Alle, außer mir

von Francesca Melandri

€ 26,80
Derzeit nicht lieferbar

Übersetzung: Esther Hansen
Verlag: Wagenbach, K
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 608 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.06.2018


Rezension aus FALTER 30/2018

Mussolinis Verbrechen in Afrika: Und wo warst du, Vater?

Es ist ein kurzes, grausames Kapitel der italienischen Geschichte. Die faschistische Kolonialpolitik in Abessinien (heute Äthiopien) schreckte auch vor Rassengesetzen und Massenmorden nicht zurück. Die Autorin Francesca Melandri erzählt diese vergessene Geschichte als Familienepos, in deren Mittelpunkt die römische Lehrerin Ilaria steht, die plötzlich die Welt nicht mehr versteht. Ein junger Mann aus Äthiopien behauptet, der Enkel ihres Vaters zu sein. Was hat ihr Vater zu jener Zeit in Afrika für Dinge getan?



Das Buch arbeitet mit den Mitteln der historischen Reportage. Am besten sind jedoch die Kapitel über die Gegenwart der Protagonistin, die Jahre von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Melandri beschreibt den Verfall der öffentlichen Debatte und stellt einen Zusammenhang zwischen Berlusconis Vulgarität und der Gleichgültigkeit gegenüber der Historie her. Im Unterricht erlebt die Lehrerin die Verrohung der Sprache und die Preisgabe humanistischer Ideale.



Der Zweifel an der eigenen Herkunft geht mit der Unsicherheit über das eigene moralische Urteil einher. Mit dem neuen Verwandten konfrontiert, reagiert Ilaria zunächst misstrauisch. Die Angst vor dem Fremden äußert sich auch im Alltag, den Ilaria in einem heruntergekommenen, von Migranten bewohnten Viertel der Hauptstadt bewältigen muss.



Die Erzählerin nimmt sich viel Zeit, um den Geschwistern, Eltern und Großeltern auf beiden Kontinenten eine Individualität zu geben. So macht sie die Lebenswege anschaulich und deren Charaktere plastisch. Im Laufe des Buches nimmt allerdings die Rekonstruktion der Vergangenheit überhand, was das Tempo bremst. Die Imperiumsträume Mussolinis lassen sich in einer wissenschaftlichen Abhandlung besser vermitteln.



Gleichwohl gelingt Melandri über weite Strecken ein spannendes, mit flottem Strich gearbeitetes Gemälde. Die Figur Mussolini wird von jener Berlusconis überlagert, die den Rassismus hoffähig machte und mit dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi Deals über die Rückführung von Flüchtlingen schloss. Klingt irgendwie bekannt.

Matthias Dusini in FALTER 30/2018 vom 27.07.2018 (S. 28)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen