Zoo
Von der Menagerie zum Tierpark, zahlr. Abb.

von Eric Baratay, Elisabeth Hardouin-Fugier, Julian Rothenstein

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Verlag: Klaus Wagenbach
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2000

Kulturgeschichte: Wie sich das Ausstellen von exotischen Tieren im Laufe der Jahrhunderte veränderte, wird von Eric Baratay und Elisabeth Hardouin-Fugier in ihrer "Zoo"-Studie rekonstruiert.
Das Ausstellen der ungezähmten Kreatur in Gesellschaften, die sich als zivilisiert betrachten, ist eine Konstante der Menschheitsgeschichte" - die Formen der Betrachtung variieren aber je nach Epoche. So lautet die Hauptthese des Buchs "Zoo", in dem Eric Baratay und Elisabeth Hardouin-Fugier seine vielfältigen Funktionen und Erscheinungsformen von der Menagerie zum Tierpark nachzeichnen. Ging es noch im 15. Jahrhundert um nichts weiter als einen Hof mit Nutztieren, so ließen sich Adelige seit dem 17. Jahrhundert barocke Naturtheater konstruieren, in denen exotische Tiere zusammen mit kunstvoll gestalteten Gärten zu einer "Szenografie" vereinigt wurden, die Vorstellungen eines Arkadien verkörpern sollte. Formvollendete Exemplare solcher Menagerien waren die Ensembles im Versailles des Louis XIV. und ab 1752 die kaiserliche Menagerie im Garten des Schlosses Schönbrunn.
Wenige Jahrzehnte nach der Gründung des ersten modernen Tiergartens - als Teil des Musee d'Histoire Naturelle in Paris im Jahre 1794 - bemächtigte sich dann das Bürgertum dieses kulturellen Raumes. Nach der Eröffnung des Zoological Gardens in London 1828 folgten mehrere weitere Gründungswellen am Kontinent. Gesucht wurde vom bürgerlichen Publikum meist genau das, was die bereits Adeligen gefunden hatten - ein wenig Erholung von der dreckigen Stadtluft, ein Stück Idylle, an dem man sich ungestört vom Pöbel treffen konnte. Aber dieses bürgerliche Zeitalter währte nur kurz; spätestens um 1900 war mit dem Ausbau der städtischen Infrastruktur der Massenandrang da.
Die Charakteristika des modernen Zoos sind nach der Meinung der Autoren damals wie heute eine Jagd nach immer neuen Arten und Prachtexemplaren, deren Aneignung durch so genannte "Akklimatisierungs"versuche, sowie die räumliche Einschränkung und Zähmung der exotischen Tiere. Der Glaube an die unerschöpfliche Verfügbarkeit der Lebewesen kam in der Bereitschaft zum Ausdruck, atemberaubende Sterblichkeitsraten scheinbar achselzuckend hinzunehmen. Die Rolle der Naturwissenschaften fügt sich scheinbar mühelos in diese Dialektik von Exotik und Tod ein. Dementsprechend museal blieb das Arrangement der Käfige in den Zoos lange Zeit. Man sammelte möglichst viele Arten, ohne zu wissen, wie sie unter fremden klimatischen Bedingungen überleben sollten. Spätestens im 20. Jahrhundert aber zeigte es sich, dass alle Akklimatisierungsversuche zum Scheitern verurteilt waren. Ein neues Ideal macht sich breit: Aus dem "Labor zur Domestizierung" werden die Zoos "Schaufenster einer Natur, mit der man in Berührung bleiben wollte". Dass die kunstvoll aus Beton erbaute "Natur" des beispielgebenden Tiergartens Hagenbeck wenig mit den tatsächlichen Lebensbedingungen der dort ausgestellten Tiere zu tun hat, steht auf einem anderen Blatt. Leider behandeln die beiden Autoren nur kurz den vom Leipziger Zoodirektor Heini Heidiger vorangetriebenen Einzug der Verhaltensforschung. Da sie diese Entwicklung für einen Fortschritt halten, sprechen sie lediglich etwas verschämt von ihren Ursprüngen "in den Dreißigerjahren", ohne die Verbindungen mit dem Nationalsozialismus zu thematisieren.
In heutigen Tiergärten ist für die Autoren der Reiz des Exotischen dem Wunsch gewichen, gezähmte Tiere zu sehen, mit denen man Freundschaften schließen kann - einer Sentimentalisierung der Tierwelt also, die von einer zunehmenden Privilegierung der Kinder ermöglicht und von der Medienwelt verstärkt wird. Letztlich outen sich die Autoren als eher moderate, aber bestimmte Zookritiker. So halten sie die in letzter Zeit hochgehaltene Rolle der Tiergärten beim Artenschutz für vernachlässigbar: Statistiken würden belegen, dass die Tiersterblichkeit entgegen allen Behauptungen, Zootiere lebten länger als in der Natur, nahezu konstant bleibe.

Mitchell Ash in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 25)


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