Saison der Wirbelstürme

von Fernanda Melchor

€ 22,60
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Übersetzung: Angelica Ammar
Verlag: Wagenbach, K
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Die Vergessenen oder Die Medusa von La Matosa

In „Saison der Wirbelstürme“ leuchtet Fernanda Melchor einen besonders finsteren und hoffnungslosen Winkel Mexikos aus

Dieser Roman führt auf direktem Weg in die Hölle. In La Matosa, in der tiefsten mexikanischen Provinz, entdecken Kinder im Wasser zwischen Schilf und Plastikmüll einen halb verwesten Leichnam. Das Gesicht ist zu einer Fratze verzerrt, aber alle wissen, wer die Tote ist: La Bruja, die Hexe. Auf sie richteten sich der Hass, die Ängste, aber auch die Hoffnungen. Von sagenhaftem Reichtum wurde gemunkelt, aber auch von perversen Exzessen, die sich in ihrem heruntergekommenen Haus abgespielt haben sollen. Sie war das Opfer von Unterstellungen, Verleumdungen und Lügen, sie saß im Auge eines sozialen Hurrikans, dem das ganze Dorf zum Opfer fiel.

„Saison der Wirbelstürme“ nennt die mexikanische Autorin Fernanda Melchor ihren Roman, der nur von Verlierern erzählt: nicht von irgendwelchen Verlierern, sondern von jenen Menschen, die ihr Leben ganz unten fristen, für die vom Wohlstandsversprechen der globalen Wirtschaft gerade noch ein Paar Adidas-Sneaker, schlechtes Rauschgift und raubkopierte Pornofilme abfallen.

Ja doch, es gibt auch Polizei in La Matosa, vollständig kollabiert ist die staatliche Ordnung noch nicht. Dass die Hexe ermordet wurde, steht außer Frage, bei der Suche nach dem Täter hält sich der Kommissar nicht lange mit rechtsstaatlichen Umständlichkeiten auf. Bald steht der Kreis der Verdächtigten fest, eine Gruppe junger Männer, Buben fast noch, alle um die 14 Jahre alt, aber so zynisch, abgebrüht und desillusioniert, wie man in anderen Weltgegenden, wenn überhaupt, erst viele Jahre später ist. Ihren Vater kannten sie oft genug gar nicht, die Mütter waren gerade keine Kinder mehr, als sie zum ersten Mal schwanger wurden. Für manche von ihnen war die Hexe die letzte Hoffnung, denn sie kennt sich mit Abtreibungen aus – was ihr freilich Vorwürfe ihrer heuchlerischen Umgebung eintrug.

Die jungen Männer von La Matosa kennen nur Hoffnungslosigkeit, die Demütigung geben sie an die jungen Frauen weiter, die vergewaltigt, verachtet und ausgenutzt werden.

Ein einziges Mal gibt es glücklichen Sex in diesem Buch: Norma ist gerade mal 13, Pepe ihr Stiefvater. Ihre Mutter, die sie mit ihm betrügt, hatte ihr bei früherer Gelegenheit erklärt, dass sie sich vor den Männern hüten solle, die seien nämlich alle Dreckskerle.

Eigentlich ist Norma mit Lusimi liiert, dem mutmaßlichen Mörder der Hexe – und überhaupt ist es gar nicht so einfach, die Beziehungsgeflechte in La Matosa zu überblicken, sie erinnern nicht zufällig an die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse in der griechischen Mythologie: Als ihre Leiche gefunden wird, wuseln um den Kopf der Hexe schwarze Schlangen, als wäre es das Haupt der Medusa – auch sie ein Opfer der Männergewalt.

Fernanda Melchor erzählt in einem atem- und absatzlosen parataktischen Stil, in sieben Textblöcken, die aus den Perspektiven unterschiedlicher Figuren um den Mord kreisen, immer neue und andere Details und Beobachtungen ans Licht bringen, sodass am Ende ein dichtes Bild von La Matosa und seinen Bewohnern entsteht – zerrissen von archaischem Wunderglauben und dem wütenden Anspruch, auch seinen Anteil abzubekommen vom Glück und vom Wohlstand, den die weite Welt verspricht.

Wie Ruinen ragen aus diesem Bild ein heruntergekommenes Krankenhaus, das Untersuchungsgefängnis, eine Kirche heraus; offenbar gab es einmal Zeiten, in denen es in La Matosa so etwas wie eine funktionierende Gesellschaft gab. Dem wirtschaftlichen folgte der soziale Ruin, der sich in Armut, Rücksichtslosigkeit und Gewalt äußert.

Zu Beginn des Buches deutet Fernanda Melchor an, einige der folgenden Begebenheiten seien real, die Personen fiktiv. Am Ende dankt sie zwei ermordeten Journalisten, auf deren Recherchen sie während der Arbeit an ihrem Roman zurückgreifen konnte. Dass dieser eine vergessene und verdrängte Realität der globalen Ungerechtigkeit zum Thema hat – diesen beklemmenden Verdacht wird man schon während der Lektüre nicht los.

Tobias Heyl in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 22)


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