Ich dichte nie
Ein Werk-Porträt in einem Band

von August Strindberg, Renate Bleibtreu

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rogner & Bernhard
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 46/1999

"Ich bin ein altes Schwein"

Ein Werk-Porträt präsentiert den schwedischen Dramatiker August Strindberg von einer wenig bekannten Seite: als bedeutenden Prosadichter.

Hätten Sie gedacht, dass August Strindberg Humor hatte? "In meiner Eigenschaft als Schmutzschriftsteller habe ich besonders die Klosetts in den Hotels studiert", berichtet er beispielsweise einem Freund in einem Brief von einer Deutschland-Reise. "Die glänzendste Erfindung begegnete mir in Hamburg. Da entleerte man sich in etwas, das einer Suppenschüssel glich, und wenn man sich umsah, war nichts zu sehen, obwohl man hätte schwören können, ein paar Meter von sich gegeben zu haben; die Schale war nach der Verrichtung so makellos, dass man echte Schildkrötensuppe daraus hätte essen können; aber es war kein Wasserplätschern zu hören wie in Stralsund, wo die Brille nachgab, wenn man sich setzte, und ein strömendes Wasser losging. Es war die reinste Zauberei. Doch genug von Klosetts!"

Dass der bedeutende schwedische Dramatiker und Frauenhasser August Strindberg (1849-1912) ein Spaßvogel sein konnte, war bisher ebenso wenig bekannt wie der Umstand, dass er darüber hinaus auch noch als Wissenschaftler, Maler und Fotograf experimentierte und einer der wesentlichen Prosaschriftsteller der vergangenen Jahrhundertwende war. Seine Stücke - vor allem "Der Vater", "Fräulein Julie", "Totentanz" und "Ein Traumspiel" - gehören nach wie vor zum Repertoire unserer Bühnen; sein umfangreiches Prosawerk aber ist auf Deutsch nur höchst lückenhaft verlegt. Eine in den Achtzigerjahren bei Insel begonnene, auf zwölf Bände angelegte kritische Gesamtausgabe ist über vier Bände (die derzeit verramscht werden) nicht hinausgekommen; ansonsten sind eine dreibändige Auswahl von Erzählungen (bei Hanser) und zwei Romane lieferbar.

Die gute Nachricht: Es gibt jetzt ein Buch, das den unbekannten Strindberg mit all seinen Qualitäten und Kruditäten, in seinem ganzen Wahn und Witz präsentiert. Die Hamburger Übersetzerin Renate Bleibtreu hat unter dem schönen Titel "Ich dichte nie" ein Strindberg-Lesebuch herausgegeben, das sich als "Werk-Porträt" versteht und einen Pfad durchs Dickicht eines wild wuchernden Îuvres bahnt. In der "ellenstarken Auswahl aus mehr als zwei Metern Buch" bleibt das dramatische Werk, weil ohnedies geläufiger, ausgespart; der Reader enthält neben dem Roman "Inferno" und dem ersten Kapitel aus dem Roman "Das rote Zimmer" sieben Erzählungen und Novellen sowie Kurzprosa, Briefe, Notizen und Fotografien. Ein Teil der in chronologischer Reihenfolge versammelten Texte erscheint hier erstmals (oder wenigstens erstmals seit 100 Jahren) auf Deutsch.

Schriftstellern heißt nicht dichten, erfinden, was nie gewesen ist, sondern schriftstellern heißt erzählen, was man erlebt hat", schreibt der 33-jährige Strindberg in einem Brief an seine Schwester Elisabeth. Der junge Mann etwa, der im Romanerstling "Das rote Zimmer" (1879) über das abendliche Stockholm blickt, kann also durchaus mit dem Autor gleichgesetzt werden: "Sein Gesicht drückte jetzt Trotz, Lebenslust und Entschlossenheit aus, und als er sich über das Geländer beugte und auf die Stadt unter seinen Füßen sah, war es, als betrachte er einen Feind." Das heißt nicht, dass Strindberg ausschließlich autobiografisch geschrieben hätte; aber auch aus Figuren, mit denen er nicht offensichtlich sich selbst meint, spricht immer wieder der Autor persönlich. Er ist ein Erzähler von subtilem Witz, großem psychologischem Einfühlungsvermögen und genauer Beobachtungsgabe.

