Rosa und Hannah
Das Blatt wenden

von Joke J. Hermsen

€ 18,50
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Gerd Busse
Verlag: Wagenbach, K
Format: Hardcover
Genre: Philosophie/20., 21. Jahrhundert
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.03.2021


Rezension aus FALTER 11/2021

Die Liebe zur Welt und das Gebot zu handeln

Aus ihrer Zelle sah Rosa Luxemburg nicht viel mehr als ein paar Wolken. Und doch schrieb die Revolutionärin 1917 heitere Briefe aus dem Gefängnis, etwa: „Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.“ Aus Liebe zur Welt müsse man auch aufstehen und handelnd eingreifen. Später griff die Philosophin Hannah Arendt dies auf: Wenn Menschen sich nur noch um ihre eigenen Belange kümmerten, brächen „finstere Zeiten“ an.

Die Niederländerin Joke J. Hermsen erhielt für ihre Romane und Essays viele Preise. Auch ihr Buch „Rosa und Hannah“ stand in den Niederlanden wochenlang auf den Bestsellerlisten. Hermsen spannt darin die Werke der sozialistischen Anführerin Rosa Luxemburg (1871–1919) und der Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) mit den französischen Gelbwesten-Protesten zusammen.

Die Erkenntnisse der sozialistischen Revolutionärin und Theoretikerin des Totalitarismus sind auch heute noch gültig, findet Hermsen. So erkannte Luxemburg bereits 1913, dass der Kapitalismus für sein Fortbestehen stets „nichtkapitalistische Gebiete“ erobern müsse. Da er sich heute in geografischer Hinsicht kaum weiter ausdehnen könne, expandiere er nun etwa in unser Privatleben, spinnt Hermsen den Gedanken treffend weiter.

All das setzt sie in Verbindung mit den Gilets jaunes. Als die Autorin sich nämlich in das Werk Luxemburgs vertieft, hält sie sich gerade in ihrem Landhaus in der Bourgogne auf und erlebt die Proteste zufällig mit. Der Eindruck, in das Buch sei manches zufällig geraten, kommt allerdings mehrfach auf. So schwärmt Hermsen über Luxemburgs Idee von den Bürgerräten und dass diese wohl auch etwas für die Gelbwesten wären.

Wie genau das aussehen könnte, sagt sie nicht. Auch zeigen sich blinde Flecken, wenn sie schreibt, die Gelbwesten würden als rechte Chaoten verunglimpft, dabei führten sie einen berechtigten Aufstand gegen eine elitäre Politik. Das mag zutreffen. Dass Teile der Bewegung aber antisemitische Hassreden pflegten und gewalttätig wurden, müsste schon auch erwähnt werden.

Die angehängten Gefängnisbriefe Luxemburgs vermitteln ein faszinierendes Bild einer extrem resilienten Frau, die noch in der Zelle Gedichte rezitiert und naturkundliche Beobachtungen anstellt. Das alles kommt ein wenig lose aneinandergereiht daher. Wenn es Hermsen aber vor allem darum ging, die Lust auf den Esprit und die geistige Schärfe der beiden Intellektuellen neu zu wecken, muss man sagen: Das ist ihr gelungen.

Gerlinde Pölsler in FALTER 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 36)


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