Rio de Janeiro

Eine literarische Einladung
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Im Falle von Rio de Janeiro, der Stadt in der Bucht von Guanabara, sind die Superlative
der Tourismuswerbung tatsächlich keine Übertreibung:
Es gibt wohl keine andere moderne Metropole, die in eine dermaßen erhabene Naturlandschaft eingebettet ist.
Braucht es bei so viel Erhabenheit dann überhaupt noch Literatur?
Dieser Stadtrundgang durch Rio beweist: auf jeden Fall! Denn in den hier versammelten
Texten zeitgenössischer brasilianischer Autoren kommen auch die auf den
ersten Blick verborgenen Seiten der Stadt zur Geltung: Clarice Lispector zeigt,
dass man sich in den Gängen und Katakomben unter dem Maracanã- Fußballstadion
trefflich verlaufen kann, Aníbal M. Machado heftet sich einer Standartenträgerin
beim Karneval an die Fersen, bei Miguel Sanches Neto erhebt sich
die berühmte Christus- Statue nicht nur auf dem Corcovado hoch über der
Stadt, sondern ziert gleichzeitig den Bauch eines Transvestiten, und Sonia Coutinho
beschreibt den Zauber der Copacabana selbst im Angesicht des Todes.
Außerdem: Erzählungen und Gedichte von Luiz Ruffato, João Gilberto Noll,
Nélida Piñon, Carlos Drummond de Andrade, Caetano Veloso, Sérgio Sant’Anna
und vielen anderen – fast alle in deutscher Erstübersetzung.

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FALTER-Rezension

Zona Sul und Favela Cantagalo

Brasilien: Zwei neue Bücher liefern Einblicke in das von Gegensätzen geprägte Leben in Rio de Janeiro

Mitten im Trubel des Karnevals von Rio wartet ein Mann auf seine Geliebte und dreht vor Eifersucht durch. Eine junge Frau versucht sich mit einem unehelichen Kind durchzuschlagen. Ein Rio-Besucher nimmt eine Prostituierte mit aufs Hotelzimmer, die eigentlich ein Mann ist. Eine alte Frau irrt in ­einem unterirdischen Labyrinth unter dem Maracaña-Stadion herum (das in drei Jahren über unsere Fernsehbildschirme flimmern wird, wenn dort die nächsten Olympischen Spiele eröffnet werden).
Eine 16-Jährige lernt ihren wohlhabenden Vater kennen und besucht das Grab der Autorin, von der die "Erzählung von der Alten" stammt. Ein Türsteher erzählt aus seinem Alltag. Über ein Foto einer eleganten jungen Frau werden wir ins Rio der 1920er-Jahre und in die Geschichte einer erotischen Begegnung gezogen, in der Picasso, Freud und Egon Schiele wichtige Rollen spielen.

Diese und weitere Erzählungen von brasilianischen Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, dazu einen Liedtext des Sängers und Komponisten Caetano Veloso sowie zwei Gedichte versammeln der Schweizer Marco Thomas Bosshard und der Brasilianer Marcos Machado Nunes – beide lehren Romanistik an der Ruhr-Universität Bochum – in ihrem schmalen Band "Rio de Janeiro. Eine literarische Einladung".
Es sind Splitter aus dem Leben in der Metropole, fröhliche und traurige, ­wütende und resignierte, geschildert mal in ­einem traumartig-fantastischen, dann wieder in einem ironischen oder brutal-realistischen Tonfall.
Gerade weil die Herausgeber viel Wert auf das Lokalkolorit der Erzählungen gelegt haben, hätten dem Band aber ein paar Erläuterungen oder Fußnoten, vielleicht sogar eine Karte von Rio gutgetan. Denn so steht der sprach- und ortsunkundige Leser oft etwas ratlos zwischen Namen wie São Conrado, Tijuca, Lapa und Madureira herum, zwischen der Zona Sul und der Zona Norte, der Praça Onze und der Praça Mauá, wo die Menschen Cuícas spielen, ­Feijoadas ­kochen und bei NTRKLOPI arbeiten, und rätselt über Sätze wie: "Ihre Füßchen, im salzigen Wasser der Strände von Bica und Engenhoca getauft und auf der Ilha do Governador – als sie dort wohnten in Cacuia und Morro do Dendê –, vergaßen den Schleichweg nach Rio de Janeiro nie."

Weniger literarisch, aber für Rio-Neulinge besser geeignet ist Frauke Niemeyers ursprünglich 2011 erschienenes und jetzt mit einem Zusatzkapitel neu aufgelegtes Buch "Ein Jahr in Rio de Janeiro. Reise in den Alltag". Die deutsche Journalistin reiste in die Stadt, um "einzutauchen in das Treiben der Cariocas, der Einwohner von Rio, den Alltag kennenzulernen, die Menschen neben mir im Bus anzuschauen" und herauszufinden, ob sie die "unerklärliche Energie", die sie als Touristin in Rio erlebt hatte, "auch mittwochs an der Bushaltestelle auf dem Weg zur Arbeit" spüren werde "oder ob sie nur aus der Projektion der Reisenden entsteht, die vor lauter Sonne und Samba nicht wissen, wohin mit ihrer Begeisterung".
Niemeyer nimmt den Leser mit auf ihre Entdeckungsreise durch die Stadt: In Sambaclubs, zu einem Junggesellinnenabschied und einer Hochzeit, zur ersten ­Surfstunde und zum Karneval, aber auch zu Gesprächen mit Straßenkindern, Verbrechens­opfern und Bewohnern der Favelas, der Armenviertel Rios.
Weil der Wissensstand des Lesers dabei meist dem der Erzählerin entspricht, kann Niemeyer Erklärungen für Orte, Begriffe und Gebräuche einschieben, ohne den Lesefluss zu stören. Vereinzelte Fußnoten liefern zusätzliche Informationen etwa über die Eigenheiten und die Aussprache des brasilianischen Portugiesisch, über brasilianische Musik oder über die Entstehung und die Sozialstruktur der Favelas.
Niemeyer erzählt begeistert von den Stränden und der Natur Rios, von Bossa Nova und Samba, von der Hilfsbereitschaft der Brasilianer und ihrer Lebenslust. In einem lapidar-ironischen Tonfall, der – schon weil er sich ebenso auf die Autorin bezieht wie auf die Brasilianer – nie ins Herablassende abrutscht, staunt sie über die brasilianische Ausgeh- und Flirtkultur und die Überschwänglichkeit der Cariocas.
"Allein aufgrund der schlichten Menge derjenigen, die, als sie mich gerade kennen­gelernt hatten, auch schon bereit waren, für mich zu sterben, fragte ich mich, ob es plausibel ist, dass sich innerhalb weniger Wochen fünf Brasilianer in mich verlieben, ­davon zwei Frauen? Seitdem schalte ich bei allem, was man zu mir sagt, ­gedanklich zwei Gänge runter, und bei allem, was ich zu sagen gedenke, einen Gang hoch."

Die Autorin berichtet aber auch von der Gewalt, die Teile Rios fest im Griff hat – bei einem früheren Besuch wurde Niemeyer in einem vollbesetzten Bus mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt, auch nun hört sie immer wieder Schüsse –, von der korrupten Polizei und der riesigen Kluft zwischen den Gesellschaftsschichten. Bald nach ihrer Ankunft zieht sie ins Reichenviertel Ipanema: "Obwohl so viele im Elend leben, gibt es in Rio eine Erste Welt: die Zona Sul. Mit traumwandlerischer Sicherheit habe ich mich in ihren Nukleus gesetzt, Ipanema. Ich kaufe in einem Supermarkt ein, der nichts dabei findet, sich ,Zona Sul' zu nennen, weil es da nämlich das Sortiment für meinesgleichen gibt: Balsamico-Essig und Rucola und Nutella."
Aber direkt hinter dem Hochhaus, in dem Niemeyer wohnt, befindet sich auf einem Berg die Favela Cantagalo. "Ihr wohnt keine 30 Meter voneinander entfernt, aber entscheidend ist: Eles estão no morro, você está no asfalto (Sie sind auf dem Berg, du bist auf dem Asphalt)", sagt ein Freund der Autorin, und sie konstatiert: "Auf diese zwei Begriffe lässt sich das, was Rio krank macht, herunterbrechen. In einer Stadt zwei Welten: Morro und Asfalto."

Ruth Eisenreich in Falter 41/2013 vom 11.10.2013 (S. 37)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheSALTO
ISBN 9783803112958
Erscheinungsdatum 13.08.2013
Umfang 144 Seiten
Genre Reisen/Reiseberichte, Reiseerzählungen
Format Hardcover
Verlag Wagenbach, K
Herausgegeben von Marco Thomas Bosshard, Marcos Machado Nunes
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