Kleine Naturgeschichte der Verführung

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die fünf Sinne – Gesicht, Geruch, Gehör, Geschmack und Gefühle – dienen der buchstäblichen Einverleibung der Außenwelt. Durch sie nehmen wir die Umwelt wahr und reagieren unmittelbar, ja unwillkürlich auf die jeweiligen Eindrücke.
Claude Gudin untersucht in seinem ebenso humorvollen wie sinnlichen Buch die Entwicklung der Verführungskunst selbst. Ihre Geschichte nimmt ihren Anfang am Boden des Urmeers: bei den Mikroalgen, die schillernde Farben erfinden, bevor es überhaupt ein Auge gibt, das sie sehen könnte. Gudin nutzt das Mikroskop als Zeitmaschine und sammelt eine Vielzahl kleiner evolutionärer Wunder von den Pflanzen, über die Tiere, bis hin zu den Ritualen des Menschen. Verführung ist der Motor allen Lebens, und sie bedient sich schöner Verkleidungen, intensiver Gerüche und lustiger Laute, um das Objekt der Begierde herumzukriegen. Und sie nimmt oft eigenwillige Umwege: ob nun bei den raffinierten Täuschungsmanövern der Orchideen oder dem lockenden Vogelgesang, der auch erklingt, wenn niemand da ist, ihn zu hören.
Neben vielen biologischen Fakten erzählt Claude Gudin jede Menge bizarrer, grausamer, berührender und amüsanter Anekdoten aus Pflanzen, Tier- und Menschenreich.

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FALTER-Rezension

Verführung ist ein schmutziges und schönes Geschäft

Biologie: Claude Gudins Naturgeschichte der Verführung analysiert die Tricks von Flora und Fauna sowie des Menschen

Phänomenal vielfältig ist das Repertoire, das Flora und Fauna auffahren, damit Männchen und Weibchen zueinanderfinden. Restlos fasziniert von all den variantenreichen Verführungsstrategien, die die Natur im Zuge der Evolution entwickelt hat, ist der französische Pflanzenbiologe und Gärtner Claude Gudin in seiner „Kleinen Naturgeschichte der Verführung“.

Es sei gleich vorausgeschickt: Das Buch ist, gelinde gesagt, eine ambitio­nierte Lektüre, und man braucht gut und gerne 50 Seiten, bis man sich an Gudins Stil gewöhnt hat. Sätze wie der folgende, in dem es um den Augenfleck auf einer Algenzelle geht, sind bei ihm keine Ausnahme: „Es ist ein lichtempfindlicher Rezeptor, der die Energie grüner Lichtquanten, auch Photonen genannt, aufnimmt, um mit ihr zwei kontraktile Vakuolen zu versorgen, die sich auf der gegenüberliegenden Seite des Chloroplastes befinden, am Ansatz der zwei Geißeln.“ So kann das absatzweise dahingehen.

Wenn man allerdings durchhält und eventuell über das, was einem an Terminus-technicus-Häufungen zu dicht wird, frohgemut drüberliest, ohne nachhaltig an der eigenen Bildung zu zweifeln, beschenkt einen dieses Buch mit zahllosen interessanten Fakten und Abläufen, die Mutter Natur in puncto Verführung entfesselt hat.

Gudin beginnt sozusagen weit vor Adam und Eva, nämlich mit den Fettaugen auf der Ursuppe und der Entwicklung der Photosynthese bei den frühen Urmeer-Organismen, und widmet dann der langsamen Entwicklung der Pflanzen viel Aufmerksamkeit. Ihnen gilt seine allergrößte Bewunderung: „Es ist das Reich der Pflanzen, das die Verführung mit Düften, Hormonen, Farben, Aromen und schließlich auch den Sex erfindet (...). Aus dem Reich der Pflanzen leiht sich jedes Tier seine Farben, die es benötigt, um sich herauszuputzen.“

Denn wenn etwa der Schmutzgeier „in the mood for love“ ist, färbt er seinen Kopf lodernd gelb, um auch seine Ziel-Weibchen entsprechend in Schwung zu bringen. Was attraktiv wirkt, von gelbem Schädel bis zu fauligem Geruch, liegt in der Wahrnehmung des Betrachters. Auch dafür bringt Gudin zahllose Beispiele. Was der Schmutzgeier jedenfalls für die verführerische Umfärbung seines Hauptes an Carotinoiden benötigt, nimmt er über die Exkremente von (pflanzenfressenden) Kühen auf.

Das ist ein erster sehr hand- und geruchsfester Hinweis darauf, dass die Verführung ein äußerst schmutziges Geschäft sein kann – nicht nur in Choderlos de Laclos’ Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von 1782, sondern auch beim vermeintlich harmlosen Glühwürmchenweibchen. Dieses lockt mit seinen Leuchtsignalen nicht nur eigene Männchen an, sondern auch solche einer anderen Gattung, die, statt zur Paarung zu schreiten, umstandslos vom Glühwürmchenweibchen gefressen werden.

Es sind aber nicht nur die vielen, vielen Geschichten über Tier, Mensch, Alge, Orchidee oder Frosch und deren Werben und Sehnen, die Gudins Buch zu einem schönen und charmanten machen, sondern auch sein verschnörkelter, schwärmerischer, altmodischer, weit ausmäandernder Schreibstil.

Mit der Verführung, so Gudin, hat praktisch ein jedes Lebewesen enorm viel Arbeit. Nicht selten passiert es, dass die, die in der Natur ihre Federn, Farben, Blüten, Gerüche oder Balztänze in den Dienst der sexuellen Vereinigung mit ihresgleichen stellen, in einer zweiten, posthumen Existenzform den menschlichen Verführungskünsten dienen müssen: von der Purpuralge, deren roter Farbstoff die Wangen schöner Japanerinnen färbte, über die giftige Schwarze Tollkirsche, mit deren Hilfe Renaissance-Damen ihre Pupillen weiteten, bis zu den Federn des Pfaus, die Menschen und ihre Kostüme schmücken.

Es ist ein Gfrett mit der Verführung, wenn auch ein fesselndes, und Claude Gudin will nichts weniger als mit der von ihm geschilderten Vielfalt und Buntheit bezaubern. Sein Buch ist definitiv ein großes Plädoyer fürs genauere Hinschauen: „Gibt es auch in der Schule kaum noch Botanikunterricht, hören die Blumen trotzdem nicht auf, ihre Verführungssignale weiter geduldig an den Homo sapiens zu senden, an jenes arme Tier, das nur die animalische Sprache versteht.“ Sehr hübsch ist das, und für die vielen Fachausdrücke gibt es hinten im Buch ein Glossar.

Julia Kospach in Falter 11/2020 vom 13.03.2020 (S. 40)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheWagenbachs andere Taschenbücher
ISBN 9783803128218
Erscheinungsdatum 12.03.2020
Umfang 176 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik/Naturwissenschaft
Format Taschenbuch
Verlag Wagenbach, K
Übersetzung Elisabeth Heyne
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