Verlieren ist eine Frage der Methode

von Santiago Gamboa, Stefanie Gerhold

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Verlag: Klaus Wagenbach
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 24/2000

Tyrannische Väter sind ein harter Brocken, an denen ihre Sprösslinge lebenslang zu schlucken haben. Ein Patentrezept gibt es nicht, und Mord gilt nach wie vor als umstritten. Bleiben Krankheiten als Defensivstrategie, die einen Heranwachsenden beispielsweise dann befallen, wenn der Vater als Österreicher noch in den Sechzigerjahren Hitlers Theorie des unwerten Lebens anhängt - und in jenem politischen Kreis aktiv ist, dessen Jugendorganisation Jörg Haider eine erste Plattform zur Agitation bietet. Kein Wunder also, dass den Sohnemann in Balduin Winters der Erzählung "Jugend eines Haies" auch während eines Familienurlaubs in Piran epileptische Anfälle überkommen. Markiert doch der Ausflug an die istrische Küste erstes Aufbegehren gegen die kindliche Bindung an die Eltern. Gleich hinter der Grenze wartet Ljubica, die Personifikation menschlicher Wärme. Jenseits der damaligen politischen Demarkationslinie wird der Junge erstmals eine große Alternative namens Liebe schmecken. Österreich, du Krankheitsherd!Patrick, uneheliches Kind eines irischen Pfarrers, zieht Selbstzerstörung dem Vatermord vor. Gewalt geht in "Breakfast on Pluto", dem jüngsten Roman des irischen Erfolgsautors Patrick McCabe nur von den Sprösslingen aus geordneten Verhältnissen aus. Während sie - wir befinden uns in den Siebzigern - London im Auftrag der IRA mit Bomben terrorisieren, kauft sich Patrick Minirock und Lippenstift. Er straft seinen bigotten Pfarrersvater, der ihn verleugnet, indem er zum Transvestiten mutiert und seinen Unterhalt mit Prostitution verdient. Nachahmenswert ist das nicht. Patricks Strategie führt ihn direkt in die Klauen eines Psychiaters, in denen sie/er dem Autor den Roman vom Scheitern einer sexuellen Rebellion diktiert. Von wegen Befreiungsschlag - unrealistisch!Kolumbien kennt man hierzulande vor allem als Drogenumschlags- und Guerilla-Kriegsschauplatz. Dass dieses leidgeprüfte Land auch Korruption bis in höchste Kreise und kriminelle Grundstücksspekulation zu bieten hat, kann man sich denken oder aber besser: im prächtigen Krimi "Verlieren ist eine Frage der Methode" nachlesen. Dessen literarische Botschaft wiederum besteht darin, dass es in Kolumbien neben Gabriel Garcia Marquez noch andere lesenswerte Autoren wie den 35-jährigen Santiago Gamboa zu entdecken gibt.

Am Beginn des Thrillers steht wie so oft eine Leiche - ein grausam gepfählter Mann am Rande eines Sees nahe bei Bogota. Da sich die Polizei wenig interessiert zeigt, beginnt Victor Silanpa, Chronik-Reporter bei einer großen Tageszeitung, auf eigene Faust zu recherchieren. Immer weiter dringt er in den südamerikanischen Großstadtdschungel aus Korruption und Spekulation ein - und hat deshalb auch immer weniger Zeit für seine Freundin Monica, die ihn prompt verlässt. Silanpa muss deshalb besonders viel rauchen und trinken sowie sich mit einem Flittchen trösten; er berät sich mit einer Schneiderpuppe und einem Ex-Kollegen in der Psychiatrie, die aber beide weder beruflich noch privat wirklich weiterhelfen können. Währenddessen beginnen die Verdächtigen und ihre Komplizen einander abzuschlachten.

Wer die Bücher eines Henning Mankell verschlungen hat, wird auch den klug komponierten Krimi von Santiago Gamboa schätzen: Da gibt es einen ganz und gar nicht strahlenden Helden, der psychologisch einiges hergibt, eine üppige Ration Sex & Crime, nicht wenig literarische Raffinesse - und vor allem: 300 Seiten Spannung, die bis zum Ende etliche Überraschungen bereithalten.

Martin Droschke in FALTER 24/2000 vom 16.06.2000 (S. 63)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Breakfast on Pluto (Patrick McCabe)
Jugend eines Haies (Balduin Winter)

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