Cool

von Ulf Poschardt

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Verlag: Rogner & Bernhard
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/2001

Der deutsche Publizist Ulf Poschardt schreibt in seiner eigenwilligen Abhandlung über den Begriff "cool" von der Erkaltung der Welt.Und über mögliche Strategien, daraus Lust zu beziehen.

Die erste Geburt des "Cool" fand in den Zwanzigerjahren statt. Als Marcus Garvey, früher Kämpfer für die Rechte der Schwarzen in den USA, seinen Anhängern "Keep cool!" zurief, vermittelte er nicht nur eine Haltung, mit der es einem möglich wurde, das bestehende Elend in Würde auszuhalten, weil man sich seine Verletzung nicht anmerken ließ. "Keep cool" signalisierte auch, dass man sich so weit unter Kontrolle hatte, um jederzeit gezielt zuschlagen zu können: "Coolness" als Waffe.

Ästhetisch - im Sinne von vorzeigbaren Posen, die innere Haltungen transportieren - wurde "Cool" erst in den Fünfzigerjahren geboren. Es waren vor allem die Musiker des Cool Jazz, die ihre Emotionalität herunterdimmten und zu einer neuen Form der Zurückhaltung fanden, die der Musik nicht mehr die Aufgabe überantwortete, von den Gefühlen ihres Produzenten zu erzählen. Die Musik, die Chet Baker spielte, "fühlte sich von ihm verlassen", schreibt der Schriftsteller Geoff Dyer.

"Cool", so viel ist offensichtlich, geht von Distanz aus, auch wenn wie beim Cool Jazz die Leidenschaft Grundbedingung bleibt und das "Coole" die "meisterhafte Inszenierung eines heißen Herzens" ist. "Cool", wie Poschardt es versteht, ist Panzer und Schutzschild, und in gewissem Sinne auch eine Umkehrung von bürgerlichen Werten, die nostalgisch an Wärme und Nähe festhalten, wo schon längst allgemeine Entfremdung um sich gegriffen hat. "Cool" hingegen geht davon aus, dass Distanz die Grundbefindlichkeit moderner menschlicher Existenz geworden ist.

Ulf Poschardt, der mit seiner Geschichte der "DJ-Culture" und seinem Essay "Anpassen", über Mode als Kommunikationsform im und gegen das Spannungsfeld Bürgertum, zu einem "virtuosen Verwalter zeitgenössischer Erkenntnis" (Diedrich Diederichsen über Poschardt) wurde, unternimmt mit seinem jüngsten Buch "Cool" den ebenso ehrgeizigen wie originellen Versuch, einen Begriff, der so inflationär und unbestimmt verwendet wird wie jener des Pop, zum nicht minder unübersichtlichen Bedeutungsfeld "Kälte" und all seinen gesellschaftlichen Implikationen in Beziehung zu setzen.

In der abgekühlten Welt des 20. Jahrhunderts boomen die Kältemetaphern - vom Kalten Krieg bis zu "Fräulein Smillas Gespür für Schnee". "Coolness" reagiert auf diese Abkühlung, sie ermöglicht dem Menschen, "in der Kälte zu leben, statt in ihr zu erfrieren". Man kann auch sagen, sie entwickelt Strategien, die Kälte und Entfremdung genießbar zu machen, das heißt, aus der Opferrolle herauszutreten, sich einen Schutzraum der Unantastbarkeit zu schaffen, der nicht nur ermöglicht, in den "Minusgraden der Moderne" zu überleben, sondern sogar eine Freiheit daraus gewinnt. Andy Warhol wünschte sich, als großer Ring am Finger von Liz Taylor wieder geboren zu werden. Damit schließt sich der Künstler freiwillig kurz mit der zunehmenden Materialisierung des Lebens und feiert die für andere so bedrohliche Verdinglichung des Subjekts.

Dass "cool" eine schwierige Gratwanderung zwischen "souveräner Stilisierung" und "pathologischer Autodestruktion" ist, an der viele scheitern - auch davon zeugen so manche Geschichten dieses Buches. Sympathisch "uncool" ist die Begeisterung Poschardts für Ian Curtis, den Sänger der legendären Joy Division, dem es nie gelang, einen "coolen" Weg einzuschlagen, indem er für seine Verletzlichkeit eine schützende Stilisierung findet. Gleichwohl hat Curtis, der "die Unmöglichkeit, sich zu leben" besingt, dem Pop eine Möglichkeit der "Poetisierung der Entfremdung" gezeigt.

Auch Poschardt hat als Autor eine "coole" und eine "uncoole" Seite. "Cool" ist, wie er sich mit Wissen zupanzert, wie er sein Material quer aus den Jahrhunderten von antiker Stoa bis Cybersex, von Schiller bis zu den Sex Pistols, von Heidegger bis Zizek herholt und verbindet; wie er quer durch die Genres von Bernhards frühem Roman "Frost" bis zu den Achtzigerjahre-Kultfilmen "Betty Blue" und "9 1/2 Wochen" (mit Mickey Rourke als "Pseudo-Ikone des ,Cool', da seine Haltung geklont werden kann") zappt und an einer umfassenden und doch recht offenen Theorie bastelt.

Angenehm "uncool" ist, dass man trotzdem merkt, wie Poschardt von seinem Thema fasziniert ist, wie der strenge und manchmal allzu ehrgeizige Wissenschaftler, der ganz viel auf einmal sezieren möchte, zugleich Fan ist, der interessante Perspektiven schafft - etwa da, wo es um den Flaneur und Rennfahrer James Dean als "Futurist nach zwei Weltkriegen" geht. Empfehlenswert ist auch das Kapitel über den bildenden Künstler Matthew Barney, der für die Wiener Staatsoper einen aktuellen eisernen Vorhang gestaltet hat, der schön mit der Ambivalenz des "Cool" und "Hot" spielt (was bei Poschardt allerdings nicht nachzulesen ist, weil das Buch vorher erschienen ist). In Barneys Arbeiten ist die Oberfläche stets "cool", glatt und steril, während die Motive oft aus dem Körperinneren kommen, von dort, wo es glitschig ist, und in einem spannend eigenwilligen Gedankenkosmos um Sexualität kreisen. Unter diesem Blickwinkel verwandelt sich das Gebirge im Hintergrund plötzlich in Schamlippen.

Wenig anfangen kann Ulf Poschardt mit der Frage nach Christoph Schlingensief, der sich gerne auf den "Wärmekünstler" Joseph Beuys bezieht, und in seinen neoaktionistischen Arbeiten radikal "uncool" im Sinne von undistanziert agiert. Schlingensief meint, uns stünde ein "neues Pathos" bevor. Poschardt lapidar: "Herr Schlingensief vermarktet die eigene Pathetik ambitioniert. Das darf nicht mit Analyse verwechselt werden." Wahrscheinlich ist Poschardt selbst zu "cool", um das Befreiungspotenzial des "Uncoolen" nachvollziehen zu können, das der erkalteten und scheinbar perfekt durchorganisierten Welt beharrlich Fehler, Peinlichkeit und Selbstbeschmutzung entgegensetzt.

Karin Cerny in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 20)


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