Defilee der Liebe

von Sergio Pitol

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Übersetzung: Petra Strien
Verlag: Wagenbach, K
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 272 Seiten
Erscheinungsdatum: 15.02.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Den Globetrotter, Diplomaten, Übersetzer und Schriftsteller Sergio Pitol gilt es noch zu entdecken. In der barocken Komödie "Defilee der Liebe" lässt er einen österreichischen Exilanten erschießen.

Oft scheint Mexiko von Europa oder zumindest dem deutschsprachigen Teil desselben weiter entfernt zu sein, als es ein Globus vermittelt. Wie ist zum Beispiel zu erklären, dass der Wagenbach-Verlag sich jetzt des Werkes von Sergio Pitol annimmt und mit "Defilee der Liebe" einen Roman herausbringt, der im Original ("El desfile del amor") bereits im Jahr 1984 erschienen ist?

In Lateinamerika ist der 1933 in Puebla geborene und in Veracruz aufgewachsene Pitol ein Fixstern am Literaturhimmel. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass er - ausgezeichnet mit dem "Premio Herralde de Novela" und dem renommierten "Premio Juan Rulfo" - einer der höchstdekorierten Autoren des Subkontinents ist. Noch verwunderlicher wird die bisherige Ignoranz ihm gegenüber, wenn man weiß, dass Pitol ein wahrer Globetrotter war und als solcher - zuerst als armer Lebenskünstler, dann als Kulturfunktionär und Diplomat - lange Phasen seines Lebens in Wien, Budapest, Warschau, Prag, Paris, Rom oder beiden Teilen des ehemals geteilten Berlin verbrachte. Seine Übersetzungen aus dem Russischen, Polnischen und Englischen haben Nikolai Gogol, Anton Tschechow und Joseph Conrad in Mexiko bekannt gemacht. Pitol leistete also einen Brückenschlag zwischen zwei Welten, der bisher offenbar höchst einseitig wahrgenommen wurde.

Auch in "Defilee der Liebe" wird Pitols Beziehung zu Europa offensichtlich, selbst wenn es sich um einen höchst mexikanischen Roman handelt. Der Historiker Miguel del Solar, der an einem Buch über das Jahr 1914 arbeitet, als die Revolution ihre Hochblüte erlebte, erinnert sich 1973 an einen Vorfall aus seiner Kindheit im Jahr 1942, dem er auf den Grund zu gehen gedenkt. Bei einer tertulia in der Wohnung der ebenso kunstsinnigen wie partywütigen Delfina Uribe, die sich gerne und oft mit Intellektuellen, Künstlern, aber auch recht zwielichtigen Gestalten umgab, wurde seinerzeit der österreichische Exilant Erich Maria Pistauer erschossen.

Mit seinem Versuch, die Wahrheit über die Tat herauszufinden, wird del Solar zunehmend in einen sich immer schneller drehenden Strudel von Verdächtigungen, Halb- und Unwahrheiten, Lügen, Intrigen und Eitelkeiten hineingezogen, dem er nicht mehr entrinnen kann. Dass der Tote ein Österreicher ist, kommt nicht von ungefähr: Pitol taucht mit seiner temporeichen Komödie über Liebe und Verrat in das historische Mexico City ein, das als ein von europäischen Emigranten und Flüchtlingen geprägtes Babel präsentiert wird. Plausible Lösungen für den mysteriösen Vorfall bieten sich bald viele an. Ein Eifersuchtsdrama? Eine Tat im Agentenmilieu? Ein unglücklicher Unfall, ausgelöst durch übermäßigen Alkoholgenuss? Der detektivische Historiker scheitert letztlich aber an den unterschiedlichen Aussagen der von ihm befragten Zeugen, von denen jeder seine Gründe hat, nach all den Jahren eine zumindest subjektiv eingefärbte Version des Vorgefallenen aufzutischen.

Es scheint aber auch so zu sein, dass Pitol im Grunde nicht daran interessiert ist, Licht ins Dunkel dieses menschlichen Chaos schrulliger Gelehrter, intriganter Kunstliebhaber oder verhinderter Literaten zu bringen. Vielmehr geht es ihm darum, anhand überzeichneter Charaktere eine Art Sittenbild Mexikos oder zumindest seiner Boheme zu entwerfen.

Eine Lösung des Falles gibt es nämlich nicht, wobei den Leser manchmal die Angst überkommt, das entscheidende Wort oder Detail könnte im Dickicht der Pitol'schen Sprache verloren gegangen sein. Da erweist es sich als höchst praktisch, dass das Original in Mexiko vor fast zwanzig Jahren erschien und damit bereits Studienobjekt dortiger Literaturwissenschaftler war. "Diese Barockkomödie kann gar nicht zu einem logischen Schluss kommen", schrieb einer von ihnen, "weil es eine Metapher auf Mexiko ist, Bildnis einer Gesellschaft, wo die Wahrheit unaussprechlich und jede Erklärung ein Wunder ist." Ja, dann!

Edgar Schütz in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 12)


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