Mendelssohn auf dem Dach

von Jiri Weil, Philip Roth

€ 22,60
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Übersetzung: Eckhard Thiele
Verlag: Wagenbach, K
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Der Henker ist tot, die Maschine läuft weiter

„Mendelssohn auf dem Dach“ von Jiří Weil zeichnet ein erschütterndes Bild des von den Nazis besetzten Prag

Auf dem Dach des „Hauses der deutschen Kunst“ in Prag steht die Statue eines Juden. Der muss weg, so hat es der Stellvertretende Reichsprotektor Böhmen und Mährens, Reinhard Heydrich, persönlich verfügt. Die Befehlskette endet bei Bečvář und Stankovský, die allerdings keine Ahnung haben, wie sie die richtige Figur identifizieren sollen, deren Namen nirgends vermerkt sind. Die Option Nasenvermessung scheidet aus, denn der mit dem größten Riechorgan ist eindeutig Richard Wagner, der einzige, den die beiden erkennen.

Also treibt Rottenführer Schulze Zwei im Auftrag von Untersturmführer Wancke und unter Misshandlung von Richard Reisinger den gelehrten Dr. Rabinowitsch auf, der zwar weiß, dass Felix Mendellsohn-Bartholdy getauft und ergo gar kein Jude war, die Statue aber auch nicht identifizieren kann – das gelingt erst der Frau von Scharführer Krug nach Rücksprache mit der cellospielenden Frau Ohnesorg, worauf Bečvář und Stankovský sich zu einer vorsichtigen Lösung entschließen: „Wir müssen sie abreissen, das ist klar, aber wir könnten sie vorsichtig umlegen, so dass sie nicht beschädigt wird. Und wenn der ganze Spuk vorbei ist, stellen unsere Leute sie wieder auf, was meinst du?“

Die Sache mit Mendelssohn auf dem Dach ist also erledigt (und dann kein Thema mehr), lange bevor auch nur die erste Hälfte des 1960 posthum erschienenen Romans von Jiří Weil um ist. Dem pikaresken Plot zufolge, könnte man „Mendelssoh auf dem Dach“ für einen Schelmenroman halten. Tatsächlich aber ist hier Schluss mit lustig. Am Ende sind fast alle Protagonisten eines gewaltsamen Todes gestorben oder befinden sich auf dem Weg dorthin. Das Leben geht weiter – abseits der Menschen: „Die Bäume wuchsen, siegreich und unsterblich. Sie gaben, und sie dienten, wennn sie sterben mussten, starben sie stehend.“

Auch Reinhard Heydrich versucht nach der Explosion der auf sein Auto geschleuderten Handgranate Haltung zu bewahren: „Ein deutscher Held stirbt stehend.“ Er hat das nicht ganz plangemäß verlaufene Attentat bekanntlich nicht überlebt. Aber das ist bei Weil nur eine kurze Episode, die am schrecklichen Verlauf der Geschichte nichst ändert, denn die Aktentasche mit den von Heydrich penibel ausgetüftelten Plänen zur Ermordung der Juden bleibt unversehrt in den Händen der Nazis.

Mit unerbittlicher Genauigkeit beschreibt Weil, wie die Räder der Vernichtungsmaschine ineinander greifen, die Menschen erfassen, diese deformieren, zu einem Teil des Systems machen und schließlich vernichten. Im Unterschied zu Fritz Langs Film „Hangmen Also Die“ (1943), für das Bertolt Brecht das Drehbuch schrieb, liegt der Akzent nicht auf dem heroischen Widerstand der Prager Bevölkerung, sondern auf der Mechanik des Terrors. Die Hoffnung, wenn schon nicht das eigene, so doch wenigstens das Leben von Kindern zu retten, wird zynisch und perfide als Hebel genutzt, um die Menschen zur Kollaboration zu nötigen. Der Roman enthält lange Passagen, die einfach nur protokollieren, wie Entscheidungen gefällt werden und Geschichte buchstäblich exekutiert wird.

Ein junger Bildhauer bekommt den Auftrag einen Galgen zu entwerfen, der Vorsitzende des Ältestenrates gibt dem Komandeur der Gettowache den Befehl weiter, „kriminelle Individuen“ als Henker zu rekrutieren. Und weil es solche nicht gibt, verfällt man auf die Idee, unter den Fleischern zu suchen: „,Wenn sich keiner von euch meldet, wird der gesamte Ältestenrat erschossen und ich auch!‘ Ein Fleischer lachte auf: ,Das würde uns nicht leid tun.‘ Der Kommandeur brüllte ihn an: ,Aber ihr werder auch erschossen!‘ Die Fleischer waren wie vom Donner gerührt. ,Wieso? Wieso wir?‘ Der Kommandeur sagte ruhig: ,Weil ich euch anzeige.‘“ ‘

Bei aller Illusionslosigkeit ist „Mendelssohn auf dem Dach“ aber kein vollkommen trostloser oder fatalischer Roman. Er erstellt eine Typologie der Niedertracht vom sadistischen Gestapo-Schergen über aalglatte Opportunisten bis zu den eiskalten Bürokraten des Todes, seine Sympathie gehören aber natürlich der anderen Seite: dem Ehepaar, das zwei jüdische Mädchen versteckt hält; den Pressefotografen, der heimlich das Elend dokumentiert und eine Werkstatt für gefälschte Ausweise und Papiere betreibt oder den Eisenbahnern: „Die Gestapo wusste genau, dass die Eisenbahner Feinde waren. […] Von den Waggons verschwanden die Plomben, die Begleitdokumente verschwanden, und Waggons mit Munition und Lebensmitteln blieben auf Abstellgleisen oder entlegenen Bahnstationen stehen.“

Verschoben werden aber nicht nur Züge, sondern auch allerlei Diebs- und abgepresstes Beutegut. Skulpturen und Figurinen kommen dabei eine leitmotivische Funktion zu. Sie stehen nicht nur auf Dächern und Brücken, sondern fast an allen Stellen des Romans, an denen es bedeutsam wird.

Im Besonderen gilt das für eine moderne Darstellung der Justitia, die nicht einmal ein schmieriger Profiteur wie Herr Smutný nehmen will, die aber auf gespenstische Weise gleichsam als schwarzer Peter ins Depot der Gestapo zurückkehrt, wo sie von der abergläubischen Verwalterin, einer baltendeutschen Puffmutter, der Vernichtung überantwortet wird: „Reisinger zertrümmerte die Statue mit dem Hammer. […] Nach einer Weile lagen nur noch schmutzigweiße bronzierte Bruchstücke auf dem Hof. Er fegte sie auf eine Schaufel und schüttete sie in die Aschtonne. Die Gerechtigkeit wird niemanden mehr stören.“

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 14)


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