Die Stadt und das Haus

von Natalia Ginzburg

€ 21,40
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Übersetzung: Maja Pflug
Verlag: Wagenbach, K
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.09.1999

In ihrem letzten großen Roman ruft Natalia Ginzburg noch einmal die Figuren herbei, die wir schon in den früheren Romanen kennengelernt haben: Auf dem Höhepunkt ihres literarischen Könnens gelingt es ihr nicht nur, ein breites Panorama der Zeit zu entfalten, sondern auch von Schicksalen, die sich in unser Gedächtnis einnisten.
Die »Stadt«, das ist Rom, wo die meisten der Personen des Romans wohnen. Das »Haus« ist Le Magherite, das Haus von Lucrezia und Piero, wo sich am Wochenende eine Gruppe von Leuten trifft.
Auch in der sexuellen Revolution und der Befreiung von bürgerlichen Normen vermögen Natalia Ginzburgs Personen nicht, ihr Leben eigenständig zu lenken. Selbst wenn es jemandem gelingt, eine weitreichende Entscheidung zu treffen, scheint es hinterher immer die falsche gewesen zu sein: Denn alle Figuren scheinen an unsichtbaren Fäden zu hängen, die die Autorin freilich meisterhaft zu ziehen weiß.

Rezension aus FALTER 41/1999

In ihrem letzten großen Roman "Die Stadt und das Haus" wirft Natalia Ginzburg einen illusionslosen Blick auf die Generation der 68er – und nicht nur auf diese.

Ratlos sind sie immer, die Figuren in den Gesellschaftsromanen der italienischen Schriftstellerin Natalia Ginzburg. Nicht, weil sie dumm wären. Sie sind Gefangene ihrer privaten Schicksale und der politischen Umstände ihrer Gegenwart. Einfache Leute, denen die Zeit fehlt, über den Tellerrand ihres Alltags zu blicken. Einzig jener Roman, mit dem Natalia Ginzburg 1963 berühmt wurde, fällt aus dem Rahmen. "Familienlexikon" gehört heute in Italien zur Schullektüre. Nicht im Fach Literatur, sondern in Geschichte. Der Roman ist ein Dokument der Erinnerung zu den Jahren der faschistischen Diktatur. Als Mussolini 1922 nach Rom marschierte, war Natalia Ginzburg sechs Jahre alt und ihr Elternhaus in Turin ein bedeutender Treffpunkt der Antifaschisten. Was unter den Linken Rang und Namen hatte, besprach sich im Arbeitszimmer von Ginzburgs Vater. 1938 heiratete Natalia den jüdischen Untergrundverleger Leone Ginzburg, der 1944 in einem Gefängnis in Rom an den Folgen faschistischer Folter verstarb. Fortan musste sie ihre zwei Kinder alleine durchbringen.
Jeder Mensch braucht einen Hort der Geborgenheit. Diese These ist allen Büchern Ginzburgs gemein. In dem Briefroman "Die Stadt und das Haus", in dem ihr Blick auf die Generationen um die der 68er fällt, heißt er Le Margherite und ist das Landhaus von Lucrezia und Piero. Dort treffen sich jedes Wochenende in wechselnder Besetzung die Verwandten und Freunde. Giuseppe, Lucrezias ehemaliger Geliebter, wandert in die USA aus. Ein erstes Zeichen, dass sich Le Margherite bald auflösen wird. Lucrezia lässt sich auf das Experiment der freien Liebe mit Ignazio Fegiz ein und beendet trotz aller Warnungen ihrer Freunde die Zweckehe mit Piero. Le Margherite wird verkauft. Der Freundeskreis zerstreut sich. Lucrezia wird von Ignazio schwanger, doch der Egozentriker steht weder zu ihr noch zu dem Kind. Vereinsamt bleibt Lucrezia in ihrer römischen Wohnung zurück.
Mit der Revolte der 68er hatte Natalia Ginzburg, die 1983 über die Liste der Kommunistischen Partei Italiens zur Abgeordneten im Parlament gewählt wurde, so manche Probleme. "Findest du es nicht auch seltsam", kommentierte sie die Straßenkämpfe der langhaarigen Studenten, "dass das lauter Kinder reicher Leute sind?" Als im Juni 1968 während einer Demonstration Studenten auf einfache Polizisten losprügelten, schloss sie sich Pier Paolo Pasolinis Solidaritätserklärung mit den Polizisten (Pasolini: "Ein Stück Klassenkampf") an – schließlich repräsentierten diese die unteren Schichten der Gesellschaft.
Ginzburg hat Pasolini übrigens in "Die Stadt und das Haus" mit der Figur des schwulen Filmautors Alberico ein Denkmal gesetzt. Alberico repräsentiert als einziger Kontinuität in einer chaotischen Wohngemeinschaft, ist überhaupt die einzige Romanfigur, deren Haltung den Anforderungen der 68er-Ideale standhalten kann. Er allein weiß das Leben ohne bürgerliche Normen von schierer Verantwortungslosigkeit zu unterscheiden. Ein Grund, weshalb er – wie Pasolini – eines Nachts von Jugendlichen auf offener Straße ermordet wird.
Literarische Abrechnungen mit der gesellschaftlichen Revolte der 68er sind derzeit in Mode. Als Natalia Ginzburg 1984 "Die Stadt und das Haus" schrieb, waren es noch Romane der Sympathie. Ihr Briefwechsel zwischen den Generationen ist ein literarischer Beleg dafür, dass die neue Freiheit per se weder zum Schaden noch zum Nutzen gereicht. Jede Zeit legt den Menschen ihre eigenen Zwänge auf, und die waren – Ginzburgs früheren Romanen zufolge – eigentlich nur während des Faschismus wirklich gravierend. Zwar mag die Revolte der 68er die Regeln des Zusammenlebens verändert haben. Aber was hat das schon zu bedeuten, wenn die Bedürfnisse der Menschen die alten geblieben sind. Die wenigen Refugien einer neuen Freiheit und ihre Symbole – Drogen und Wohngemeinschaften – bleiben letztlich bedeutungslos.

Es ist wahr", schreibt Lucrezia an Giuseppe, "dass alle hin- und herfahren von Amerika, und es ist wahr, dass die Entfernungen heute nicht mehr existieren. (...) Egisto sagt, dass es zu einer anderen Zeit gehörte, über Entfernungen zu klagen." Den alten Graben zwischen Wunsch und Möglichkeit haben auch die 68er nicht überbrücken können. Ob in Fragen der Liebe oder in finanziellen Belangen. "Es ist wahr. Aber das Geld, um dich in Amerika zu besuchen, haben wir nicht, weder Egisto noch ich." Wenn an 68 etwas falsch war, so legt der Roman nahe, dann der Umstand, dass Ansprüche gestellt wurden, die die einfachen Menschen nicht einlösen konnten. Menschen wie Giuseppe, Lucrezia und das gesamte Personal des Romans, die allerdings auch dann besser in Le Margherite geblieben wären, wenn die Idee der freien Liebe nie existiert hätte.

Martin Droschke in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 18)


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