Träumer

von Carsten Probst

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Verlag: Klaus Wagenbach
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 11/2002

Genie und Wahn ist eine Krankheit, die bevorzugt männliche Jugendliche befällt. Bernhard, das Analyseobjekt aus dem Carsten-Probst-Roman "Träumer", scheint von Kindheit an dazu prädestiniert, das entsprechende Klischee mit echtem Leben zu erfüllen. Er schmeißt das Gymnasium hin, weil die Freiheit der einzige Weg zum Künstler ist. Er saugt alle Vitalität aus Verwandten und Freunden, denn einer allein kann die Kraft nicht aufbringen, die für eine kreative Weltleistung nötig ist. Angesichts des von Carsten Probst geschilderten Exzesses ist man als Leser doch ganz froh, dass ökonomische Rationalisierungsprozesse mittlerweile auch die Lebenswelt der Menschen erfasst haben. Genie und Wahn, das ist eine exorbitant gefährliche Krankheit, und der Autor bringt den Leser dazu, darunter zu leiden, dass Bernhards Jugendfreund und Bernhards Schwester den Patienten nicht einfach in einer psychiatrischen Anstalt abstellen, wo er früher oder später sowieso landen wird. Die beiden lassen sich auf Bernhards fixen Ideen ein, ordnen sich seinem Wahnsinn unter und sind am Ende selber reif für die Klapsmühle. Natürlich, auch postpubertäre Mädchen können aus der Welt fallen. Die Kanadierin Marie-Sissi Labrèche weiß einen Roman lang darüber zu erzählen, hat sie doch selbst erlebt, worum es in "Borderline" geht. Ihre stark autobiographische Protagonistin leidet unter Sexsucht. Ausgelöst wurde sie offenbar von der übertriebenen Angst der psychisch gestörten Mutter vor Kinderschändern und von der permanenten Drohung der Oma, das unartige Kind an solche zu verkaufen. Wenn Twen Sissi sich selbst zum Sexobjekt degradiert und als solches ihren Körper zum Missbrauch freigibt, verfolgt sie - so absurd das auch klingt - eine Strategie der Befreiung. Die Autorin hat den heftigen Stoff, den sie sich am Schrottplatz einer kaputten Kindheit geholt hat, brutal realistisch umgesetzt.

Martin Droschke in FALTER 11/2002 vom 15.03.2002 (S. 65)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Borderline (Marie-Sissi Labrèche, Hinrich Schmidt-Henkel)

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