1895 gerät Strindberg in die so genannte "Inferno"-Krise, von der sein gleichnamiger Roman (1897) Zeugnis ablegt. Nach der Trennung von seiner zweiten Frau widmet er sich in Paris mit Feuereifer alchemistischen Experimenten, zieht sich dabei eine "unheilbare" Hautkrankheit zu und wird zusehends von paranoiden Wahnvorstellungen heimgesucht. Er beginnt, ein "Okkultes Tagebuch" zu führen (auch Auszüge daraus sind in dem besprochenen Band enthalten), begibt sich in psychiatrische Behandlung nach Schweden und reist ins oberösterreichische Saxen, wo er seine kleine Tochter (nicht aber seine Frau) wiedersieht. Schutz vor den bösen Mächten, die ihn verfolgen, findet Strindberg schließlich in den Schriften des Theosophen Emanuel von Swedenborg (1688-1772), die den gewesenen Sozialisten und Protestanten zum Katholizismus bekehren. Inwiefern "Inferno" tatsächlich das Dokument einer Geisteskrankeit darstellt, ist umstritten; um ein ziemlich wahnsinniges Stück Literatur handelt es sich in jedem Fall. "Hören Sie zu, junger Herr, ich bin kein Arzt, und ich bin auch kein Prophet", blafft der Autor einen Mitpatienten auf der Psychiatrie an, der ihn um Rat gebeten hat. "Ich bin ein altes Schwein, das Buße tut."

Und was ist mit dem Frauenfeind Strindberg? Der dreimal verheiratete Dichter war zweifellos misogyn veranlagt - allerdings auf ziemlich unterhaltsame Weise. "Die Frauenfrage scheint mir überschätzt", schreibt er im Vorwort zur ersten von zwei satirischen Geschichtensammlungen zum Thema "Heiraten" (1884). Von Relevanz sei das Problem nur bei den so genannten "Kultur-Frauen", wobei Strindberg in der Nora seines Kollegen Henrik Ibsen ein verhängnisvolles role model ausmacht: Er verteidigt Noras Gatten und erläutert am Beispiel einiger Schlüsselszenen, dass es sich bei dem Emanzipationsstück um ein großes Missverständnis handle, beweise dieses doch "das direkte Gegenteil dessen, was es beweisen soll". Immerhin sei es Ibsen anzurechnen, "das Problem der unglücklichen Ehe" thematisiert zu haben. "Eheliches Unglück hat viele Gründe", weiß Strindberg. "Zunächst die Natur der Ehe: Zwei Menschen, noch dazu verschiedenen Geschlechts, geben sich das unvorsichtige Versprechen, ein Leben lang zusammenzuhalten."

Das Zusammenleben mit dem Menschen Strindberg dürfte schon deshalb nicht ganz einfach gewesen sein, weil der Schriftsteller Strindberg einer einigermaßen egozentrischen Philosophie gefolgt ist. "Alles oder das wenige, was ich weiß, rührt von meinem Ich als dem eigentlichen Zentralpunkt her", schreibt er im "Inferno". Erst wenn er am Schreibtisch sitze, heißt es an anderer Stelle, lebe er. "Ich lebe, ich lebe in vielen Formen das Leben der Menschen, die ich schildere; ich bin froh mit den Fröhlichen, böse mit den Bösen, gut mit den Guten; ich trete aus mir heraus, spreche mit dem Mund der Kinder, der Frauen, der Greise; ich bin König und Bettler, ich bin der Größte, der Tyrann, und der am meisten Verachtete, der unterdrückte Tyrannenhasser; ich vertrete jede Ansicht, bekenne jede Religion; ich lebe in jedem Zeitalter und habe aufgehört zu sein. Es ist ein Zustand unbeschreiblichen Glücks."

Wolfgang Kralicek in FALTER 46/1999 vom 19.11.1999 (S. 68)


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