Zorngebete

von Saphia Azzeddine

€ 17,40
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Übersetzung: Sabine Heymann
Verlag: Wagenbach, K
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 128 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.03.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Sozialer Aufstieg unter Einsatz des Körpers

Saphia Azzeddines "Zorngebete" ist ein schonungsloser Roman über eine kämpferische junge Muslimin

Es ist heiß in Tafafilt, einem winzigen, ärmlichen Dorf irgendwo in einem arabischen Land, vielleicht in Marokko. Hier wohnt Jbara mit ihrer Familie in einem Ziegenlederzelt und hütet Schafe. Wenn sie ihrem Vater sagt, es sei zu heiß, schlägt er sie – wegen Gotteslästerung. Allah, sagt er, mache das Wetter. Wie kann man sich da über seine Schöpfung beklagen?
Jbara beherrscht noch ganz anderes Vokabular. Da würde ihr Vater sich wundern, hörte er, wie sie uns Lesern gegenüber mit Feuer und provozierender Direktheit erzählt: von ihren Treffen mit Milhoud, der stinkt, weil er sich nie wäscht, der sie aber mit Granatapfeljoghurt bezahlt; von ihren drei Leben, in die sie uns mitnimmt, nachdem, wie im Märchen, von einem vorbeifahrenden Touristenbus ein rosa Koffer heruntergefallen ist – mit Geld für die Flucht aus diesem Dorf.
Denn inzwischen ist ihre Schwangerschaft unübersehbar, und der Vater hat die Tochter verstoßen. "Zorngebete" ist der deutsche Titel dieser derb pochenden "Confidences à Allah" (Originaltitel), und das trifft es ganz gut: Zornig geht die Erzählerin mit Allah ins Gericht.

Noch stärker ist ihre Wut auf den Mann im Dorf, der sich als Vertreter Allahs aufspielt. Er lässt sich seine Lehren und Geschichten mit ihren Lieblingsschafen bezahlen und unterbricht an der spannendsten Stelle, für noch ein Schaf. Jbaras Eltern glauben ihm alles: Frauen müssen Schleier tragen, ihre Fesseln bedecken, die Klappe halten und in der Küche bleiben.
Saphia Azzeddine, 1979 im marokkanischen Agadir geboren, wuchs behütet auf, seit dem neunten Lebensjahr in Frankreich. Als Schauspielerin bekannt (u.a. "Fasten auf Italienisch"), hatte sie zuletzt Erfolg mit dem Regiedebüt zu ihrem zweiten Roman "Mein Vater ist Putzfrau" (2011). "Zorngebete" ist ihr erster Roman, der 2008 erschien und vom Theater Avignon auf die Bühne gebracht wurde, was man sich gut vorstellen kann, weil Jbara eine unterhaltsame, deutliche Erzählerin ist, die alle Klischees einer unterdrückten, scheuen, verschleierten Frau an die Wand spielt.

Im Rahmen ihrer Entwicklungschancen gelingt ihr eine Art sozialer Aufstieg, unter Einsatz ihres Körpers als natürliches Kapital. Nach der eiligen Straßengeburt, dem Verlust ihres Kindes und einem ersten eigenen Zimmer gegen Blowjobs steigt Jbara vom Dienstmädchen im Herrenhaus zur Edelnutte eines Scheichs auf, bevor sie nach einem Gefängnisaufenthalt und zwei herausgebrochenen Zähnen ein drittes Leben als verheiratete Frau antritt, gequält von einer Schwiegermutter, für die sie die Sklavin des Sohnes ist.
"Zorngebete" ist der erschreckend sachliche, schamlose Bericht einer furchtlosen, gleichwohl sensiblen Überlebenskünstlerin. Dass Jbara ihren Stolz nie verliert, ist das eigentlich Überraschende, Faszinierende an diesem Roman. Dabei hätte sie allen Grund dazu.
Jbara ihrerseits spuckt ins Essen, das sie den Reichen zubereitet. Ihre größte Waffe gegen deren abgrundtief ordinäre Welt ist aber die Sprache, die Innenwelt, die sie den Mächtigen entgegensetzt. Und ihre leise Zwiesprache mit Allah, dem sie Rechenschaft ablegt über ihr Leben. Dass sie nur zwischen unterschiedlichen Arten des Elends wählen kann, ist bedrückend. Selten hat man davon so direkt gelesen.

Anja Hirsch in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 24)


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