Das Verschwinden des Ettore Majorana

von Leonardo Sciascia, Ruth Wright, Ingeborg Brandt

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Verlag: Klaus Wagenbach
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Das dtv-Lexikon in zwanzig Bänden kennt nur einen italienischen Physiker mit dem Namen Majorana, denjenigen, nach dem eine "Doppelberechnung kolloidaler Lösungen im Magnetfeld" benannt ist - die Fachwelt alleine weiß, was wir darunter verstehen sollen. Dabei würde auch dem 1906 geborenen Ettore Majorana ein Eintrag gebühren. Nicht weil er eine bahnbrechende Theorie veröffentlicht hat, sondern im Gegenteil. Dem sizilianischen Autor Leonardo Sciascia war der Entschluss des "eines Nobelpreis" würdigen Physikers, seine Arbeit vor der Öffentlichkeit zu verbergen, einen biografischen Traktat wert.

Sein 1975 in Italien erstmals publiziertes Bändchen feiert "Das Verschwinden des Ettore Majorana" als Beleg dafür, dass Naturwissenschaft und Moral im Atomzeitalter nicht grundsätzlich einen Widerspruch bilden müssen. 1932 stellte der Nachwuchswissenschaftler in Rom eine Theorie über den Aufbau des Atomkerns vor, etwa ein halbes Jahr bevor Werner Heisenberg die Fachwelt mit derselben Theorie verblüffte. Das sensible Genie erkannte schon damals, dass die praktische Umsetzung nur in einer Katastrophe wie der Bombe von Hiroshima münden konnte, und versenkte seine auf einem Streichholzbrief notierten Berechnungen sogleich in einem Papierkorb.

Damals herrschte Mussolini in Italien, es herrschten politische Umstände, unter denen der Kernphysik drohte, vom Militär vereinnahmt zu werden. Ein Jahr vor dem Angriff Hitlers auf Polen, im März 1938, zog Majorana die Konsequenz. Er verbrannte seine wissenschaftlichen Manuskripte, schrieb zwei Abschiedsbriefe, schiffte sich auf einer Fähre von Rom nach Neapel ein - und verschwand spurlos. Die Polizei erkannte auf Selbstmord und schloss die Akte. Leonardo Sciascia vertritt die weitaus romantischere Theorie, der Atomforscher habe den Rest seines Lebens in einem Kloster verbracht.

Doch diese Details sind nur von sekundärer Bedeutung. Wichtig an Majoranas Fortgang aus der Denkfabrik des ewigen Fortschritts ist, dass Wissenschaftler widerlegt sind, die behaupten, im Faschismus hätte es keine Alternative zur Erfüllung militärnaher Forschungsaufträge gegeben. Mindestens einer hat erkannt, welche Gefahr sein Wissen darstellt, und daraus die einzige Konsequenz gezogen, die selbst einem strengen Moralisten wie Sciascia ein Buch des Lobes wert ist.

Martin Droschke in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 31)


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