popmusik und Stadtpolitik. Darum kreisen die Betrachtungen über neue und ältere Platten, die Drogenkultur der Neunziger und die Ökonomie der Subkultur. Was fehlt, ist ein wirklicher Faden oder eine funktionierende Gliederung der umherschweifenden Gedanken. Trost spendet, dass auch Rainald Goetz mit Diederichsens Schreibe so seine Probleme hat: "Diedrichs Aufsatz über Pop. Pop I und II. Nur für Doktoranden."

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 39)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Der lange Weg nach Mitte (Diedrich Diederichsen)
Viva MTV! (Klaus Neumann-Braun)

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