Überall Blut

von Rafael Reig, Susanna Mende

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rogner & Bernhard
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Rafael Reigs Roman "Überall Blut" schickt
einen desolaten Detektiv durch ein von den Amerikanern besetztes Madrid.

Was ist ein "postmoderner" Roman? Versuchen wir es mit einer unvollständigen Liste: Formal ist er geprägt durch einen Mix der Genres, wobei die Unterscheidung zwischen "hoher" und "niederer" Literatur hinfällig wird. Trash und Theorie sind ihm kein Widerspruch, Anspielungen und Verweise auf andere Literatur, vor allem aber auf Trivialmythen, gehören zum guten Ton. Durch die Verwendung trivialer Muster scheint er an die Lebenswelt gegenwärtiger Leser anschlussfähiger zu sein als der klassische moderne Roman. Er ist selbstreflexiv auf ironische Weise und verfügt in den besten Fällen über ein großes Wissen, was Ästhetik und Philosophie anbelangt, ohne diesem ganz zu trauen. Meist erscheint die Welt in ihm als großer Verschwörungszusammenhang, der das soziale und wirtschaftliche Leben von Grund auf korrumpiert hat. Die Großmeister dieses keineswegs immer leicht zu konsumierenden literarischen Postmodernismus sind die Amerikaner Thomas Pynchon und William Gaddis.
Rafael Reigs Roman erfüllt diese Liste fast mustergültig, was für sich genommen noch keinerlei Qualitätsbeweis ist, wäre "Überall Blut" nicht das überraschend spannende Produkt einer glücklichen Paarung von Witz und Intelligenz. Alle seine Figuren sind Kunstfiguren bzw. künstliche Figuren, das heißt, sie sind alles andere als lebensnah; und doch eignen sie sich hervorragend für eine identifikatorische Lektüre. Das Buch ist schnell und in einem Zug zu lesen, was nicht als billiger Seitenhieb auf die "schwierige" Literatur verstanden werden soll.
In einem wilden Parforceritt aus Science-Fiction, Kriminalroman, Western und Erotikthriller führt Reigs Buch in ein fiktives Spanien, das so aussieht, wie es aussehen könnte, wenn man die Logik aktueller politischer Ereignisse überdreht: Nachdem in Madrid die Kommunisten einen Wahlsieg errungen haben, besetzen die Amerikaner das Land. Englisch wird zur Pflichtsprache. Die Iberische Halbinsel wird von einem Kanal, der sich auch durch die Hauptstadt zieht, in zwei Hälften geteilt. Die Ölreserven sind aufgebraucht, das Fahrrad wurde zum Hauptverkehrsmittel; auf riesigen Schrottplätzen sind die Reste des Automobilzeitalters versammelt. Die Firma Teléfonica finanziert illegale gentechnische Experimente des alles beherrschenden Chopeitia-Konzerns.
In Madrid, das aussieht, als wäre es der Kulisse von "Blade Runner" nachgebildet, geht der unablässig Whiskey trinkende und fürchterlich schlecht gekleidete Privatdetektiv Charles Carlos Clot seiner Arbeit nach. Unverkennbar ist Clot ein literarischer Klon aus Philipp Marlowe und Sam Spade. Drei Fälle mit drei Frauen im Mittelpunkt sind Clots Problem. Alles hängt mit allem zusammen, nicht zuletzt das desolate Privatleben des Detektivs mit dessen Arbeit.
Eine der genannten Frauen ist verschwunden, Clot soll sie im Auftrag ihres Vaters wiederfinden; eine andere wird von ihrem Ehemann der Untreue verdächtigt, und die dritte ist einem Bestsellerautor, der Westernromane schreibt, aus einem unfertigen Manuskript davongelaufen. Inmitten religiöser Eiferer, verrückter Schriftsteller und einem dichten mafiosen Netz sucht Clot unerschütterlich nach den Schuldigen, ein melancholischer Wahrheitssucher inmitten der Lüge.
Reigs Roman nimmt Anleihen bei Woody Allens "The Purple Rose of Cairo", einem Film, in dem die Leinwandhelden aus ihrer immateriellen Existenz befreit und zu Personen im wirklichen Leben werden. An den Science-Fiction-Autor Philipp K. Dick, Autor der Romanvorlage von Ridley Scotts "Blade Runner", erinnert, wenn Menschenteile für genetische Experimente missbraucht werden. Nicht nur Buchstabenhelden reiten durch die Seiten der Geschichte und blicken in einen Sternenhimmel, der von ferne an den Himmel über Wyoming oder Oklahoma erinnert, es geistern auch Figuren durch die Geschichte, hinsichtlich deren biologischer Existenz Zweifel angebracht sind.
Irgendjemand muss doch auch die "Drecksarbeit" machen, räsoniert Clot, der sich darüber ärgert, mit welcher Verachtung die hochnäsigen Kritiker seinen Mandanten, den Bestsellerautor der Westernromane, behandeln (und der wider jede Vernunft, wie Clot findet, an dieser Ignoranz zugrunde geht).
Clot ist hier ganz die Stimme des stummen Lesevolkes, das ermattet vom Tagwerk in der U-Bahn Romane liest, die in Eskapismus münden und keinerlei formale Innovationen bieten. Wie die meisten Literaturbetriebssatiren ist auch die von Rafael Reig zu platt geraten. Dieses Manko ist aber die Ausnahme. Ansonsten ist der Autor so sattelfest wie der Westernheld, den er Clot bei seinem Kampf zur Seite stellt.

Der 1963 in Spanien geborene Reig verbrachte seine Kindheit in Kolumbien und studierte Literatur in den USA. Er unterrichtet spanische Literatur des 19. Jahrhunderts an der Saint Luis University in Madrid und gibt eine Zeitschrift mit dem wenig akademischen Titel Crazy Virgins heraus.
"Überall Blut" ist Lesestoff für Ermüdete wie Ausgeschlafene gleichermaßen. Wie die Bücher Italo Calvinos auf andere Weise, stellt der Roman die Frage, in welchem Verhältnis Leser und Gelesenes zueinander stehen. Das ist unterhaltsam und lehrreich, nicht nur weil rhetorische Figuren wie Ungeziefer die Wände hochklettern und der Roman den Western rehabilitieren möchte, der im Schatten des längst von der Kritik nobilitierten Kriminalromans steht.
Mit den Romanen Pynchons und Gaddis' kann es "Überall Blut" nicht aufnehmen. Rafael Reig hat sich den Spaß erlaubt, die Schraube weiterzudrehen, und eine Parodie auf den "klassischen" postmodernen Roman verfasst. Das ist ihm zum offensichtlichen Vergnügen aller – der Leser, des Autors und der Romanhelden – gelungen.

Bernhard Fetz in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 20)


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