Wut
Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen

von Julia Ebner

€ 10,30
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Thomas Bertram
Verlag: wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2018


Rezension aus FALTER 15/2018

Meister der Vereinfachung und Polarisierung

Die Islamforscherin Julia Ebner vergleicht in ihrem neuen Buch Islamisten und Rechtsextreme - und findet sehr viele Parallelen



Julia Ebner ist eine bemerkenswerte junge Wienerin. Sie schreibt regelmäßig für den Guardian und wird von CNN, BBC und Al Jazeera interviewt. Das Wirtschaftsmagazin Forbes hält sie für eine der 30 interessantesten Europäerinnen unter 30 Jahren. Sie studierte den politischen Islam an der renommierten London School of Economics und erforschte in ihrer Masterarbeit das Phänomen der Selbstmordattentäterinnen. Vier Jahre arbeitete sie in einem Thinktank, der von ehemaligen Dschihadisten gegründet worden war, der Quilliam Foundation. Nun legt sie ein über 300 Seiten starkes Buch vor, in dem sie nicht nur die Parallelen zwischen Rechtsextremismus und Dschihadismus ausführlich erörtert, sondern auch, wie die beiden Extremismen einander bedingen und verstärken.

Anlass dafür war die Ermordung von Jo Cox, der britischen Parlamentarierin, durch einen Rechtsextremen. Für ihr Buch war Ebner undercover in beiden Szenen an ganz unterschiedlichen Orten unterwegs: Sie setzt sich in den Zug in die englische Provinz und verbringt den Vormittag mit der rechtsextremen British Defense

League, den Abend mit Islamisten von Hizb ut-Tahrir. Sie besucht die Vorstädte von Paris und Nizza, spricht mit Identitären und Pegida-Anhängern ebenso wie mit Dschihadisten und sie loggt sich mit falscher Identität in die Chatforen der

Extremisten ein. Das Interessante an diesem Buch ist, neben dem breiten Wissen der Autorin, ihre mutige Neugierde. Sie sucht das direkte Gespräch, sie will zuhören und verstehen und das Gemeinsame, nicht das Trennende sichtbar machen.

Das Ergebnis ist ein flüssig geschriebenes Buch, das von dieser Kombination aus eher journalistischer Undercover-Recherche mit wissenschaftlichem Background profitiert. Ebner wechselt zwischen erzählenden Passagen und analytischen Betrachtungen, die allerdings manchmal etwas zu weit ausholen und zu viel erklären wollen. Während man wenig darüber erfährt, was die rechtsextreme und die dschihadistische Ideologie möglicherweise auch unterscheidet, werden die Gemeinsamkeiten und die wechselseitige Verstärkung so höchst plausibel – vor allem dort, wo sie an einem Ort parallel auftreten.

Die Geschichten der Rechtsextremen wie der Islamisten folgen dem gleichen Meta-Narrativ, nämlich der Unausweichlichkeit eines Kampfes zwischen dem Islam und dem Westen. Die einen halten den Islam für das einzige Problem, die anderen für die einzige Lösung. Beide sehen sich als Opfer, fühlen sich in ihrer kollektiven Identität und Würde angegriffen, sehen die eigene Gruppe durch „die Anderen“ bedroht. Die einen wie die anderen rufen dazu auf, sich zu wehren und vor allem wehrhaft die Frauen der eigenen Gruppe zu verteidigen, die von den jeweils anderen vergewaltigt und entblößt würden. Beide befördern und

instrumentalisieren den Verlust des Sicherheitsgefühls, streben nach Polarisierung und teilen apokalyptische Zukunftsvisionen sowie radikale Erneuerungsfantasien.

In beiden Ideologien werden aus Grauzonen Schwarz-Weiß-Erzählungen mit scheinbar einfachen Lösungen. An allen von Ebner besuchten realen und virtuellen Orten reagieren Rechtsextremisten und islamistische Extremisten auf die Rhetorik und Handlungen der jeweils anderen und radikalisieren einander so weiter. Weder der Islamismus noch der Rechtsextremismus, so ist Ebner überzeugt, lassen sich isoliert bekämpfen. Vielmehr muss – zusätzlich zur Ausstiegsarbeit mit Extremisten – die Mitte der Gesellschaft in ihrer Fähigkeit gestärkt werden, binäre Weltbilder zu hinterfragen, Fake-News als solche zu erkennen, Grauzonen und Diversität auszuhalten und das Gemeinsame über das Trennende zu stellen.

Veronika Hofinger in FALTER 15/2018 vom 13.04.2018 (S. 20)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen