Ausweitung der Kampfzone

von Michel Houellebecq

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Verlag: Klaus Wagenbach
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 8/1999

Diktatur der Deprimisten

In Frankreich sorgt Enfant terrible Michel Houellebecq schon seit ein paar Jahren für Diskussionen. Jetzt ist seine Abrechnung mit einer auf Sex und Karriere fixierten Gesellschaft auch in deutscher Übersetzung zu lesen.

Es ist wohl ein Phänomen des Literaturmarkts, daß manche Auseinandersetzungen selbst in Zeiten des Klammeraffen (@) an verschiedenen Orten mitunter mit jahrelanger Verzögerung stattfinden. Während im Herbst 1998 auch Michel Houellebecqs zweiter Roman "Les particules elementaires" in Frankreich wieder gehörig Staub aufwirbelte, kommt bei Wagenbach gerade sein bereits 1994 umstrittener Erstling "Ausweitung der Kampfzone" ("Extension du domaine de la lutte") heraus. Dieser deutete freilich schon an, um was es dem 1958 geborenen Autor geht: um Sex. Wer nun Erotik erwartet, kann gleich zuklappen. Schließlich hat der namentlich nicht näher genannte Protagonist, der als junger Informatiker für eine Pariser Software-Firma arbeitet, schon seit zwei Jahren mit niemandem mehr geschlafen. Noch schlimmer steht es um seinen mäßig attraktiven Kollegen Raphael Tisserand, den man den Software-Vertreter schon von weitem ansieht. Und obwohl er keinen Versuch unterläßt, mit dem Loser-Charme bei den Frauen zu punkten, ist er mit seinen 28 Jahren noch immer männliche Jungfrau.

Der erotomanische und verklemmte Tisserand ist der typische Vertreter einer betriebsamen, aber kommunikationslosen Gesellschaft, in der außer Karriere und Sex nichts gilt. Diese Sexualität, schrieb ein französischer Kritiker, hat ihre Kapitalisten und Spekulanten, aber auch ihre Proletarier und Obdachlosen. Wenn dem so ist, dann ist Michel Houellebecq deren Karl Marx oder einer seiner blutigen Epigonen. Denn an einem Vorweihnachtsabend steht Tisserand mit einem Messer in den Dünen am Strand bei La-Roche-sur-Yon, um sich an einem koitierenden Pärchen für seine Insuffizienz zu rächen.

Worum es Houellebecq geht, kommt in "Les particules elementaires" - wobei mit den Elementarteilchen nichts anderes als die Geschlechtsteile gemeint sind - noch deutlicher heraus. Es handelt sich dabei um eine umstrittene Abrechnung mit der 68er-Generation, deren Revolte gegen die bürgerliche Moral und die Familie - so die dem Buch zugrundeliegende These - nicht die angekündigte Freiheit, sondern den Triumph des Geldes zur Folge hatte. Die angeblich befreite Sexualität ist zur Spielwiese gnadenloser Vermarktung verkommen, wobei vor allem die weiblichen Vertreter dieser für Houellebecq so entsetzlichen Generation mit ihren Predigten von Genuß und Jugend und Emanzipation ganz schön blöd dastehen - "jetzt, wo der Hintern Falten wirft und die Brüste hängen" (Neue Zürcher).

Über die Bewertung eines derartigen Outputs wird in Paris und Umgebung seit längerem gestritten. Während manche Kritiker Houellebecq schlicht einen Reaktionär nannten, kürten ihn andere zum Sprecher des neuen Zeitgeists. Nach der Romantik, dem Naturalismus oder dem Existentialismus sei nun die Ära des Deprimismus angebrochen, deren kraft- und willenlose Vertreter der gehobenen Mittelschicht entstammten (wie der Figaro litteraire konstatierte), also keineswegs mit schmutzigen Slums, versifften Vororten und kleinkrimineller Trostlosigkeit zu kämpfen hätten.

Auch Houellebecqs junger Informatiker unternimmt gerade einmal einen halbherzigen Fluchtversuch. Als er endlich einmal reagiert, ist es schon längst zu spät: "Das Büro war voller Leute. Ein Mädchen trat ein und schimpfte los, ich würde zu viel rauchen, es sei unerträglich, daß ich nicht die leiseste Rücksicht auf die anderen nähme. Ich antwortete mit ein paar Ohrfeigen. Sie starrte mich an. Offenbar war sie so etwas nicht gewöhnt. Es verging eine Weile, dann sagte sie ,gut...', mit dämlich hängendem Kinn. Alle starrten uns an. Schweigen. Ich drehte mich um, rief mit lauter Stimme ,ich habe einen Termin beim Psychiater!' und ging hinaus. Tod eines Angestellten."

Houellebecqs Figuren zerbrechen an der Tristesse eines ganz normalen Büroalltags. Der Gedanke liegt nahe, daß der 41jährige die Leere, die er seinen Charakteren unterjubelt, aus eigener Erfahrung kennt. Nach dem Studium wurde er erst einmal arbeitslos, dann alkoholkrank und später schwer depressiv. Also gab er zwei Gedichtbände und Essays heraus. Vor ein paar Monaten hat er zum zweiten Mal geheiratet.

Edgar Schütz in FALTER 8/1999 vom 26.02.1999 (S. 70)


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