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Verlag: Klaus Wagenbach
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

Rezension aus FALTER 15/1999

Glikl und ich

Eine Essaysammlung der US-amerikanischen Historikerin Natalie Zemon Davis zeigt, daß die historische Biografie noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat.

Juden seien von jeher besonders für die Rolle des "Nur-Geschäftsmanns" prädestiniert gewesen. Der berühmte deutsche Ökonom Werner Sombart hat diese Behauptung damit begründet, daß Juden - anders als ihre christlichen Konkurrenten - nicht auf die Hindernisse einer "weltflüchtigen Religion" Rücksicht nehmen mußten.

Mit der Autobiografie der Geschäftsfrau Glikl bas Judah Leib (1646/47 bis 1724), die übrigens auch Sombart zitiert, widerspricht die Historikerin Natalie Zemon Davis diesen Thesen. Als Händler und Bankiers nämlich bildeten die europäischen Juden der frühen Neuzeit ein dichtes Netz vielfältiger sozialer Beziehungen. Geschäftliche Tätigkeit war also über den ökonomischen Erfolg hinaus eine interessante Beschäftigung, die "Initiative wecken und den Menschen intensiv beschäftigen konnte". Ein solches Argument konnte der rein funktionalistischen Perspektive, wie sie Sombart einnahm, nicht in den Blick kommen.

In diesem unmittelbaren Interesse am Beruf, das über die schlicht ökonomische Notwendigkeit hinausgeht, erkennt sich Zemon Davis wohl wieder. In ihrem Buch "Drei Frauenleben" (dt. 1996) hat sie Glikl ein ausführliches Porträt gewidmet, ihr Band "Lebensgänge" nun schließt mit einem autobiografischen Essay, in dem sie ihren eigenen Werdegang von der Tochter jüdischer Kleinbürger in der US-amerikanischen Provinz zur international renommierten Historikerin schildert.

Bemerkenswert ist dieses Leben nicht allein als Intellektuellenbiografie; Zemon Davis prägte mit ihren Themen und Methoden ein Stück weit den internationalen historischen Mainstream der Nachkriegsjahrzehnte, und sie kann von ihrer Arbeit so begeistert erzählen, daß einem der eigene Lebensweg, der bislang einen weiten Bogen um südfranzösische Provinzarchive machte, ein wenig verfehlt vorkommt.

Dieser autobiografische Essay erklärt auf sympathisch beiläufige Art, wie Zemon Davis fast zwangsläufig zu bestimmten Themen finden mußte, warum gerade die Biografie in vielen Fällen das ideale Medium ihrer Arbeiten wurde. Die biografische Methode schützt vor den Irrtümern der großen Theorien - siehe Sombart, siehe aber auch Marx, mit dem Zemon Davis ihre eigenen Erfahrungen gemacht hat. Wenn es um Akteure geht, die von der großen historischen Überlieferung ausgeschlossen blieben, als Frauen eben oder als Juden, liefert sie unverzichtbares Wissen.

Zemon Davis ist eine meisterhafte Leserin von (Auto-)Biografien - sie hat aber gleichzeitig als Autorin die Möglichkeiten der historischen Biografie enorm erweitert, und zwar mit jenen Kenntnissen, die Soziologie, Ethnologie und benachbarte Kulturwissenschaften in den letzten Jahrzehnten den Historikern vermittelt haben. Daß die Arbeit des Historikers keineswegs am Schreibtisch enden muß, beweist ihre Mitarbeit an der Verfilmung von "Le Retour de Martin Guerre", über die sie ebenfalls in diesem Band berichtet.

Wer die großen Bücher Zemon Davis' kennt, wird auch hier nur eine Fußnote zu ihrer Monografie über "Die wahrhaftige Geschichte der Wiederkehr des Martin Guerre" (dt. 1984) vermuten. Das ist natürlich nicht ganz falsch. Aber auch diese Geschichte ist ein wichtiger Beitrag zu ihrem Projekt, die großen Themen der Sozialgeschichte aus dem Raster der Statistiken zu befreien und mit leibhaftigen Akteuren zu bevölkern. Dieser Essayband bestätigt die Bedeutung ihres Unternehmens.

Tobias Heyl in FALTER 15/1999 vom 16.04.1999 (S. 73)


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