Paradies

von A.L. Kennedy, Ingo Herzke

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Klaus Wagenbach
Erscheinungsdatum: 01.01.2005

Rezension aus FALTER 41/2005

Himmel und Hölle

A.L. Kennedy begibt sich in "Paradies" ins lückenhafte Bewusstsein einer Alkoholkranken und zeichnet deren Absturz auf - nicht ohne nebenher eine große Liebesgeschichte zu erzählen.

Dieser Roman ist wie eine Blackbox. Man verschwindet darin und verliert jeglichen Kontakt zur Außenwelt. So jedenfalls geht es gleich zu Beginn der Protagonistin Hannah Luckraft, die sich in einem eher ungemütlichen Raum mit vielen fremden Menschen wiederfindet. Es ist 8.42 Uhr. Ein Zimmerschlüssel in ihrer Hand lässt darauf schließen, dass sie sich in einem Hotel befindet. Das Buffet, das vor ihr aufgebaut ist, sieht aus wie ein Frühstück. Der Blick aus dem Fenster deutet auf Flughafennähe hin. Der unerfreuliche Mann mit dem schütteren Haar scheint sie zu kennen. Doch sie erinnert sich an nichts. Wer ist dieser Fusselkopf? War das was? Und was war zuvor?

Hannah Luckraft hat Erfahrung mit solchen Lebenslagen. Sie hat eine gewisse Routine darin entwickelt, auf den Bewusstseinstrümmern ihres Daseins entlangzubalancieren. "Wie es passiert, ist immer eine lange Geschichte." So setzt diese 36-jährige Icherzählerin ein. Doch wie erzählt man die eigene Geschichte, wenn die Erinnerung verloren gegangen ist? Wie findet man nach einem totalen Filmriss ins Leben zurück? Von diesem verzweifelten Kampf um Orientierung handelt A.L. Kennedys Roman "Paradies" - neben zwei Erzählbänden und einem essayistischen Buch über den Stierkampf der vierte Roman der 1965 im schottischen Dundee geborenen Autorin, der nun auf Deutsch vorliegt.

Der Titel ist mit Vorsicht zu genießen. Das ersehnte Paradies ist immer nur der nächste Drink mit seinen unhaltbaren Versprechungen. Nach und nach tauchen einzelne Erinnerungsstücke aus der Bewusstseinsleere auf, kraftvolle Bilder einer Kindheit: die Eltern im Garten, der vorbildliche Bruder. Ein Foto in der Handtasche zeigt Robert, den Geliebten. Von diesem Bild aus ordnet sich das Leben neu. Robert ist Zahnarzt und ebenfalls Alkoholiker. Doch nichts verbindet so sehr wie das Trinken: "Es gibt keine tiefere Gemeinsamkeit." Hart und direkt schildert Kennedy die Sexualität, die den Rausch fortsetzt und steigert. Die Liebe der beiden Abhängigen wird zu einer Abhängigkeit voneinander. Gegenseitig helfen sie sich über den Zustand der Nüchternheit hinweg. Ihre Liebe ist echt und führt doch immer tiefer in die Selbstzerstörung. Dieses Dilemma macht "Paradies", das Protokoll einer Auslöschung und zugleich ein verstörender, dramatischer Liebesroman, luzide nachvollziehbar.

A.L. Kennedy begibt sich ganz und gar in die Psyche ihrer Heldin, die ständig damit beschäftigt ist, sich den nächsten Rausch plausibel zu machen und sich einzureden, aus freien Stücken zu handeln. Scharfsinnigkeit und Selbstlüge sind untrennbar miteinander verwoben, doch die Sprachmächtigkeit geht nie verloren; erzählt wird stakkatohaft im Präsens, weil es in diesem Bewusstsein nur die nackte Gegenwart gibt. Da kümmert das Geschwätz von vorhin so wenig wie der Kater am nächsten Morgen. Da zerfällt die Wahrnehmung in einzelne Augenblicke mit viel leerem Raum dazwischen. So entsteht die Innenansicht eines Deliriums im Endstadium: ein geradezu klaustrophobisches Erlebnis.

Das alles könnte kaum so spannend sein, wenn es sich bei Hannah Luckraft nicht um eine komplexe und intelligente Persönlichkeit handelte, die ihre hohe Sensibilität mit Alkohol steigern und abdämpfen will. Das Trinken ist für sie eine Methode, die Weltwahrnehmung richtig zu dosieren und sich dabei dem Glauben hinzugeben, sie selbst stünde am Mischpult und kontrolliere das Geschehen. "Es fühlt sich nicht so an, als sei das Trinken das Problem gewesen - eher so, als sei ICH es gewesen und werde es bald wieder sein", notiert Hannah in einem ihrer lichten Momente. Zweimal reist sie zu einer Entziehungskur in eine abgelegene Gegend Kanadas; einmal, weil sie von ihrer Familie dorthin geschickt wird, das zweite Mal, weil sie Robert dort vermutet. Zweimal reißt sie wieder aus, und zweimal landet sie wieder in dem Hotel am Rande aller Zusammenhänge, in dem der Roman beginnt.

So führt A.L. Kennedy die Wege ihrer Protagonistin als ausweglose Abwärtsspirale einer Süchtigen vor, deren Leben doch helle Momente kennt, Augenblicke des Glücks und der Liebe. Darin, dass sie beides zu zeigen vermag - Paradies und Hölle - liegt die Kraft dieser Prosa und dieser Autorin.

Jörg Magenau in FALTER 41/2005 vom 14.10.2005 (S. 73)


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