Electronic Vibration
Pop Kultur Theorie

von Gabriele Klein

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rogner & Bernhard
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/1999

"Ey, mach mal Party, Alter!"

Eine deutsche Soziologin und Extänzerin interpretiert das Phänomen Techno als technisch vermittelten massenkulturellen Stimulus, der die Korper kommunizieren und genießen läßt.
Kaum ein serioser Popwissenschaftler bezweifelt heute noch die Urknalltheorie. Glaubt man den Forschern, dann muß es im sagenumwobenen "Summer of Love" von 1988 gewesen sein, daß die Rave-olution auf der tanzwütigen britischen Insel eingeläutet wurde. Der Roland-TBR-303-Synthesizer wummerte seinen hypnotischen Baßlauf in die Eingeweide der juvenilen Horden, die Beats pumpten und die vielen bunten Smarties taten ihr Übriges beim Veitstanz der Entfesselten: "Can u feel it?"
Das Acid-Fieber verbreitete sich wie ein Lauffeuer - auch und gerade am Kontinent. Und es mutierte: zu House, Jungle, Trance, Ambient, zu Drum 'n' Bass und natürlich zu Techno. Die Epidemie erfaßte auch und vor allem Deutschland, das mittlerweile mit geschätzten 3,5 Millionen jugendlichen Interessierten den Lowenanteil an der globalen Community von 25 Millionen Techno-Infizierten stellt. Eine Million Love-Parade-Marschierer konnen nicht irren.
Ausgerechnet Deutschland also hat sich Ende der neunziger Jahre zum Vorzeige-Betriebsstandort der internationalen Partyindustrie gemausert - jenes Land, in dem die Intellektuellen immer schon besonders argusäugig das Heraufdämmern eines seinsvergessenen Konsumismus gegeißelt haben, in dem die große Verweigerung zumindest in den Studierstuben der Frankfurter Schule Hochkonjunktur hatte und man mit apodiktischen Verdikten wie "Fun ist ein Stahlbad" (Theodor W. Adorno) verzweifelt gegen die Zumutungen der Kulturindustrie agitierte.
Nur naheliegend, daß die Wächter der Kulturnation Deutschland dem Themenkomplex Techno/Rave wenig abgewinnen konnten. Entweder man kochte das Ganze in bewährt hysterischer Boulevardmanier zur üblichen Jugenddiskurs-Melange von Delinquenz, Drogenmißbrauch und Deppertsein auf. Oder man sah in bewährt grüblerischer Feuilletonmanier wieder einmal das Abendland untergehen. Von wegen "Move your ass and your mind will follow", wie ein euphorischer Slogan der britischen Band Age of Chance in den späten Achtzigern hieß.
Nun hat sich eine Soziologin und "ehemalige Tänzerin" des - in der Mainstream-Presse - immer noch merkwürdig unterbelichteten Themas angenommen. "Electronic Vibration - Pop Kultur Theorie" heißt ihr mehr als ambitioniertes Unterfangen. Ein Werk, das ausladend und erschopfend um Verständnis für die gute Sache bemüht ist. Glücklicherweise übrigens unter Verzicht auf handelsübliche Überfrachtungen der Rave-Gemeinde im Sinne einer "Wertegemeinschaft" - oder was die Soziologie sonst noch so an romantisierenden Platitüden für neue soziale Bewegungen im Kocher hat.
Wer aber dieses Verständnis bzw. gleich eine ganze Legitimationsschrift braucht, ist nicht so ganz klar: Die Ravehornchen dieser Welt werden auch ganz gut ohne kulturphilosophische Absegnung ihrer "primär über den Genuß und nicht über den Willen zur Distinktion, primär über den Leib und nicht über kognitive Prozesse" laufenden "Aneignung von Kultur" auskommen. Und für die halbwegs Informierten vermittelt dieses Buch wenig Neues: keine kühnen Mediendiskursanbindungen wie in Ulf Poschardts "DJ-Culture", keine abgedrehte Insider-Geheimwissenschaft aus den Giftküchen der vereinigten Nachtvogel, wie sie der Brite Simon Reynolds kürzlich mit "Energy Flash. A Journey through Rave Music and Dance Culture" vorgelegt hat.
"Electronic Vibration" verzichtet vollig auf eine musikimmanente Behandlung der Raving Society, und auch die ansonsten üblichen szeneinternen Historchen und Querverweise werden ausgespart. Denn Gabriele Klein geht es hier nicht um eine historische Materialauffächerung von Rave bis zu Speed Garage oder New Electronic Music. Statt dessen drehen sich all ihre intellektuellen Verrenkungskünste um ein zentrales Scharnier, nämlich um die fundamentale Bedeutung des Korpers in der heutigen Pop- und Dance-Kultur: "Man kann nichts mehr bewegen außer sich selbst - konnte das Motto der Clubber und Raver lauten."
Die spezifische Mobilmachung des Korpers durch Techno bzw. dessen neuartige Inszenierung und ästhetisierung beim kollektiven Tanzen ist es dann auch, die die Autorin als entscheidendes Kriterium zeitgemäßer Jugendkultur in den Blick zu bekommen versucht. Nun konnte man einwenden, daß sich der Hippie-Traum der großen Techno-Familie schon längst in diverse Tribes, Szenen und Subszenen ausdifferenziert und seine vereinheitlichende Sogwirkung daher verloren hat. So gesehen wäre dieses Buch einfach zu spät dran für die ungleich schnellebigere Popwelt - wie so oft.
Trotzdem: Techno als Projekt, also als Ausdruck verponter Musikvorlieben (Bum-tschak-bum-tschak) gegen die Geschmackshegemonie bürgerlicher Kulturauffassungen in Stellung zu bringen ist an sich ehrenwert. Moglicherweise wäre allerdings ein Angriff auf die puristische Kennerhaltung der "anspruchsvollen" Pop-Connaisseure, die intelligent Techno so verkosten wie guten Wein, aber niemals dazu auch nur mit den Ohren wackeln würden, zielführender gewesen.
So aber hebt "Electronic Vibration" als gewissenhaft aufgerüstete Verteidigungsschrift gegen die Kultursachverwalter aus Akademie und Feuilleton an und arbeitet sich an den sattsam bekannten Einwänden aus dem weiten Feld der angewandten Kultursoziologie gegen hedonistisch orientierte Formen der (zunächst subkulturellen) Selbstermächtigung ab. Noch einmal (zum wievielten Mal eigentlich?) muß da die berühmte Kulturindustrie-These Adornos als perfider gesamtgesellschaftlicher Verblendungszusammenhang herhalten, um dann erst recht als überholt wieder eingemottet zu werden.
Später werden altbackene bis faschistoide Theorien über das Verhältnis von Masse und Individuum ("eine hundertjährige Debatte", wie Klein richtigerweise selbst anmerkt) reaktualisiert, um dann wieder verworfen zu werden, und irgendwann werden auch noch die verschiedenen Subversionsmodelle von Pop neu aufgerollt, um flugs zugunsten der angeblich so selbstbewußt zwischen Ausverkauf und Selbstvermarktung oszillierenden Techno-Szene entsorgt zu werden. Stopp!
Wir befinden uns aber erst in der Mitte des Buches! Also müssen wir weiter und auch noch zum Beispiel da durch: durch die britischen Cultural Studies. Durch den Wulst von Kommerz und Kultur "als sozialer Aneignungprozeß". Dann kommen noch ein bißchen Medientheorie über die ästhetisierung der Wirklichkeit und ziemlich viel Bourdieusche Distinktionstheorie zu ihren wohlverdienten Auftritten - uff. Nicht daß das alles falsch wäre: Tatsächlich kann man Gabriele Klein fast immer zustimmen.
Bedingt zumindest: Ja, die Aneigung von Kultur ist auch ein ästhetischer Vorgang, ja, Kunst kommt auch von Konsum, ja, der Korper kann auch ein zentraler Ort der Erfahrung sein. Aber das bloße Referieren der Kernthesen von mittlerweile kanonisierten Theoriebausteinen wirkt auf die Dauer doch eher ermüdend. Umso mehr, als am Ende trotz der theoretischen Absicherungsversuche in diesem unwegsamen Gelände nicht viel mehr übrigbleibt als eben dieses schon eingangs erwähnte Plädoyer für die Sinnlichkeit als Jolly Joker im Sprachspiel der Kultur- und Poptheorien. "Denn nur über den Leib kann die Relevanz von Kultur erkannt werden, und erst über den Korper wird kulturelle 'Bildung' sichtbar."

Thomas Edlinger in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 35)


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